Wuppertaler Kultur: Vor Christoph Volls Werken kann der Betrachter mitfühlen

Wuppertaler Kultur : Vor Christoph Volls Werken kann der Betrachter mitfühlen

Die beiden Skulpturen sind noch bis Sonntag in der Sammlungspräsentation des Von der Heydt-Museums zu sehen.

Christoph Voll war immer stark an der sozialen Realität interessiert. Er wurde 1897 als Sohn eines Bildhauers und einer Malerin in München geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters verbrachte er seine ersten Jahre in einem katholischen Waisenhaus, dessen strenges Regiment bleibende Erinnerungen bei ihm hinterlassen sollte.

1911 zog die Mutter mit ihm nach Dresden, wo er bei dem Bildhauer Strake in die Lehre ging. Im Jubel der Kriegsbegeisterung des Sommers 1914 zurückhaltend, beendete er erst seine Lehre, bevor er sich 1915 zum Heeresdienst meldete und die Hölle des Grabenkrieges erlebte. Trotzdem gestaltete er nie Szenen des Krieges, sondern konzentrierte sich vielmehr auf die soziale Situation der Menschen in der Nachkriegszeit und suchte seine Sujets in der unmittelbaren Wirklichkeit.

Seine Holzfigur „Blinder Bettler“ von 1923/24 konzentriert große Ausdrucksstärke und Energie im kleinen Format. Leicht nach vorn übergebeugt, findet die gedrungene Figur Halt an einer niedrigen Stütze. Mit stumm geöffnetem Mund bittet er mit beiden Händen um Almosen. Seine tief liegenden Augen blicken ins Leere. Seine Schiebermütze kennzeichnet ihn als Proletarier. Die Arbeitsspuren des Künstlers bleiben im Material Holz sichtbar. Die Oberfläche ist nicht glatt, sondern uneben und zerfurcht.

Der Junge mit Namen Joseph, der Voll öfter Modell stand, steht in der etwas später entstandenen Figur „Nackter Junge – Joseph“ ungelenk und in leichter Schrittstellung auf einem kleinen Sockel und weiß nicht so recht, wohin mit seinen Gliedmaßen. Seine großen hohlen Augen blicken naiv und hilfesuchend in die Umgebung. Dünne, aber muskulöse Arme und Hände verraten harte Lebensumstände, die ihn zur Arbeit zwingen und eine Kindheit verwehren.

Oft wird Voll als der Bildhauer bezeichnet, dessen Kunst den gleichen veristischen Realismus wie Otto Dix‘ Malerei vertritt. Doch fehlt seinen Werken die morbide Kälte, die Dix‘ Gemälde oftmals durchdringt: Der Betrachter kann vor Volls Werken mitfühlen. Zu sehen sind beide Skulpturen noch bis 22. September in unserer Sammlungspräsentation „1919-2019“, die hundert Jahre Moderne im Von der Heydt-Museum versammelt. Die Nationalsozialisten hatten Volls Arbeiten in den 1930er Jahren als „entartet“ eingestuft und zahlreiche Werke beschlagnahmt. Der Künstler starb bereits 1939, gerade mal 41 Jahre alt.

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