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Wie das Coaching nach Düsseldorf kam

Wirtschaft : Wie das Coaching nach Düsseldorf kam

Barbara Rörtgen und Tim Prell haben als „Entwicklungshelfer“ vor 20 Jahren eine besondere Form der Beratung entwickelt. Bis heute hat niemand die Ideen kopieren können.

Humboldstraße 22, Erdgeschoss, viele Formen von Weiß. Das offene Weiß, das den Raum größer macht, das Fläche ist für Gedanken, Ideen, Abschweifungen. Das warme Weiß, das Gelb in sich trägt, das schönes Licht bedeutet, das sagt „Setzen Sie sich doch“. Das weise Weiß, das sich im Haar mit Grau mischt, das signalisiert, dass der andere einem zuhören kann und dass man ihm zuhören möchte.

Diese Formen von Weiß und alles, was damit verbunden ist, gibt es nun erstaunliche 20 Jahre. Als Barbara Rörtgen und Tim Prell im Jahr 2000 ihre Arbeit unter dem Titel „Die Entwicklungshelfer“ begannen, hatte ihr Feld im besten Fall keinen, meist aber keinen gut Ruf. Man kann sich das heute, da eigentlich jeder einen kennt, der sich zum Coach hat weiterbilden lassen, nicht mehr vorstellen, wie Coaching damals gesehen wurde. Coach und Therapeut schienen damals ein und dasselbe zu sein, und wer damals zum Therapeuten ging, stand im Ruf, am Rande des Nervenzusammenbruchs zu stehen. Die Aussichten, dauerhaft als Coach arbeiten zu können, waren entsprechend so ziemlich das Gegenteil von Weiß.

„Die Entwicklungshelfer“ aber sind noch da und haben nach eigenen Angaben mittlerweile rund 3000 Coachings geleitet. Zu ihnen kommen Menschen, die sich an einer der großen Kreuzungen des Lebens befinden: nach der Schule, in der Mitte des Lebens und zu Beginn des dritten Teils. Barbara Rörtgen und Tim Prell nennen ihren Weißraum Ideenlabor, deshalb heißen die Programme zu den Kreuzungen Abi-Lab, Job-Lab und Life-Lab.

Das mit dem Labor klingt natürlich erstmal gut, beschreibt zugleich aber schon den Kern, warum die beiden immer noch da sind. Für den Tag, den der Kunde bei und mit ihnen verbringt, gibt es keinen vorgegebene Struktur, kein Muster. „Wenn wir das Gefühl hätten, wir arbeiten hier etwas ab, dann würden wir das nicht mehr machen“, sagt Barbara Rörtgen. Wie im Labor untersuchen die Entwicklungshelfer und der Klient Leben und Lage, Leidenschaften und Abneigungen und experimentieren in Gedanken. Am Ende steht dann nicht eine Berufsempfehlung, sondern eine Perspektive. Die scheinen ganz offensichtlich zu den Persönlichkeiten zu passen, denn Rörtgen und Prell berichten, dass über all die Jahre konstant 70 bis 75 Prozent der Kunden die Perspektive zur Wirklichkeit gemacht haben.

Dass Menschen in der Mitte ihres Lebens zu den „Entwicklungshelfern“ kommen, also ins Job-Lab, ist bis heute so geblieben, allerdings hat sich diese Mitte merklich verschoben – um fast zehn Jahre nach vorne. Mitte heißt inzwischen eher 35 als 45. Das Leben ist im Guten wie im Schlechten schneller geworden, die Menschen sind nicht mehr so duldsam, sie halten nicht mehr durch bis zu Bandscheibe oder Burnout. Genau deshalb hat sich das Bild von Coaches (und Therapeuten) verändert, weil viele an sich oder anderen beobachtet haben, wohin das führt, wenn man zugleich unglücklich und beharrlich ist, und dass es besser ist, an der Stelle eine neue Chance zu suchen. Dazu passt: Früher irritierten Wechsel, heute akzeptieren und respektieren wir sie.

Ins Job-Lab kommen immer einzelne Personen, ins Life-Lab dagegen oft Paare. Es sind Menschen zwischen Mitte 50 und Mitte 60, die überlegen, wie sie den Rest des Lebens gestalten möchten, aber noch keine passende dafür Idee haben. Sie mussten lange funktionieren, sie haben viele Gewohnheiten entwickelt, jetzt „droht“ Freiheit und das oft auch noch zu zweit. Das, was eigentlich die unbeschwerte Zeit im Leben werden soll, fängt ziemlich schwierig an. Die Paare sprechen deshalb einzeln und gemeinsam mit den Coaches, sie betrachten einander nochmal neu und diskutieren dabei auch, was sie gemeinsam machen wollen und können – und was eben auch nicht.

Für die jungen Menschen im Abi-Lab braucht es noch einen Bewusstseins-Wandel , wie es ihn für die anderen beiden Phasen schon gegeben hat. Noch ist da auf der einen Seite der junge Mensch, 17, 18, 19 Jahre, der mit dem Vorschlaghammer suggeriert bekommt, dass gerade die ganz wichtigen Entscheidungen vor ihm liegen. Zugleich weiß er noch nicht genug über sich, um solche Entscheidungen zu treffen. Auf der anderen Seite sind da die Eltern, die in der Regel davon ausgehen, ihr Kind zu kennen. Es ist entweder wie der Vater oder wie die Mutter oder wie eine Mischung aus beiden, und aus einem von dreien ergibt sich dann schon der passende Weg. Dass es aber noch eine vierte Möglichkeit gibt und die sogar die wahrscheinlichste ist, haben viele Eltern nicht auf dem Schirm. Deshalb lautet die Botschaft der „Entwicklungshelfer“ an dieser Stelle: „Du musst nicht jemand werden, Du bist schon jemand. Und wir finden heraus, wer und was.“

Wie die Räume an der Humboldstraße auf alle drei Gruppen wirken, zeigt etwas, das immer wieder passiert. Erst im Laufe des Tages merken die Klienten, dass mitten im Weiß ein roter Stuhl an der Wand hängt.