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Das Kassenzettel-Trauma

Kolumne : Das Kassenzettel-Trauma

Stadt-Teilchen Unser Kolumnist berichtet über seine Zeit als Ladendieb und Bee-Gees-Fan.

Ich war kürzlich bei Karstadt. Ich habe dort ein Hemd gekauft, was ein bisschen umständlich war, weil beim Anprobieren die Maske ein bisschen hinderlich ist. Aber ich dachte, ich fördere mal den Laden, in dem es jetzt so kriselt, und sorge für ein bisschen Umsatz, was ja, wie man jetzt weiß, wenig genutzt hat. Ich kaufte also das Hemd und schlenderte weiter durch das Kaufhaus, als es mich plötzlich wie ein Blitz traf. Der Kassenzettel! Wo war mein Kassenzettel? Ich kramte in allen Taschen, der Kassenzettel blieb verschwunden. Ich musste ihn an der Kasse liegengelassen haben. Ich merkte, wie mir der Schweiß ausbrach. Ich bewegte mich langsam in Richtung Ausgang, und erst als ich draußen wieder Sonnenlicht sah, ließ meine Panikattacke nach.

Man muss dazu wissen, dass ich unter einem Kassenzettel-Trauma leide. Wenn ich in einem Laden etwas kaufe und mit dem Gekauften noch in einen anderen Laden will, geht das nur mit Kassenzettel. Ich überprüfe das jedes mal vor dem Betreten. Habe ich keinen Kassenzettel für die mitgeführte Ware, ist mein Einkaufsbummel automatisch beendet.

Dieses Trauma ist sehr eng mit Karstadt verwoben und mit der Tatsache, dass ich dort Hausverbot habe. Ich darf also streng genommen das Kaufhaus nicht betreten. Ich tue das trotzdem regelmäßig, weil ich hoffe, dass das Hausverbot irgendwie nicht mehr gilt. Dass es quasi verjährt ist. Ich hoffe das allerdings nur, klares Wissen ist mir in dieser Angelegenheit nicht verfügbar.

Ich habe Hausverbot, weil man mich bei Karstadt beim Klauen erwischt hat. Ja, ich gebe zu, ich habe geklaut. Klauen war eine Zeit lang mein großes Hobby. Wenn ich nichts zu tun hatte, schlenderte ich durch Düsseldorfs Geschäfte und klaute wie ein Rabe. Nicht, dass ich irgendetwas von dem, was ich klaute, wirklich gebraucht hätte. Nein, ich klaute einfach so.

Und bei Karstadt haben sie mich dann erwischt. Es war das Jahr 1968, ich war süße 13 und hatte gerade ein Angelblei im Wert von fünf Pfennig eingesteckt, als ich von hinten eine Hand spürte. Die packte meinen Arm, der an die Hand montierte Mensch sagte etwas wie „Du kommst jetzt mal mit“ und geleitete mich in ein Büro. Dort musste ich meine Taschen leeren. Natürlich war da mehr drin als nur ein Angelblei. Ich war halt ein ziemlich guter Klauer. Ich konnte als 13-Jähriger nicht viel, aber klauen konnte ich gut. Also wurde die Polizei gerufen, und weil ich keinen Bock hatte auf den drohenden Stress mit meinen Eltern, stellte ich mich dreist als Udo Dietrich vor. So hieß ein Klassenkamerad, zu dem ich keine besondere Beziehung hatte, aber sein Name schien mir tauglich genug, als Allerweltsbezeichnung durchzugehen und nicht weiter aufzufallen. Ein bisschen fühlte ich mich wie ein Undercover-Agent. Aber nur ein winziges Bisschen.

Als meine Heimatanschrift gab ich auf dem Polizeipräsidium die damalige Autogrammadresse der Beatband The Lords auf der Karl-Rudolf-Straße an. Ich hatte öfter schon mal vor dem Haus gestanden und darauf gehofft, die Lords würden rauskommen und mir ein Autogramm geben. Haben sie aber nie getan.

Also steuerte am frühen Abend ein junger Kriminalbeamter mit mir im Gepäck die Karl-Rudolf-Straße an, und weil es schon spät war, drückte ich in dem Geschäftshaus einfach eine Klingel ohne Namen. Niemand drückte auf, weil die zugehörigen Büros längst verlassen waren. Also erzählte ich dem Beamten, dass meine Mutter gewiss in den umliegenden Straßen zum Einkauf sei. Ich war schon damals ziemlich gut im Erfinden phantastischer Geschichte. Der junge Beamte packte mich also in seinem Dienst-VW auf den Beifahrersitz und wir fuhren die umliegenden Straßen ab.

Irgendwann sah ich auf der Talstraße eine Frau, die mir geeignet schien und sagte dem Beamten: „Da ist sie.“ Er bremste, hielt an, stieg links aus und ging zu der gezeigten Frau zurück. Ich stieg dagegen rechts aus und lief nach vorne so schnell ich konnte. Ich flitzte um die nächste Ecke und dankte den Lords für ihre wunderbare Autogrammadresse. Sie hatten mich gerettet. Zumindest um diese Ecke. Ich hetzte weiter, aber dann hörte ich plötzlich schnelle Schritte. Weil Klauen mein einziger Sport war, musste ich aufgeben, und der Kriminalbeamte sammelte mich kurz darauf wieder ein. Er sei der Beste beim 100-Meter-Lauf, sagte er noch. Ich fragte ihn nicht, ob er die Lords kennt. Menschen, die gut in Sport sind, hatten damals eh keine Ahnung von Pop.

Ich habe das mit dem Klauen danach ziemlich direkt dran gegeben. Allerdings nicht nur wegen dieses unschönen Vorfalls, der mir Hausverbot bei Karstadt und eine zweimonatige Ausgangssperre daheim einbrachte. Nein, es waren die Bee Gees, die mich vom Klauen abbrachten. Ich hatte halt als 13-Jähriger eine Phase, in der ich Bee-Gees-Fan war. Vorne Bee Gees, hinten Bee Gees, überall Bee Gees. Alle Wände meines Zimmers waren verpostert, und hätte ich damals schon Besuch von Mädchen gehabt, sie wären dahin geschmolzen.

Auf jeden Fall habe ich wegen einer Aussage von Barry Gibb, dem Ober-Bee-Gee, sogar das Klauen drangegeben. Barry fand das doof. Stand jedenfalls in der „Bravo“. Also fand ich das Klauen, das ich bis dahin als eine Art Sport aus Langeweile betrieben hatte, auch doof.

Natürlich vor allem wegen Barry Gibbs moralischem Diktat. Zudem war ich fest davon überzeugt, dass er, der sanfte Betörer alles Weiblichen, meinen Weg in die Frauenwelt ebnen würde. Schließlich war ich als Bee-Gees-Fan ein begehrter Gesprächspartner für die Mädchen. „Mit dir kann man so schön reden“, sagte irgendeine Karin einmal. Auch sie fand die Bee Gees schlichtweg großartig. „Words“ war ihr Lieblingslied, meines war „New York Mining Disaster 1941“, und ich rechnete mir schon gute Chancen aus, Karin irgendwann unter den Pullover fassen zu dürfen. Leider kapierte ich zu spät, dass Reden und sexuelle Annäherung damals keine Einheit bei Mädchen bildeten. Zumindest nicht in meinem Fall. Reden wollten die Mädchen schon vor allem mit mir, intimer wurden sie dann aber mit anderen, mit härteren Jungs. Karin zog mit Burghardt ab, einem Ass in Sport. Ein Depp, wie er im Buche stand. Burghardt stand auf Jimi Hendrix und die Stones. Karin stand auf ihn. Gemeinsam zogen die beiden ab, und später hörte ich, dass sie ihm, dem Deppen, weit mehr erlaubt hatte, als ich je zu erträumen wagte. Ich überlegte kurz, ob ich wieder mit dem Klauen anfangen sollte.

Jahrzehnte später habe ich dann als Journalist mal bei einer Bambi-Verleihung hinter der Bühne gestanden, und auf einmal tauchten neben mir die Bee Gees auf. Alle drei. Ich stand direkt neben Barry. Ich war versucht, ihm mitzuteilen, dass ich wegen ihm das Klauen sein gelassen hatte. Ich wollte ihm auch sagen, dass es schwer war, als Bee-Gees-Fan ein Mädchen abzukriegen. Aber bevor ich meine Aufregung runterschlucken konnte, mussten die drei auf die Bühne, einen Bambi abholen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, Barry habe mich beim Rausgehen gestreift.

Komisch, an was man so alles denkt, wenn man bei Karstadt ein Hemd kauft und den Kassenzettel vergisst.