Singletag in Düsseldorf: Baggern in Bilk, Flirten in Flingern

Stadt-Teilchen : Freiheit trifft Nähe — Sonntag ist Singletag

Sonntag ist Single-Tag. Was macht der Single da?

Was macht der Single in Düsseldorf am Sonntag? Diesen Sonntag! Am Single-Tag? Ausgerufen kurz nach dem Tag des Mannes, noch weit entfernt vom Frauen-, noch weiter vom Muttertag. Ich denke mal, ausschlafen. Ein Düsseldorfer Single muss nämlich über die Woche sehr, sehr busy sein, damit er die Miete zusammen bekommt, um in seinem bevorzugten Stadt-Teilchen seinen Single-Haushalt führen zu können, bevorzugt in Pempelfort, Flingern oder Unterbilk, dem Jagd-Hafen für Singles nach dem Düsseldorf-Slogan mal andersrum: Freiheit trifft Nähe.

Das dürfte in etwa die landläufige Meinung über Düsseldorfer Yuppies (Young Urban Professionals) sein. Dabei sieht der Single, dem ich so begegne am Samstagmorgen, ganz anders aus. Sicher, auch er lebt im angesagten Viertel, Stadtmitte, Alt- und Carlstadt, aber im Gegensatz zu den jüngeren Praktikanten des Single-Seins, schon gaaanz lange, manchmal sogar seit Generationen.

Der Single, den ich meine, ist schon in seinen Sechzigern oder Siebzigern und hatte sein Start up bereits in den wirtschaftswunderbaren Nachkriegsjahren. Ich begegne ihm oft auf dem Carlsplatz, wenn er am französischen Käse-Stand mit Bedacht seine Lieblingssorten auswählt. Oft folge ich anschließend seinen Empfehlungen, genieße sie, wie auch er vielleicht, ganz für mich allein.

Oder im Supermarkt gleich gegenüber, wenn ich im Stillen mein Spiel spiele nach dem Motto: Zeige mir, was Du im dem Körbchen hast, und ich sage dir, wie du lebst … Allein? So ein City-Markt muss mitnichten anonym sein. Die Kassiererinnen kennen ihre Kunden. Nicht nur die Singles, die um die Mittagszeit die Schlange zum Zischen bringen, wenn sie Smoothie und Müsli-Riegel umständlich „mit Karte“ zahlen, sondern auch die ältere Dame, die ihr Portemonnaie hinhält, damit die vertraute Kassiererin sich den Rechnungsbetrag rausklaubt.

Denn anders als das Bild, das wahrscheinlich die meisten vor Augen haben, besteht die Mehrheit der Düsseldorfer Singles eben nicht aus schicken, torschluss-panischen Thirtysomethings. Die Mehrzahl der Alleinlebenden in Düsseldorf ist zwischen 43 und 65 Jahren alt, nicht wenige noch älter. Erst dann kommen die 30- bis 45-Jährigen. Von den rund 350 000 Haushalten in der Stadt werden 190 000 von einer Person bevölkert. Pro Haushalt sind das 1,78 Menschen. Ich lebe im Zentrum der Stadt, hier sind es anderthalb (seitdem bin ich auf der Suche nach der besseren dritten Hälfte).

Düsseldorf steht mit über 50 Prozent Single-Haushalten auch nicht mit Metropolen wie Berlin (49 Prozent), München oder Köln auf den vorderen Plätzen der Hochburgen für Einzelkämpfer. Die Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg hat herausgefunden, dass in Flensburg, Regensburg, Würzburg, Leipzig oder Passau prozentual noch mehr Menschen allein leben.

Was keine Statistik verrät: Ob Jemand kurz oder lang, bewusst oder unfreiwillig allein lebt. Wer es satt hat, Single zu sein, geht auf die Suche. Tagsüber vielleicht in der Zicke oder dem Schwan, nach Einbruch der Dunkelheit in angesagten Clubs wie Sir Walter.

Das sind so die Empfehlungen: Flirten in Flingern, Baggern in Bilk, Poussieren in Pempelfort. Oder einfach gleich Online: Dating Café, Lemon Swan, Uni-Kuscheln. Inzwischen gibt es auch Mischformen wie Face-to-Face-Dating. Kein Speed- sondern Casual-Dating, eine Tour durch drei Düsseldorfer Bars mit lockerem Kennenlernen am Sechser-Tisch. Fakegefahr 0 Prozent, verspricht der Anbieter.

Einmal im Jahr steigt der Flirtfaktor in der Innenstadt in die Höhe: mit der Eröffnung der Weihnachtsmärkte beginnt bald wieder der Bretterbudenzauber. Fröhliches Vorglühen fürs Fest, egal welches. Beim feierabendlichen Bechern von flüssigen Kopfschmerzen wird am Ende jeder Arbeitstag zum Single-Tag. Süßer die Weinchen nie klingen im Kopf: Single Bells, Single Bells …

Mehr von Westdeutsche Zeitung