Flughafen Düsseldorf: Wo bleibt das Durcheinander?

Stadt-Teilchen : Lieber Flughafen Düsseldorf, wo bleibt dein grandioses Durcheinander?

Höchstens zur gewohnten Aerofolklore reicht zurzeit das Gemecker an Schleusen und Schaltern.

Wenn ich mal richtig schlechte Laune habe und nicht mehr glauben mag an das Gute im Menschen, dann fahre ich zum Flughafen. Ich suche mir einen herannahenden Flieger von ganz weit weg aus und postiere mich dann vor dem Ausgang, der den Heimkommenden zugedacht ist. Oft muss ich ein bisschen warten, weil das mit den Koffern in Lohausen traditionsgemäß etwas dauert. Man will dort die liebgewonnenen Fluggäste halt noch eine Weile bei sich behalten, Trennungsschmerz vermeiden.

Besonders Sonntagsabends kann man das erleben beim A380 aus Dubai, der vor allem Umsteiger an Bord hat, die aus Neuseeland kommen oder aus Peking oder aus Singapur. In der Regel waren die Reisenden lange weg, und dementsprechend herzlich fällt bei vielen der Empfang aus. So viel Freude, wie man dort sieht, wenn die Heimkehrer eine Stunde nach der Landung hoffnungsvoll blickend durchs Tor treten und auf erwartungsfroh blickende Menschen treffen, die über eine Stunde auf den Zehen hin- und hergewippt sind, erfährt man im normalen Leben selten.

So viel Heiterkeit in der Begegnung, so viele Hunde, die regelrecht austicken, weil Frauchen endlich wieder die Geschäfte übernimmt, so viele junge Paare, die sich nicht mehr loslassen mögen. Leuchtende Augen und knallrote Wangen sind die Regel. Da stören nicht einmal die dusseligen Ballons oder die in hässliche Plastiküberwürfe gestopften Teuerblumen. Hier herrscht Happy End ohne Ende. Wer also das Glück in Düsseldorf sucht, ist in der Ankunftsebene bestens aufgehoben.

Der Flughafen ist mir indes auch eine beliebte Anlaufstelle, wenn es mir zu gut geht. Wenn ich strotze vor Glück und mein Wohlbefinden droht, mich platzen zu lassen vor Freude. Dann möchte ich dieser Gefahr der unkontrollierten Entladung Einhalt gebieten und mich auffüllen mit etwas Ungemach. Etwas Ungemach? Nein, viel Ungemach. Und wo findet man normalerweise viel Ungemach? Richtig. Im Flughafen. Auf der Abflugebene. Am besten morgens zur raschen Stunde, wenn ganz viele abzuheben trachten.

Leider funktioniert diese Methode derzeit nicht mehr so wie ich es gewohnt bin. Erst kürzlich habe ich sie mal wieder ausgetestet, bin rausgefahren und habe mich umgesehen. Ich hoffte, in der Abflughalle mal wieder in aller Seelenruhe einen Kaffee trinken zu gehen und dabei zu beobachten, wie sich schlecht gelaunte Passagiere mit viel zu viel Gepäck einreihen in endlose Warteschlangen, wie eigentlich auf Erholung erpichte Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs balancieren und die angeblich schönsten Wochen des Jahres mit Wutanfällen und schlimmen Beschimpfungen beginnen. Das hat in der Vergangenheit häufig zu meiner Belustigung beigetragen. Es gibt halt nichts Schöneres als Menschen zuzuschauen, die wegwollen, es aber irgendwie nicht schaffen und dabei zu verzweifeln drohen.

Währenddessen saß ich tiefenentspannt über meiner Dosis Koffein und kicherte leise in mich hinein. Einen schöneren Kurzurlaub als das weitgehend anlasslose Kaffeetrinken am Flughafen mit einem gehörigen Schuss Schadenfreude kann man sich nicht vorstellen. Vor allem die Aufteilung der Gemütszustände hat mir stets extrem gefallen: Ich die Ruhe, die anderen die Hysterie. Aber nun? Was ist los am Flughafen? Ich frage mich das ernsthaft. Wo ist das Chaos, auf das mich sonst verlassen konnte wie auf den Stau am Kölner Ring? Die Antwort fällt ernüchternd aus. Es ist einfach nicht richtig was los am Flughafen.

Natürlich sind da Menschen eilig unterwegs. Natürlich gibt es da auch mal Schlangen vor Schaltern und Kontrollstellen. Natürlich brechen immer noch Menschen vor den Check-In-Automaten zusammen, weil sie sich von der Maschine missverstanden fühlen und ganz offensichtlich auch missverstanden werden. Aber das sind ganz normale Vorgänge in diesem lichten Palast der Mobilität. Nichts, was zu ernsthafter Belustigung einlädt, wobei mir gerade selbst auffällt, dass ernsthafte Belustigung ein zumindest gewöhnungsbedürftiges Wortpärchen ist. Daher bitte wieder setzen, liebe Deutschlehrer. Finger runter, nicht schnipsen. Ich saß also da und fand keine Zerstreuung beim Kaffee. Ich seufzte. Der Düsseldorfer Flughafen ist nicht mehr das, was er mal war, nicht mehr der gigantische Ameisenhaufen, der regelmäßig von irren Riesen mit kleinen Nadelstichen aus der Feste seiner Konstruktion geworfen wird und hernach wieder aufgebaut werden muss. Nein, solche Zeiten sind vorbei.

Was ist nur los mit dem Düsseldorfer Flughafen? Was läuft schief in Lohausen? Der Sommer ist bald rum, und der heimische Airport hat noch immer nicht gleichgezogen mit anderen Start- und Landezentren. Nur mal zur Erinnerung. In München stand kürzlich einen halben Tag lang alles still, weil ein Fluggast durch den Sicherheitsbereich marschierte und sich hinterher herausstellte, dass er nicht komplett untersucht worden war. Die Folge: Räumung des Terminals, abgesagte Flüge, genervte Passagiere in Massen. Ähnliches passierte kurz danach in Frankfurt. Wieder Räumung, wieder Absagen, wieder genervte Passagiere in Massen. Und dann Bremen, wo angeblich eine Sicherheitstür Alarm schlug. Die Folge: Räumung des Terminals, abgesagte Flüge, genervte Passagiere in Massen. Und in Düsseldorf? Nichts. Nun ja, ehrlicherweise muss man sagen, dass es nicht nichts im Sinne von gar nichts gab. Natürlich warteten Passagiere endlos auf ihre Koffer, waren die Auswirkungen von Streiks zu spüren, und es kam auch schon mal zu Staus. Aber das gehört hierzustadt zur Aerofolklore. Wer fliegt, braucht was zum Maulen hinterher. Sonst müsste er ja nicht fliegen.

Und Düsseldorf eignete sich doch bislang immer sehr gut für eine Mäkelmeldung. Überlastetes Sicherheitspersonal, zu wenige Kontrollstellen besetzt, drohendes Chaos - so kennen es die Düsseldorfer. Wenn sie mal so richtig in die Luft gehen wollen, versuchen sie halt in die Luft zu gehen. Hat bislang immer geklappt. Aber nun? Wo bleibt so ein richtig heftiges Security-Gewitter wie in München, Frankfurt und Bremen? Bislang Fehlanzeige. Das wäre doch mal ein Thema für einen richtig schönen Untersuchungsausschuss. Fragestellung: Wird Düsseldorf luftfahrttechnisch abgehängt, weil dort alles zu gut läuft?

Obwohl, ich habe den Glauben an die diesem Mobilitätstempel innewohnende Kraft der kalkulierten Chaoserzeugung noch nicht komplett aufgegeben. Ich schreibe diesen Text an einem Dienstag, und ich gebe ihn am Mittwoch in der Redaktion ab. Erscheinen soll er am Samstag. Ich bin fest davon überzeugt, dass bis dahin noch etwas geht. Irgendwer wird sich schon noch verirren in einer Sicherheitsschleuse, und dann hat auch der Düsseldorfer Flughafen seine bundesweite Meldung, dann schließt er endlich auf zu München, Frankfurt und Bremen. Ich schaue daher bis Samstagmorgen stündlich in die Nachrichten, ob irgendetwas passiert, dass es in die Schlagzeilen schafft, von wegen Räumung des Terminals, abgesagte Flüge, genervte Passagiere in Massen. Dann fahre ich sofort los zum Glotzen. Sollte allerdings bis zum Erscheinen nichts Gravierendes vorgefallen sein, dann gilt mein Flehen als unerhört, dann bitte ich direkt: Lieber Flughafen Düsseldorf. Ich glaube an dich. Komm, du kannst es. Du warst immer ein sicherer Garant für grandioses Durcheinander. Enttäusche mich nicht. Make Airport Düsseldorf great again.

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