Stadt-Teilchen: In Düsseldorf gibt es einfach zu wenig Dachterrassen

Stadt-Teilchen: In Düsseldorf gibt es einfach zu wenig Dachterrassen

Düsseldorf. Fragt man Jakob, den kleinen Enkel meiner Sportskameradin Eva, wo Omas runder Geburtstag gefeiert wird, antwortet er strahlend: „In der Rooftop-Bar!“ Und fügt triumphierend hinzu: „In New York!

“ Eva weiß selbst noch nicht, welche das genau sein wird, aber alle freuen sich drauf. Versteht jeder, der mal auf solch einer tollen High-End-Terrasse weit über einer glitzernden Welt gestanden, gestaunt und gefeiert hat.

Zuhause in Düsseldorf wäre die Suche nach einem solchen himmlischen Ort schwieriger gewesen. Schade eigentlich. Gerade im Mai, wenn der Himmel so blau, die Luft so lau ist, überkommt einen doch die Lust, der Stadt aufs Dach zu steigen. Aber wo?

Ich liebe Dach-Terrassen. Wenn ich ein Hotel buche und eines finde, das oben offen ist, bin ich gern bereit, etwas mehr zu bezahlen, weiter unten in einem kleineren Zimmer zu schlummern, wenn ich vorher „on the Top“ meinen Schlummertrunk nehmen kann. Hab’ ich gerade wieder gebucht. In Berlin, meine Lieblingsterrasse oben in Mitte. Sie krönt das Amano, ohnehin ein cooler Schuppen. Er hat auch eine Dependance in Düsseldorf, leider ohne Oben ohne. Aber die denken sich da gerade was Anderes aus, heißt es.

In Düsseldorf wollen mir auf Anhieb kaum Roof-Top-Bars einfallen. Selbst wenn ich die Pläne der aktuellen Nobel-Hotel-Baustellen in der Stadt studiere, besteht wenig Aussicht auf Aussicht. Dabei hatte Düsseldorf durchaus mal tolle begehbare Dach-Marken, offene oder zumindest bodentief verglaste für den Ganzjahresbetrieb. Meine Oma ging gerne ins Café Kö-Blick, das war ganz oben am Ende der Kö in dem Hotel, das heute Leonardo heißt, das frühere Holiday Inn. Doch den schönen Blick, der jetzt bis zum wieder sprudelnden Schalenbrunnen am Corneliusplatz reichen würde, den gibt’s schon lange nicht mehr. Keine Ahnung, was Leonardo in seiner Dachkammer macht.

Das Dach der Kö-Galerie krönte anfangs ein Fitness-Club mit einer Jogging-Bahn. Aus irgendeinem Grund war das nicht der Renner.

Auch vom Dach des Interconti, auf dem sogar ein kleiner Kräutergarten gedeiht, hat man einen grandiosen Blick auf die Kö. Von dort wirkt das Laub der ehemaligen Kastanien-Allee im Sommer wie eine geschlossene Grün-Fläche. In der Vorweihnachtszeit kann man sich an der erleuchteten Prachtmeile ergötzen. Dafür muss man allerdings die Präsidenten-Suite mieten. Kein Zugang fürs Fußvolk.

Da wäre noch das Gap-Hochhaus mit dem Schriftzug Ey, aus dem die Ernst & Youngs wirtschaftsprüfend auf die Stadt runtergucken. Helge Achenbach liebäugelte mal mit einer Top-Location in der obersten Etage, bevor er seine Monkeys-Restaurants ganz unten aufsetzte. Vor längerer Zeit war ich mal in dem Casino oben, das nur ab und an genutzt wird. Die Aussicht ist grandios, weit über den Rhein und senkrecht in Hinterhöfe der Carlstadt, die man sonst nicht zu sehen bekommt.

Solche Aussichten werden höchstens noch getopt in der obersten, der 22. Etage des Drei-Scheiben-Hauses, die vom Restaurant Phönix für besondere Gelegenheiten gebucht werden kann und letztes Jahr als Schauplatz vom Schauspielhaus für den „Fall Simon“ bespielt wurde. Dabei möchte man dort doch gern auch mal spontan an einem schönen Mai-Abend rauf.

Bliebe noch der so genannte Medienhafen. Wenn, wenn nicht dort, hätte man solche Publikums-Plattformen planen können? Doch es gab ja noch nicht einmal einen Masterplan für die Bebauung. Deshalb wirkt die Architektur-Dauer-Ausstellung jetzt so, als hätte ein Riese seine bunten Bauklötzchen nicht ordentlich weggeräumt. Ok, „The View“, die Sky-Lounge vom Innside Melia-Hotel, ist ein offenes Angebot, das unter der Woche aber auch nicht so recht angenommen wird. Der schönste Kiesel am Rhein, das silberne Pepples vom Hyatt im Hafen liegt zwar tiefer, bietet aber einen tollen Blick übers Wasser auf die Altstadt. Viel mehr zum Thema Top of the Top-Hotel fällt mir da auch nicht ein.

Ein Gegen-Argument lautet ja immer, dass sich solch ein Außenbetrieb nicht lohne in luftiger Höhe, weil er — mal abgesehen davon, dass immer alles nach oben gebracht werden muss — nur wenige Monate in Betrieb sein könnte, und dann auch nur bei schönem Wetter. Lasse ich so nicht gelten. Top-Hotel — der Name ist schließlich Programm. Und die Ansprüche nach oben offen: Wenn ich schon bereit bin, einen höheren Preis für einen Cocktail zu zahlen, dann soll man mir den auch nachtragen, höher hinaus tragen und nicht in einem dunklen, fensterlosen Plüsch-Schuppen servieren.

Eine entspannte Alternative ist für mich immer noch die Tonhallen-Terrasse. Bei schönem Wetter ist dort aber schwer ein Platz zu bekommen, besonders, wenn man zu mehreren kommt. Wer einmal einen von den Sitzsäcken, Kuschelwürfeln oder menorquinischen Künstlerstühlen erobert hat, gibt ihn so schnell nicht wieder her.

Als ich neulich Besuch aus Süd-Afrika hatte, suchten wir vergeblich einen Ort für einen Absacker mit Aussicht. Die Sonne stand schon tief, höchste Zeit für einen Spitzen-Platz in Düsseldorf. Da griff einmal mehr meine bewährte Low-End-Lösung: Ein kühles Bierchen to go vom Kiosk an der Mühlenstraße, der mit seinem internationalen Angebot selbst verwöhnte Global Schlucker verblüfft. Dazu ein Fischbrötchen von Gosch auf Pergament und auf die Hand mit der hingeworfenen Bemerkung: „Krieg’ste so sonst nur auf Sylt“. Und dort auch nur im Sand und nicht auf einer riesigen Freitreppe mit einmaligem Panorama: Sonnenuntergang über Oberkassel. Auf Augenhöhe — von keinem Roof zu toppen…

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