Stadt-Teilchen : Hinter Indien geht’s weiter…

Die Düsselthaler Straße ist eine der originellsten Straßen der Landeshauptstadt, findet unsere Kolumnistin.

Der Name Merkur wird wohl über kurz oder lang verschwinden von der Fassade. Nein, nicht von der umstrittenen Spielarena. Nach dem römischen Gott der Händler und Diebe ist auch eine Apotheke an der Düsselthaler Straße benannt. Die steht leer und sucht einen neuen Mieter. Ebenso wie das fast hundert Quadratmeter große Ladenlokal gleich neben der Rochus-Schänke von Efi und Kosta.

Man darf gespannt sein, wer oder was da reinkommt an der Ecke, an der für mich eines der originellsten Straßenstücke in Düsseldorf beginnt. Es ist noch nicht mal lang, nur wenige hundert Meter von der Rochus- bis zur Schirmerstraße. Doch dazwischen trifft sich gefühlt die halbe Welt.

Die Düsselthaler Straße bildet auf dem Stadtplan einen Schrägstrich zwischen der altehrwürdigen Prinz-Georg-Straße, deren noble Stadt-Villen gerade wieder entdeckt werden, und der neuen Toulouser Allee. Das Flair, mit dem dort geworben wird, hier ist es zu Hause.

Die Mischung macht’s. Was nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist von der großen Kreuzung, wo Adler-, Rochus- und Pempelforter Straße zusammenstoßen. Da wirkt die Straße ziemlich eintönig. Doch das täuscht. Man muss schon näher hinsehen, bevor man „Die Toten Hosen unter falscher Flagge“ ankern sieht in einem Second-Hand-Record-Store. Regal an Regal voller Schätzchen von A bis Zappa.

Ein Haus weiter will mich eine Batterie von Blech- und Plastikkatzen ins „Coco“ winken, wo mir liebevolle Wellness-Massagen versprochen werden. Wenige Schritte weiter als Kontrastprogramm eine Schule für Berufskraftfahrer, schräg gegenüber eine andere, wo man scheinbar einen Taxischein machen kann. Als kreatives Kleinod dazwischen die HWL-Werbeagentur, die in ihren Räumen seit fast zwanzig Jahren auch noch eine anspruchsvolle kleine Galerie betreibt. Sie stellt schwerpunktmäßig Künstler aus dem Umkreis der Düsseldorfer Kunstakademie. Nebenan wird der Nachwuchs des Stadt-Teilchens betreut: Großtagespflege „Kleine Zwerge“.

Wechselt man die Straßenseite, ist man auch schon bald „hinter Indien“, Düsselthaler Straße 1a, Adresse und Hausnummer einer Ateliergemeinschaft von drei Schmuck-Designerinnen im Hinterhof. Der Name bezieht sich auf das indische Spezialitäten-Restaurant „Kirtis Dhaba“ im Vorderhaus.

Sieht von außen nicht unbedingt einladend aus. Aber das will ja bei Kneipen bekanntlich nichts heißen. Ein weitgereister Mode-Mann empfahl es mir vor Jahren „als besten Inder von Düsseldorf“. Seitdem geh’ ich gerne mal mit Freunden hin, am liebsten an einem verregneten Sonntag zum Brunch.

Nicht weit von „Indien“ flattern bunte Gebetsfahnen im Wind. Aus der offenen Tür darunter klingen monotone Gesänge: hier hat eine buddhistische Begegnungsstätte ihre Adresse. Wohingegen die Fenster der Calvary Chapel ein paar Häuser weiter den Durchblick verweigern. Ein Ableger der in den 60-er Jahren in Kalifornien gegründeten evangelikalen Freikirche hält hier seine Gottesdienste ab. Himmel und Spiel-Hölle folgen hier dicht aufeinander.

Den Abschluss des kunterbunten Straßenstücks bilden zwei Italiener, auf der einen Seite der Genuese, auf der anderen Mossimo Milano. Aber damit ist noch lange nicht Schluss. Das Flair der Düsselthaler Straße strahlt aus: nach links in die Derendorfer Straße mit „Tante Emma“ und dem kreativen Café Damos. Spezialität: Hausgemachter Ingwer-Drink, im Sommer kalt, im Winter heiß.

Es duftet nach frisch gebackenem Kuchen aus der Backstube dahinter. Hier macht Pempelfort Pause. Bevor es rechts rum in der Schirmerstraße weiter geht. Dort ist in einen Hinterhof gerade der Concept Store „StyleAlbum“ eingezogen. Von wo? Bastionstrasse. Denen ist es in der der Innenstadt wohl zu langweilig oder zu teuer geworden. Ist es hier beides nicht.

Lust bekommen auf einen Blick hinter Indien? Da trifft es sich gut, dass an diesem Wochenende wieder die Schmuckpunkte gesetzt werden in Düsseldorf. „Hinter Indien“ ist einer davon. Aber dann die Geschichte bitte ganz schnell wieder vergessen. Sonst wird’s dort womöglich bald so schick wie in Flingern …

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