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Kolumne: Stadt-Teilchen: Dank den „Dötzern“ von Düsseldorf

Kolumne : Stadt-Teilchen: Dank den „Dötzern“ von Düsseldorf

Boule-Spieler gibt es in Düsseldorf viele. Aber jeder fängt klein an: Auch das Murmel-Spielen hat hier eine gewisse Tradition. Unsere Kolumnistin erinnert sich.

Hach, wie gerne würde ich noch einmal ein Loch machen in mein Düsseldorf. Wie in Kindertagen, als es in meinem Stadt-Teilchen (Mörsenbroich) noch jede Menge lehmige Wege und unbefestigte Straßen gab und man noch relativ ungefährdet draußen spielen konnte. Wir schaufelten uns kleine Kuhlen, gingen in einigem Abstand in die Hocke und zogen an einer Kordel erwartungsfroh unsere Säckchen auf, die unser kostbares Kinder-Kapital enthielten: Dötze, anderenorts auch Murmeln genannt oder Klicker.

Es gab zwei Sorten dieser Schätze: Da waren einmal die Mehler, eher unscheinbare Kugeln von etwa ein Zentimeter Durchmesser in staubigen Puderfarben. Und dann die wunderschönen Glaser, Glaskugeln in verschiedenen Größen mit unterschiedlichen streifenweise bunt schillernden Einschlüssen.

WZ-Kolumnistin Inge Hufschlag. Foto: NN

Die Spielregeln, so weit ich mich erinnere, gingen so oder so ähnlich: Aus gebührendem Abstand warfen wir unsere Dötze in Richtung des Lochs. Wer mit allen traf, dem gehörte der gesamte Pott. Oder: Derjenige, dessen Dotz dem Pott am nächsten kam, konnte versuchen, ihn Daumen und Zeigefinger rein schnipsen. Gelang dies, konnte er den Gewinn im wahrsten Wortsinn einsacken.

Das Kinderspiel ist offensichtlich nicht aus der Mode gekommen. In diesem Sommer fand in Ludwigshafen die 22. Deutsche Meisterschaft im Kuhlemurmeln statt – kein Scherz, stand in dieser Zeitung sogar auf der Seite „Aus aller Welt“. Der neue deutsche Murmel-Meister kommt aus Sandhatten bei Oldenburg. Die erste Mannschaft des SV Murmel 011 – dessen zweite Mannschaft auch noch den dritten Platz errang - schlug im Finale den Titelverteidiger Södeler Klickerverein aus dem hessischen Wölfersheim. Wo waren da die Rheinländer? Die Düsseldorfer Dötzer?

Murmeln spielen — das tun nicht nur Kinder, es gibt auch Vereine, die das sportlich betreiben und an Meisterschaften teilnehmen. Foto: dpa Foto: picture alliance / dpa/Carolin Eckenfels

Aber die schieben ja eine viel vornehmere Kugel, wie ich an sonnigen Herbsttagen rund um die Mariensäule (dem übrigens einzigen religiösen Open-Air-Denkmal von Düsseldorf) beobachten kann. Das frankophile Spiel heißt in Klein-Paris Boule, Pétanque oder Boccia. Dabei geht es darum, die eigene Kugeln so zu platzieren, dass sie möglich nahe an einer Zielkugel landen, chochennet genannt, Schweinchen, und locker aus dem Handgelenk möglichst noch die gegnerischen Kugeln oder gar die Schweinchen-Kugel aus dem Weg zu schießen.

Vielleicht haben die reifen Jahrgänge die elegante Haltung des ausgestreckten Armes mit der Handfläche nach unten ja schon in Kindertagen beim Stucken auf der Straße gelernt, einer Spielart des Dötzens. Dabei warf man mit lässiger Geste gleich eine ganze Hand voller Murmeln in Richtung Kuhle. War eher was für Jungs.

In Spanien heißt Boule Bola. Auf meiner Lieblingsferieninsel Lanzarote konnte ich in diesem Sommer einem Bola-Turnier bei meinem Dorf beiwohnen – zur halben Nacht bei Flutlicht. Die markierten Spiel-Bahnen waren insgesamt beinahe so groß wie der Parkplatz am Insel-Flughafen. Jedes Dorf hat zudem seine eigene Bola-Bahn zum Trainieren und als Treffpunkt. Denn auch auf den Kanaren hat man entdeckt, dass Dötzen mehr ist als nur Freizeitsport.

Die Argumente vom atlantischen Eiland taugen auch für Düsseldorf am Rhein, an dessen Ufern von Zeit zu Zeit ähnliche Turniere ausgetragen werden. Das konzentrierte Spiel ist gut für Körper und Geist. Der beim Ausholen weite Ausfallschritt trainiert das Knie, Bein- und Gesäßmuskeln. Und erst der Freudensprung, wenn es gelungen ist — klack, klack die Kugeln des Gegners wegzustoßen — sogar Körper und Geist gleichzeitig. Wussten schon die alten Griechen, allen voran Hippokrates. Er soll bereits 460 vor Christi das Spiel mit den Kugeln als körperliche Ertüchtigung empfohlen haben.

Bewegung an frischer Luft ist ja nie verkehrt. Meinte neulich auch die lustige Truppe auf dem Urdenbacher Sportplatz, dort, wo sogar Vater Rhein seinen alten Arm ausstreckt. Nur der Boden sei nach dem trockenen Sommer viel zu hart. Doch das wird sich sicher dieser Tage ändern. Und die Saison ist ja noch nicht ganz zu Ende. Auch nicht für meine eigene gute Erfahrung: Allein das Zuschauen entspannt. Den Dötzern sei Dank.

Woher der Begriff Dötzen kommt? Dotz steht für Punkt. Lernt man doch schon als i-Dötzchen. . .