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Düsseldorf: Wir waren die Helden vom Heerdter Sandberg

Stadt-Teilchen : Reinhold und ich, wir waren die Helden vom Heerdter Sandberg

Vor 60 Jahren endete unsere kleine Welt schon an der Hansaallee. Aber spannend war es trotzdem.

Was bleibt mir eigentlich, wenn ich nicht mehr raus darf? Wenn ich nicht mehr schlendern darf über meine Straßen, meine Plätze, nicht mehr blicken darf auf das, was mein Düsseldorf ausmacht? Auf das Leben, auf die Menschen, dicht an dicht gedrängelt, gut gelaunt, trinkend, lachend. Was nützt mir meine Stadt, wenn ich sie nicht betreten darf, wenn sie mir als feindliches Terrain serviert wird?

Ich habe keine Antwort, ich bin unsicher und weiß nicht wirklich, was kommt. Aber ich habe meine Erinnerungen, die Eindrücke meines Lebens. Die bieten mir genügend Bewegungsraum. Ich kann an jeden Ort in dieser Stadt gelangen, ohne auch nur einen Fuß vor meine Tür zu setzen. Düsseldorf ist in mir und wird es immer bleiben.

Reinhold (links) und ich am Heerdter Sandberg. Foto: ja/Hoff

In solchen Momenten kann ich ohne Probleme wieder der kleine Junge sein, der vor rund 60 Jahren mit seinem Freund Reinhold auf dem Heerdter Sandberg spielte, der da draußen eine riesige Welt vorfand, die es zu erkunden galt. Wir spielten allein draußen, ohne Aufsicht. Wir waren vier, fünf, sechs Jahre alt, und der Heerdter Sandberg war unsere Welt. Wir kletterten auf den Stapeln der gegenüberliegenden Holzhandlung herum, was brandgefährlich war. Aber was sollte uns das tun? Wir waren die Helden vom Heerdter Sandberg.

Wir erkundeten am Ende der Straße auch die Baustelle, aus der die auf Stelzen stehende Brüsseler Straße entstehen sollte. Vieles von dem, was wir taten, war aus heutiger Sicht lebensgefährlich. Für uns war es selbstverständlich. Es war unsere Welt.

Unsere Welt reichte lange nur bis zur Hansaallee. Vor der hatten wir Respekt, weil dort die großen Autos fuhren. Und die Straßenbahn. Manchmal stand ich dort am Rande und schaute in jede nahende Straßenbahn in der Hoffnung, meinen Vater zu sehen. Der war nämlich Straßenbahnfahrer und durfte die K-Bahn lenken, die nach Krefeld fuhr. Manchmal konnte ich ihn erblicken und ihm winken. Dann war ich immer furchtbar stolz auf ihn. Mein Vater war für mich damals Weltreisender, weil er aus der kleinen Welt des Heerdter Sandbergs herauskam und die ganz große Welt erkunden durfte. Dass die Reise regelmäßig nur bis Krefeld ging, störte mich wenig. Krefeld war für einen Fünfjährigen wie mich damals quasi Ausland.

WZ-Kolumnist Hans Hoff Foto: NN

Als ich einen Hauch älter wurde, durfte ich auch alleine über die Hansaallee. Ich musste Milch holen, und kurz hinter der großen Straße lag am Niederkasseler Kirchweg, dort, wo heute eine Apotheke ist, das Milchgeschäft. Dort wurde dann weißer Saft in meine blecherne Milchkanne gepumpt. Einen Liter konnte ich locker tragen. Ich war ja schon groß, zumindest in meinen Augen. So stolzierte ich den Niederkasseler Kirchweg entlang, den ich kurzerhand zu meiner Milchstraße ernannte.

Die von meiner Mutter beauftragte Grenzüberschreitung hatte natürlich Folgen. Reinhold und ich erkundeten auch entfernter liegende Welten entlang der Milchstraße. Und wir fanden Erstaunliches. An der Ecke zur Lütticher Straße, da wo jetzt ein Sportplatz und die Japanische Schule liegen, tat sich ein großes Bauloch auf, und das war bis an den Rand gefüllt mit Wasser. Für uns Knirpse war es ein Weltmeer, das es zu erobern galt. Wir bauten aus herumliegenden Holzresten ein Floß und stachen mit den paar dilettantisch zusammengebundenen Balken in See.

Natürlich fiel ich irgendwann ins Wasser, und natürlich konnte ich nicht schwimmen. Ich könnte diese Zeilen nicht schreiben, hätte mir Reinhold damals nicht eine Hand gereicht und mich rausgezogen. Natürlich habe ich so getan, als wäre das nicht nötig gewesen, als wäre ich da auch alleine heraus gekommen. Aber in meinem Herzen ist Reinhold bis heute mein Seenotretter.

Reinhold wohnte eine Etage unter mir und hatte viele Geschwister und eine tolle Modelleisenbahn auf dem Speicher. Manchmal durfte ich mir die auch anschauen, und ich kam jedes Mal nicht mehr raus aus dem Staunen, weil die Anlage so groß war oder so groß wirkte.
Ob sie wirklich so groß war, weiß ich nicht mehr, denn ich war so klein, und nicht nur aus heutiger Sicht verschwimmen da leicht die Dimensionen.

Ich weiß nur, dass meine Eltern und meine Schwester und ich im Heerdter Sandberg in zwei winzigen Zimmern wohnten und uns das Bad mit einer anderen Familie teilen mussten. Vielleicht hatten wir 40, vielleicht 50 Quadratmeter zum Leben, aber irgendwie hat es wohl gereicht.

Reinhold war auch in anderer Hinsicht meine Rettung. Weil mein Vater sehr früh zur Arbeit musste, um die K-Bahn nach Krefeld zu lenken, und meine Mutter Nachtschicht schob, um bei den Düsseldorfer Nachrichten per Hand Prospekte in die fertigen Zeitungen zu legen, überschnitten sich manchmal die Zeiten ihrer Abwesenheit.
Sie ließen mich dann selig schlummern in der Hoffnung, dass ich schon nicht aufwachen und mein Alleingelassensein bemerken werde.

Das klappte wohl ganz gut, bis auf ein Mal. Da wachte ich, gerade mal fünf Jahre jung, mitten in der Nacht auf, und niemand war da. Ich war allein. Ich weiß noch sehr genau, wie ich kurz danach weinend im Treppenhaus stand und mir die Seele aus dem Leib schluchzte. Gottseidank hatte Reinholds Mutter einen leichten Schlaf und nahm mich in ihre Obhut. Ich weiß nicht, ob sie später mit meiner Mutter geschimpft hat oder ob sie ein Einsehen hatte in die finanziellen Notwendigkeiten, die meine Eltern damals trieben. Auf jeden Fall zeigte sich, dass man zusammenhielt im Heerdter Sandberg.

Dementsprechend groß war der Verlust, als wir 1962 umzogen nach Bilk. Ich war gerade sieben geworden und hatte mich frisch eingelebt in der Schule am Heerdter Sandberg, als mein Vater eine größere Wohnung an der Ulenbergstraße angeboten bekam. Über 60 Quadratmeter, eigenes Bad, der Himmel.

Leider musste ich meinen Freund Reinhold am Heerdter Sandberg zurücklassen. Das war ein großer Schmerz, denn es war auch der frühe Abschied aus einer behüteten Kindheit, wo ich mich trotz aller Gefahren immer sicher gefühlt hatte. Außer in dieser einen einsamen Nacht natürlich, in der mein Treppenhaustrauma entstand.

In Bilk ging es dann härter zu. Kaum war ich dorthin gezogen, wurde ich schon von anderen Kindern ausgeraubt und um meine Taschengeldpfennige erleichtert. Von der liebevollen Umhegung im Heerdter Sandberg war da nicht mehr viel zu spüren. Reinhold und ich haben uns dann aus den Augen verloren und inzwischen schon Jahrzehnte nicht mehr gesehen.

Ich habe das dann trotzdem alles hinbekommen mit dem weiteren Leben, und mit Hilfe eines Psychologen habe ich vor 20 Jahren spät, aber nicht zu spät, auch das Treppenhaustrauma aus meiner Komplexliste gestrichen.

Geholfen hat mir dabei, dass ich in meinen Gedanken immer wieder zurückkehren kann zum Heerdter Sandberg, zu den schönen Tagen. Ich denke, ich werde diese Reise in den nächsten Tagen noch ein paar Mal antreten, und vielleicht bestelle ich mir bald mal eine Modelleisenbahn.
So eine, wie Reinhold sie hatte.