Das Schauspiel führt Herrndorfs „Bilder deiner großen Liebe“ auf. Ein poetisch-nachdenkliches Stück.

Premiere : Liebeserklärung an das selbstbestimmte Leben

Das Schauspiel führt Herrndorfs „Bilder deiner großen Liebe“ auf. Eine poetisch-nachdenkliche Inszenierung.

Als Meilenstein wurde das Buch in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gefeiert, nicht nur weil der Autor Wolfgang Herrndorf sich umbesann und einer Veröffentlichung (nach seinem Tod) zustimmte. Sondern auch, weil es auf eloquente Weise Trauer mit Freude, Krankheit mit Zuversicht verbindet. „Bilder deiner großen Liebe“ präsentiert Themen, die junge wie alte Menschen bewegen, auf nachdenkliche, poetische, provokative, durchaus auch witzige, schroffe, aber nie wehleidige Art. Idealer Stoff für die Theater, die das Buch landauf landab auf die Bühne brachten. Auch das Wuppertaler Schauspiel nimmt sich seiner an. Mit einer minimalistischen Inszenierung und zwei sehr präsenten Schauspielern. Am Samstag fand die Premiere im Theater am Engelsgarten statt.

Die Geschichte Isas hat keinen Anfang und kein Ende, der Zuschauer begleitet die 14-jährige Heldin ein Stück auf ihrer Wanderschaft. Der tatsächlichen, nachdem sie aus der Jugendpsychiatrie ausgebrochen ist und sich barfuß auf einen ziellosen Weg macht. Ein Weg, auf dem sie unter anderem einen Binnenschiffer trifft, der ein Bankräuber sein könnte, einen Schriftsteller, einen toten Förster und die Jungs aus Herrndorfs Bestseller „Tschick“. Und der Wanderschaft zu sich selbst, die in ihrem Kopf stattfindet, ihrem Universum, ihren endlosen Gedankenketten, die sich gerne auch im Kreis drehen. Die vordergründig zu einem unangepassten Menschen gehören. Einem verrückten Menschen, der deshalb längst nicht bescheuert sein muss, wie Isa anfangs empört ausruft. Die hintergründig aber den todkranken Autor Herrndorf spiegeln, der, da ihm das Weiterleben durch einen Gehirntumor verwehrt war, nur im Selbstmord eine Möglichkeit des selbstbestimmten Umgangs mit seinem Leben sah.

Natur als Synonym für Geborgenheit und Schönheit

Und so behandelt „Bilder deiner großen Liebe“ in Wirklichkeit die großen Menschheitsfragen nach Tod, Wahrnehmung, Freiheit und Zukunft. Dem Leben nach gesellschaftlichen Normen stellt Isa die Natur entgegen, sie ist für sie Synonym für Geborgenheit und Schönheit. Die Ausreißerin schläft draußen, blickt in den Himmel, sieht die Wolken vor dem Mond, streckt sich wohlig auf dem Gras aus – praktischerweise hat sie Rollrasen dabei, den sie auf kleinen Bühnenstegen auslegen kann, wenn sie will. Landmarken ihres Universums wie ihr kleines Wurfzelt.

Das zurückgenommene Bühnenbild lässt den wortverliebten Monologen Isas Raum. Hinten hängen riesige Bauplanen als bewegliche, milchige Wand von der Decke herab – Projektionsflächen für Isa und ihre Welten. Ein ausgeklügeltes Lichtspiel projiziert Milchstraßen, Sonnenaufgänge oder Schatten-Alpträume darauf. Die Protagonisten tragen weiße Hose und weißes Shirt, auf der Farbe der Unschuld wird jeder Fleck unserer kaputten Welt deutlich sichtbar.

Lena Vogt ist eine sympathische und energische Isa, der man all die Gefühlsschwankungen eines jungen Menschen abnimmt, der seinen Weg ins Leben sucht. Der zwischen selbstzerstörerischen Aktionen und Erkenntnissen, zwischen Größenwahn und Verunsicherung hin- und her schwankt, dabei schon mal verloren wirkt. Alexander Peiler dient meist als Spiegel, ein Erwachsener, der zuhört, staunt, hingerissen ist und überfordert. Und man kann in ihm Wolfgang Herrndorf sehen, der weiß, dass er sterben muss, der weiß, dass „Glück nicht so glücklich macht wie Unglück unglücklich“. Der zurückblickt, sich dem Tod nähert, während Isa ins Leben hinein findet.

Am Schluss steht sie an der Balustrade und erkennt, dass der Abgrund, der an ihr zerrt, zu ihrem Leben gehört, sie aber stärker ist. Und sie bestimmt, dass sie zwar mit der beim Jäger gefundenen Pistole schießt, diese aber so hält, dass die Patrone wieder in den Lauf zurückkehrt. Der Autor Herrndorf erschoss sich am 26. August 2013. Im Jahr darauf erschien „Bilder deiner großen Liebe“.

Das Wuppertaler Publikum nahm nach der gelungenen Inszenierung jede Menge Stoff zum Nachdenken mit.