Pinas „Danzón“ hat nichts von seinem Esprit eingebüßt

Pinas „Danzón“ hat nichts von seinem Esprit eingebüßt

Pina Bauschs Tanzstück ist wieder im Opernhaus zu sehen. Auch Mechthild Großmann steht dabei auf der Bühne.

Wuppertal. Eine karge, schwarze Bühne mit Russ geschwärzten Wänden. Für abwechslungsreiche, plastische Landschaften (Wald, nordische Küstenlandschaft, eisige Gegend) und schwimmende Fische sorgen auf Gazevorhänge projizierte Videos. Das ist die Kulisse von Pina Bauschs Tanzstück „Danzón“, das vor fast 20 Jahren aus der Taufe gehoben wurde und nun im Opernhaus wieder aufgeführt wird.

Viele Tänzer von damals sind wieder dabei, sprühen immer noch vor ausdrucksstarker, espritvoller Darstellungskraft. Wenn etwa Dominique Merci mit Eselsohren bekümmert und verloren wie zum Abschied den rechten Arm hebt oder gegen Ende Erde verstreuend langsam die Bühne abgeht, bis an Urnengräber gemahnende Flecken entstanden sind, scheint sich die Atmosphäre elektrisch aufzuladen.

Foto: Anna Schwartz

Mechthild Großmann kokettiert mit ihrem Alter, steht zu ihrer Reibeisenstimme, erinnert sich — ansonsten nackt mit rosa und weißen Federboas ausstaffiert — an vergangene Tanzproben.

Sie hat zwar das meiste Gekicher auf ihrer Seite. Doch als sie ganz zum Schluss im schwarzen Outfit erzählt, wie der greise Johann Wolfgang von Goethe nach vielen Jahren Abwesenheit sein Gekritzel an der Wand einer Jagdhütte wiederfindet und sein berühmtes „Nachtlied“ aufsagt, wird es mucksmäuschen still im ausverkauften Rund.

Es ist ein packendes Wechselspiel der Gefühle, in die alle Tänzer eintauchen: Werden, Vergehen, ausgelassene Heiterkeit, Melancholie, nicht erwiderte Liebe oder sogar die Andeutung von Selbstverstümmelung. Das harmonische und spielfreudige Ensemble hetzt mal zur perfekt ausbalancierten Musik (Arien, Klassik, Jazz, Lieder und Schlager) undeutlich durch die Gegend. Dann wiederum gibt es viele fröhliche, anmutige, bedachtsame Momente in den vielen kleinen Szenen.

Als zu guter Letzt das ständig durch die Gegend kriechende Riesenbaby am Gräberfeld ankommt, ist der Bogen von der Geburt bis zum Tod gespannt, mit etlichen heiteren und traurigen menschlichen Wesenszügen dazwischen. Die großartige Vorstellung mündete dementsprechend in stehende Beifallsbekundungen.

Mehr von Westdeutsche Zeitung