Wuppertaler Sinfoniker : Ein Konzert wie das Leben

Der Wechsel zwischen Lyrik und Leiden, Schönem und Schwerem verbindet die Werke des 1. Sinfoniekonzerts.

Gustav Mahlers 4. Sinfonie gilt als die lyrischste unter Mahlers Sinfonien. Enthält sie doch weniger Dramatik als zum Beispiel die folgenden Sinfonien. Stattdessen könnte hört man viel Leichtes, Fröhliches, Kinderliedhaftes. Doch immer wieder wendet sich die Stimmung ins Dunkle, Bedrohliche. Ein Wechselbad der Gefühle, in das die Wuppertaler Sinfoniker die Besucher des 1. Sinfoniekonzerts unter dem Titel „Das verrückte Labyrinth“ auch bei den anderen Werken des Konzerts mitnahmen. Das Publikum bedankte sich für die gelungene Aufführung mit begeistertem Applaus.

Das Konzert beginnt mit dem Anfang – dem Anfang der Welt: der instrumentalen Ouvertüre zu Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“. Der weite Bogen vom Klassiker Haydn bis zum Spätromantiker Mahler funktionierte mit dem ungewöhnlichen Herauslösen der Ouvertüre aus dem Oratorium. Denn zur Darstellung des Chaos vor der Schöpfung greift der Klassiker Haydn zu ungewöhnlich „modernen“ Mitteln wie Dissonanzen, abrupten Wechseln und fehlender Auflösung. Zarte schwebende Töne werden eruptiv von mächtigen Passagen unterbrochen. Mit dem für Haydn groß besetzten Orchester und voll tönendem Klang zeigt Gastdirigent Tung-Chieh Chuang dem Wuppertaler Publikum damit einen romantisch gefärbten Haydn.

Das zeitgenössische Publikum Haydns tolerierte die ungewöhnlichen Töne als Ausdruck für das Chaos, das die anschließende Schöpfung umso strahlender erscheinen lässt. Beim Sinfoniekonzert ergibt sich eine überraschende Parallele zu Schubert und Mahler, die statt Ordnung und Harmonie in der Welt Zerrissenheit empfinden.

Und das in ihrer Musik spüren lassen. Schubert lässt liebliche Weisen von dunklem Donnergrollen überrollen, fröhliche Passagen werden von drohendem Tremolo in ihr Gegenteil verkehrt, Melodien bleiben in der Luft hängen. Dabei gelingen den Streichern schöne leise Passagen und die Holzbläser glänzen als Solisten, gehen nur in den Tutti-Passagen leicht unter. Und an mancher Stelle hätte das Mächtige noch mächtiger, der Kontrast zu den lyrischen Stellen noch stärker ausfallen können.

Bei Mahler steigert sich das Chaos: In schneller Abfolge wechseln und überlagern sich Melodien und Rhythmus-Motive, mal gibt es plötzliche Abbrüche, mal schleicht sich der Stimmungsumschwung unmerklich ein. Gerade noch klang die Musik nach munterer Kirmes, schon hat sie sich in ein höllisches Inferno verwandelt, das diesmal tatsächlich mit Wucht den Saal füllt.

Im langsamen dritten Satz dehnen sich die Töne wunderschön elegisch und werden dabei bedrohlich getrieben vom Pizzicato der Kontrabässe. Ein fröhliches Durcheinander verwandelt sich in getriebene Hektik und gleich wieder in liebliche Melodien, bis ein Riesendonner alles zu vernichten scheint. Der Satz endet in scheinbar ins Unendliche reichenden sphärischen Klängen, die den Streichern sauber gelingen.

Ohne Unterbrechung beginnt der vierte Satz mit Gesang: Christina Landshamer singt mit ihrem klaren und sauber geführten Sopran „Wir genießen die himmlischen Freuden“, komponiert auf ein Gedicht aus der Gedichtsammlung „Des Knaben Wunderhorn“ – eine eher kindliche Sicht auf das Jenseits. Der schöne Gesang wird erneut unterbrochen von wuchtigen Klängen.

„Musik muss sein wie das Leben – sie muss alles umfassen“, diese Forderung Mahlers hat das Programmheft als Motto. Auch so lässt sich das Konzert lesen: als unendliche Folge von Leichtem und Schweren im Leben.