50er Jahre : Eine „Glasvitrine“ mit besonderem Charme

50er Jahre : Eine „Glasvitrine“ mit besonderem Charme

Das ehemalige Möbelhaus Raumkunst Becher an der Herzogstraße beherbergt heute die Sparda-Bank und ist immer wieder Ausstellungsort.

Kaum einer wisse, dass die Lampen an der Decke die Sternzeichen seiner Großeltern darstellen und dass ein Becher, das Familienzeichen, über der frei schwingenden Treppe angebracht sei. Heiko Becher kennt jedes Detail des Gebäudes, das sein Großvater 1954 erbaute, das einst das Designhaus Wuppertals war. Er kommt unweigerlich ins Schwärmen, wenn er von dem runden Eckgebäude an der Herzog-/Bankstraße spricht, das seit 1994 unter Denkmalschutz steht. Seine großen Zeiten, als es Raum und Kunst unter seinem Dach vereinte, als es immer wieder Kunstausstellungen beherbergte, sind schon seit Jahren Vergangenheit, wenn auch der heutige Eigentümer, die Sparda-Bank, die Räume nach wie vor auch für Kunstausstellungen nutzt.

Die Firmengeschichte der Familie Becher begann 1914 mit einem Möbelhaus am Kipdorf, das schon damals den anspruchsvollen Titel „Raumkunst“ trug, weil es beide Themenbereiche vereinte und vertrat, enge Kontakte zu Künstlern und zum Werkbund pflegte, führende Architekten und Stile zeigte, Impulse für Baukultur geben wollte. Über eine „Zwischenstation“ am Hofkamp ging es nach dem Zweiten Weltkrieg an die Herzogstraße, wo die Söhne des Möbelhausgründers ein Grundstück entdeckt hatten. Der Architekt Hans baute für den Bruder Edmund ein dreigeschossiges Geschäftshaus mit zahlreichen Details aus den 50er Jahren darauf. In den 60er Jahren folgten zwei weitere Etagen.

Das Gebäude war eine Sensation mit seinen geschoss-übergreifenden Schaufenstern, deren Scheiben sich schräg nach vorne neigen, mit einer sich nahezu vollständig in Glasflächen auflösenden Fassade, einer trapezförmigen Eingangsnische, deren Bodenfläche nicht einfach nur mit Fliesen belegt war, sondern mit einem Mosaik des Wuppertaler Künstlers Ernst Oberhoff.

Die Denkmalschützer loben seine Innenbeleuchtung, die den Raum gestalte und Inneres mit Äußerem, Geschäft mit Straße verknüpfe. Sie heben seine sichtbaren konstruktiven Elemente hervor, die Freitreppe zwischen Erd- und Zwischengeschoss, die gemeinsam mit der zentralen Säule die foyerartig angelegte Halle dominiere. Typologisch sehen sie es in der Nachfolge der Häuser des neuen Bauens Ende der 20er Jahre, ein (Klein-)Kaufhaus wie das von Emil Fahrenkamp am Wuppertaler Wall oder das von Erich Mendelsohn in Breslau. Der Architekt selbst verglich es einmal mit einer „Großvitrine“, weil es „Einblick ins Haus gibt, so dass man von außen weiß, was es drinnen gibt“, erklärt Heiko Becher, der selbst Innenarchitekt, Diplomdesigner und Lehrbeauftragter ist.

Der heute 74-Jährige wurde „durch meine Eltern von klein auf mit guten Dingen behutsam in Kontakt gebracht, die Mutter war für die Accessoires, der Vater für Möbel zuständig“. Er erlebte Design im Alltag, auf Messen, „wir waren vorne mit dabei, waren Wegbereiter“, sammelte so einen Wissensfundus an, der seinen beruflichen Weg von Anfang auf einmalige Art bereicherte. Eine ganzheitliche Herangehensweise, die sich in globaler Zeit nicht mehr halten lässt. Die Branche ist im Umbruch – weg vom Generalisten hin zum Spezialisten. „Man kann heute gar nicht mehr alles in einem Haus zeigen, weil es so viel gibt und die Kunden dank Internet informierter sind.“ Weshalb Heiko Becher 2001 das Familienunternehmen aufgab, nachdem er es 26 Jahre lang geführt hatte.

In der Sparda-Bank fand er 2002 einen Käufer, der die Auflagen des Denkmalschutzes akzeptierte, „weil er einen ähnlich offenen Gedanken verfolgt und das Gebäude mit seinem Charme einer neuen Bestimmung zuführte“. Etwa die für die Mitarbeiter erforderliche Klimanlage mit Hilfe einer zusätzlichen Glaswand im ersten Geschoss behutsam einbaute. „Ich habe das Haus in gute Hände übergeben. Außerdem kann ich es mir ja von außen gut ansehen. Bis vor einem Jahr hatte ich auch noch mein Büro gegenüber“, sagt Becher versöhnt. Sein ganzheitliches Wissen gibt er auch heute noch unter dem Titel Raumkunst-Becher weiter. Nur eben ohne Ausstellung.

Die Sparda-Bank wiederum fühlt sich dem Gedanken „Raumkunst“ auf ihre eigene Weise verbunden, setzt die Kunstausstellungstradition des Hauses fort: mit mindestens einer Schau im Jahr, im Januar zeigte sie Aquarelle von Eugen Batz, einem Meisterschüler von Paul Klee. Außerdem unterstützt sie die „cityARTkaden“ mit zwei Kunstpreisen. Pressesprecherin Ute Cewe: „Das Haus ... wurde erworben, natürlich auch, weil es einfach so schön ist und die Architektur begeistert.“

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