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„Der Barbier von Sevilla“ als konzertante Opernaufführung

„Der Barbier von Sevilla“ als konzertante Opernaufführung : Konzentrierter Musikgenuss mit viel Sinn für die Komik im Absurden

Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ als konzertante Aufführung in der Oper in Barmen.

Absurd kann schön sein, faszinieren, Perspektiven eröffnen. Absurd kann komisch sein, den Blick schärfen, aufs Wesentliche lenken. Gioachino Rossini habe das absurde Theater erfunden, lange bevor es andere für sich entdeckten, stellt Inga Levant fest. Die Regisseurin beschert der Oper Wuppertal eine Operninszenierung, die aus Beschränkungen einen Gewinn generiert, eine spritzige und zugleich konzentrierte, konzertante Darbietung, die den November-Lockdown umso schwerer macht. Am Samstag erlebten 150 Besucher die Premiere der komischen Oper „Der Barbier von Sevilla“.

Am Ende wurde es, mitten hinein in Applaus und Bravi-Rufe ernst, gab es statt einer Premierenfeier nachdenkliche Worte. Opernintendant Berthold Schneider lenkte bei allem Verständnis für die Bekämpfung des Virus, auch durch die Schließung kultureller Einrichtungen, den Blick auf die aktuelle Bedeutung des Theaters für die Gesellschaft. Gutes Theater biete nicht nur Unterhaltung, sondern behandle auch Themen, die zur Auseinandersetzung der Menschen mit sich selbst anregten, sie veränderten. „Wir werden ab Montag die Türen schließen, aber in Stille schweigen.“ Generalmusikdirektorin Julia Jones betonte die Bedeutung des Abends, der nochmal Menschen physisch zusammengeführt habe und hoffte, „dass wir uns so bald wie möglich wiedersehen“.

Nur drei Wochen hatten Sänger und Musiker sowie die Teams hinter der Bühne Zeit, um die Oper zu erarbeiten - dafür gab es großes Lob von Julia Jones, die ihre Sinfoniker wie immer präzise und engmaschig durch die auf gute anderthalb Stunden geschrumpfte Inszenierung führte. Schon die schwungvolle Ouvertüre mit ihren wirbelnden Tutti und anschwellenden Sequenzen machte klar, dass ein temporeiches, ausgelassenes Konzert zu erwarten war, in dem die hervorragend spielenden Musiker nicht nur begleiteten, sondern Stimmung machten. Mit knapp 24 Jahren hatte Rossini die Auftragsarbeit des Teatro Argentina Roma 1816 in wenigen Wochen komponiert. Der missglückten Uraufführung mit Pfiffen und Störungen folgte ein Siegeszug. Das mit subtilem Humor auf musikalischer wie erzählerischer Ebene ausgestattete Stück avancierte zum Standardwerk, zu einer der meistaufgeführten Opern der Welt. Diese bietet einen raffinierten Orchestersatz, viele populär gewordene Duette, Serenaden und Ensemblegesänge sowie anspruchsvolle Koloraturen, die die humorvolle Geschichte um den verliebten Grafen Almaviva, seinen Helfer Figaro, seine Angebetete Rosina und deren Vormund Dr. Bartolo spiegeln.

Eine absurd-komische Oper also hatte Berthold Schneider ausgesucht, passend zur absurd-grotesken Pandemie mit ihren gerade steigenden Infektionszahlen und verschärften Restriktionen. Levant hatte bei ihrer Inszenierung nicht nur wenig Zeit, sondern verzichtete auf die Geschichte der Oper. Sie nutzte die Beschränkungen bewusst als Ideen: Die um den Orchestergraben erweiterte Bühne wird vom Sinfonieorchester beherrscht, das gemäß Abstandsgeboten aufgebaut ist. Davor die Akteure, die auf ihre grob vorgegebene Rolle reduziert werden. Ihr (coronabedingt) stark eingeschränkter Bewegungsradius wird durch windschiefe, an strebenarme Käfige erinnernde Holzobjekte betont, innerhalb derer sie sich „ausleben“ dürfen. Gesungen wird freilich (coronabedingt) nur nach vorn, weshalb gerade Duette manchmal gewöhnungsbedürftig wirken, Notenständer und Warte-Stuhl ersetzen die Requisiten. Sarah Prinz steckt Sängerinnen und Sänger in fantasievolle, farbenprächtige, an Bauhaus und Dadaismus erinnernde Kostüme, die das Groteske von Situation und Rolle hervorheben.

Die Türen schließen,
aber in Stille schweigen

Die Akteure wiederum nutzten den noch vorhandenen Spielraum, so gut es geht. Unisono und spielerisch brachten sie ihre Stimmgewalt ungestört zum Ausdruck: ein hervorragender Simon Stricker als pfiffiger wie clownesker Fädenzieher Figaro und eine ebenso glänzende Iris Marie Sojer als resolut-eitle Rosina; dazu ein argwöhnischer Oheim Bartolo (Sebastian Campione setzt seinen Bass gekonnt variabel ein), ein verliebt-argloser Almaviva (Siyabonga Maqungos helle Stimme erlaubt einen wunderbaren Antiheldentenor) oder der Ränke schmiedende Basilio (leider mit nur wenig Gesangsanteilen: Nicolai Karnolsky).

Die Coronakrise erlaubte Operngenuss auf absurde Weise: Aus der Beschränkung erwuchsen mitreißende Fantasie und ungeteilter Musikhörgenuss. Nun tröstet die Hoffnung auf weitere Aufführungen.