Wie ein Düsseldorfer Karaoke-Meister seinen Beruf sieht

Porträt : Das Leben eines Karaoke-Meisters

Warum Martin Kaps (60) von seinem Job im Keller des O’Reilly’s Pub sagt, dass man ihn nicht lange aushält, und er ihn doch so sehr liebt.

Wenn ein Karaokeabend, wie sie Freitag- und Samstagabends im O’Reilly’s Irish Pub stattfinden, ideal läuft, dann hat der 60-jährige Martin Kaps gar nicht mehr viel zu tun. Eine Gruppe an den Tischen im Keller der Kneipe sorgt für Stimmung – gerne auch mal die sonst so ungeliebten Junggesellenabschiedsgruppen – und im Laufe des Abends traut sich jeder mal auf die Bühne. Bei jedem Sänger, egal wie gut oder schlecht, wird im Chorus mit eingestimmt oder geklatscht, und am Ende hatten alle einen schönen Abend.

Wenn die Stimmung zum Startschuss um 22.30 Uhr mal nicht so aussieht, ist der 60-jährige Karaokemeister gefragt. Er moderiert diese Karaokeabende seit eineinhalb Jahren und muss im Zweifelsfall selber für die gute Stimmung sorgen. Kein leichter Job, wie er versichert: „Mehr als ein paar Jahre hält das kaum jemand aus.“ Es lauge sehr aus, zwei Tage hintereinander mehrere Stunden lang unter Strom zu stehen, auf Kommando gute Stimmung zu verbreiten und am nächsten Tag schlechte Kritiken im Internet zu lesen, weil ein Gast nur einmal singen durfte. Trotz aller Probleme der beste Job, den er sich vorstellen kann.

Während er von den Problemen seines Joballtags erzählt, strahlt und lächelt er. Unter dem Strich sei es für ihn die beste Beschäftigung, die er sich vorstellen kann. Der Reiz in der Aufgabe liegt für ihn darin, dass jeder Abend unterschiedlich abläuft.

Ein Patentrezept für gute Stimmung kann er natürlich auch nicht ausstellen, dafür sind Menschen und Stimmungen jeden Tag zu unterschiedlich. Mal traut sich zu Beginn niemand, manchmal passiert es auch, dass jemand „zu gut“ singt und die anderen verunsichert. Oft muss er nervösen und verkrampften Gästen gut zureden, die sich an ihrem Mikrofon festkrallen, wenn sie realisieren, dass sie vor Dutzenden Menschen stehen und gleich singen müssen. Solche Situationen findet er immer noch am witzigsten. Um allen ein gutes Gefühl zu geben, besteht er aber auch stets darauf, dass jeder auf der Bühne einen Applaus bekommt.

Manche Lieder muss hat er schon hunderte Male gehört

Auch muss Martin Kaps einen Ausgleich zwischen den Geschmäckern finden. Wenn zwei Schlagersongs gesungen wurden, sollte danach wieder etwas Härteres folgen, damit jeder Geschmack bedient wird. Er selber hört die Musik dabei kaum noch bewusst, wohl weil er sich immer wieder mit den gleichen Liedern konfrontiert sieht. Karaoke-Klassikern wie „I’m Gonna Be (500 Miles)“ von The Proclaimers kann er dennoch nicht böse sein, auch wenn er sie bis heute bestimmt schon hunderte Male hören musste: „Wenn ein Song bei so vielen Leuten für eine gute Stimmung sorgt, kann das doch nur für den Song sprechen.“

Auch am vergangenen Wochenende stand Kaps wieder auf der Bühne, stellte die Technik, die bunten Scheinwerfer erleuchteten den kleinen Keller. Wieder mal fing er als Eisbrecher selber an zu singen und sang, wie fast immer, „(Ghost) Riders in the Sky“ von Johnny Cash. Dabei kann er gleich die Technik austesten, für die er auch verantwortlich ist. Viele Besucher hatten dann direkt Lust, selber auf die Bühne zu gehen. Das Schwierigkeit für die Gäste lag an diesem Abend eher darin, sich auf dem Touchscreen einzutragen, sodass Kaps mehr die Technik erklären als die Stimmung anheizen musste. Dann hatte er noch Spaß daran, Luftschlangen ins Publikum zu pusten. Dazu lässt er sich nur selten hinreißen – aus Mitleid mit den Reinigungskräften.

Trotz seiner fast schon abgeklärten Sicht auf die fehlende Langfristigkeit in seinem Job denkt er selber noch gar nicht ans Aufhören: „Ich mach mir überhaupt keine Gedanken darüber, sondern mache das so lange, wie ich Lust habe. Ich komme ja sowieso bald ins Rentenalter.“ So wird man vermutlich noch für längere Zeit Johnny Cashs Klassiker hören, wenn der Karaokeabend im Irish Pub beginnt.

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