Corinna Gertz im Gespräch über Forderungen von Künstlern in Düsseldorf

Interview : Corinna Gertz: „Künstler sollen nicht nur fordern“

Interview Sprecherin der Künstler will Kollegen dazu bringen, aktiv zu werden und ein Atelierhaus zu stemmen.

Corina Gertz ist Sprecherin im Rat der Künste. Sie leitet mit Dora Celentano und mit Anne Schülke vom Verein der Düsseldorfer Künstler 1844 die Arbeitsgruppe Soziales. Sie sieht sich als Lobbyistin für die hiesigen Künstler. Neuerdings will sie jedoch nicht nur Forderungen an die Stadt stellen, sondern auch die Künstler auffordern, selbst aktiv zu werden.

Sie haben für den Rat der Künste die Arbeitsgruppe „Soziales“ gegründet. Welche Idee verbinden Sie damit?

Gertz: Wir fordern einerseits von der Stadt, dass sie die bestehenden Ateliers erhält. Wir wollen aber auch die Künstler dazu bringen, eigene Aktivitäten zu entwickeln. Wir wollen ihnen „Hilfe zur Selbsthilfe“ geben. Vor hundert Jahren waren sie sehr viel aktiver als heute und haben beispielsweise das Atelierhaus Sittarder Straße geschaffen. Heute müssen sie wieder selbst dazu beitragen, dass es mehr Ateliers in der Stadt gibt. Unser Ziel ist eine Ateliergenossenschaft.

Ein neues Atelierhaus also? Soll die Stadt etwa eine Immobilie kaufen und den Künstlern übergeben?

Gertz: Wir wollen es selbst schaffen, vielleicht mit Hilfe der Stadt, aber auch mit Hilfe gutverdienender Kollegen oder Bürger, die bereit sind, in so eine Immobilie zu investieren.

Denken Sie an ein Eigentum oder an ein Mietobjekt, wie es die Ateliers am Höherweg sind, in die die Künstler selbst investiert haben?

Gertz: Das Atelierhaus Höherweg ist eine kleine Erfolgsgeschichte. Es gibt noch andere Beispiele aus Dresden, München und Berlin, die wir uns vorstellen lassen.

Die Mieten in den Ateliers der Stadt sind eigentlich viel zu billig. Drei bis fünf Euro pro Quadratmeter für eine herrliche Wohnwerkstatt im Salzmannbau oder in der Golzheimer Siedlung ist doch fast lachhaft. Da erhält eine kleine Gruppe von Künstlern seit Jahrzehnten Vergünstigungen, während die jüngere Generation leer ausgeht. Was halten Sie davon, die Mieten der Älteren zu erhöhen, um das gewonnene Geld für die Unterstützung jüngerer Künstler zu verwenden?

Gertz: Nein. Wir wollen Fundraising machen, Stiftungen ansprechen, Versteigerungen durchführen.

Wie die Fiftyfifty-Galerie, die die Künstler melkt und inzwischen rund zehn Häuser besitzt? Auch die Auktionen der Aidshilfe funktionieren ja nur durch die Spenden der Künstler. Aber warum wollen Sie nicht einen gewissen Mietzins vereinbaren, um der Stadt ein Angebot zu machen?

Gertz: Bei preiswerten Mieten müssten wir die Instandhaltungskosten gegenrechnen. Aber wenn wir ein Atelierhaus hätten, dann könnten wir auch etwas der Gesellschaft zurückgeben, etwa durch eine Kita-Betreuung. Wir denken daran, dass in einem solchen Haus alles unter einem Dach gelebt und gearbeitet wird und dass es dort auch selbstverwaltete Galerien gibt.

Sie fordern in Ihrem Positionspapier eine „gesicherte Zukunft für Künstler“. Das hört sich ja schlimmer an als der schlimmste Kommunismus. Jeder kann jederzeit einen Off-Raum eröffnen, auch ohne Atelierdach. Sie denken an ein Sozialpolster wie ein Luftpolster?

Gertz: Wir müssen dafür kämpfen, dass Düsseldorf eine Künstlerstadt bleibt, sonst gehen die Künstler alle nach Wuppertal. Vielen Künstlern geht es schlecht. Ein Wohn- und Arbeitsraum ist eine existenzielle Forderung. Wir brauchen ein Künstlerhaus, vielleicht sogar spartenübergreifend, damit die bildenden Künstler nicht in einer Blase leben.

Absolventen der Musikhochschulen und der Bühnenbildklasse finden in der Regel nach dem Studium einen Job. Es gibt unter den Künstlern immer Sparten, die schaffen es selbst. Bei Subventionen in Höhe von acht Millionen Euro können Sie Ihre Forderungen nicht unendlich weit ausdehnen.

Gertz: Wir wollen, dass zehn Prozent dieser städtischen Summe an die freie Szene geht.

Diese acht Millionen gehen schon jetzt großenteils an die freie Szene. Was soll der Steuerzahler denn noch alles zahlen? Ein gewisses Lebensrisiko kann man auch Künstlern nicht abnehmen. Was halten Sie davon, wenn drei Jahre lang alle Anträge für den Kunstbeirat gestrichen werden und diese Summe stattdessen in Ihre erste Immobilie fließt? Wenn also einfach einmal das Förderprogramm der Stadt in Ihr Projekt abgezweigt würde?

Gertz: Wir sehen unser Ehrenamt als Lobby für die Künstlerschaft.

Der Salon des Amateurs oder WP 8 gehen auf Künstlerinitiativen zurück. Heute schläft man den Schlaf der Gerechten und stellt Forderungen auf. Wenn Sie das Geld übers Fundraising eingesammelt haben, könnten Sie an der Heidelberger Straße bauen, im paradiesischen Nirgendwo der Künstler Clemens Goldbach und Rainer Knaust. Das Areal gehört der Stadt.

Gertz: Dazu sage ich nichts. ich finde es so, wie es dort ist, entzückend.

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