Düsseldorfer Rat der Künste thematisiert Altersarmut bei Künstlern

Interview: Düsseldorfer Rat der Künste thematisiert Altersarmut bei Künstlern

Mit einer Tagung wollen die Initiatoren Corina Gertz und Stefan Schweizer auf die prekäre Lage vieler Künstler im Alter aufmerksam machen – und auch ein goldener Pferdeapfel soll dabei helfen.

Der Kunstmarkt boomt. Aber nicht überall. Nur einige, wenige Künstler erzielen noch und gerade im hohen Alter mehrstellige Millionenbeträge für ihre Werke. Die Vielzahl der Kunstschaffenden rutscht dagegen nicht selten von der Selbstausbeutung übergangslos in die Altersarmut.

Das Thema sei „nicht sexy“, wurde dem im letzten Frühjahr gegründeten Rat der Künste entgegengehalten, als er sich für diese Entwicklung engagierte. Jetzt veranstaltet die Interessenvertretung der Kulturschaffenden in Düsseldorf am 9. Februar eine Tagung zum Thema Altersarmut bei Künstlern. Unsere Redaktion traf die Sprecher des Rates, die Düsseldorfer Künstlerin Corina Gertz und Stefan Schweizer, wissenschaftlicher Vorstand der Stiftung Schloss und Park Benrath, in der Vorbereitungsphase der Tagung.

Beim Stichwort Altersarmut denkt man meist an allein erziehende Mütter oder an berufsunfähige Menschen mit Mini-Rente, weniger an Künstler mit der Vorsilbe frei. Bei denen hat man eher die romantische Vorstellung vom armen Poeten in seiner ungeheizten Dachkammer. Geht es den Künstlern heute so schlecht?

Corina Gertz: Nicht allen, aber vielen, vor allem den Älteren. Der Kunstmarkt hat sich grundlegend verändert. Sammler investieren heutzutage nicht in Werke, die ihnen gefallen, sondern in solche, von denen sie sich den größten Wertzuwachs versprechen. Da bleiben Künstler, die sich und ihrer Kunst ein Leben lang treu geblieben sind, im Alter leicht auf der Strecke.

Stefan Schweizer: Die Romantisierung der armen Künstler ist schon lange vorbei. Investitionen in einen über 65-jährigen Künstler werden da als Risikokapital gesehen. Mit öffentlichen Förderungen ist es nicht anders. Damit werden in erster Linie junge Karrieren angeschoben.

Brauchen alte Künstler heutzutage etwa Gnadenbrot?

Stefan Schweizer: Sieht ganz danach aus. Wenn sie nicht zu den wenigen gehörigen, die zu Höchstpreisen gehandelt werden. 80 Prozent der Künstler arbeiten ja bereits in der Brotkunst, indem sie an Schulen unterrichten. In Düsseldorf sind das etwa 70 Künstler. Sie bekommen für eine Schulstunde von 45 Minuten etwa 28 Euro.

Gibt es Untersuchungen, mit welcher Summe ein bildender Künstler im Schnitt pro Monat auskommen muss?

Corina Gertz: Die gibt es, und die sind erschütternd. Danach können 80 Prozent mit ihren Einnahmen noch nicht einmal die Kosten für ihre künstlerische Arbeit decken. Künstler verdienen im Schnitt weniger als 12 000 Euro im Jahr, Künstlerinnen noch weniger: nicht viel mehr als 8000 Euro. Besonders alarmierend ist aber die durchschnittliche Rentenerwartung unter Künstlern: 357 im Monat.

Nun ist Altersarmut kein alleiniges Phänomen im Kunstbetrieb. Laut einer im Spiegel veröffentlichten Studie von Ernst & Young sorgt sich über die Hälfte aller Bundesbürger um ihre finanzielle Absicherung im Alter, mehr als jeder Vierte macht sich sogar große Sorgen über sein Auskommen im Alter. Im Kunstbetrieb scheint dagegen oft eine Art Vorsorglosigkeit zu herrschen. Ist sie nicht sogar eine Voraussetzung für die freie Entfaltung der Kunst?

Stefan Schweizer: Eine gewisse soziale Fahrlässigkeit gehört in der Tat zum Image eines Künstlerlebens, vor allem bei denen, die ihr Leben lang am Markt vorbei gearbeitet haben.

Corina Gertz: Da ist es schwer, durchzuhalten. Künstler, das ist ja kein Beruf, sondern Berufung. Die hört auch mit dem Eintritt ins Rentenalter nicht auf. Manche malen bis zum Lebensende mit über 90.

Selbst-Vermarktung lernt man ja auch nicht unbedingt auf der Kunstakademie. Die Zeiten des Mäzenatentums sind lange vorbei. Wenn die Wirtschaft boomt, springen schon mal Sponsoren ein. Wenn nicht, springen sie leicht wieder ab. Wer ist heute im Kampf gegen Altersarmut bei Künstlern gefragt? Die Politik? Oder gehört es nicht auch zu den Aufgaben der Galerien, einen Künstler auch in wirtschaftlichen Fragen zu betreuen?

Stefan Schweizer: Auch Galerien sind verständlicherweise mehr an viel versprechenden Aufstiegsbiographien von Künstlern interessiert, als an deren Unterstützung im Alter. Man darf auch nicht vergessen, dass es mittelständische Galerien, die nicht im hochpreisigen Markt unterwegs sind, heute nicht leicht haben.

Corina Gertz: Die Galerie kassiert erst einmal 50 Prozent des Erlöses und sieht sich darüber hinaus eher selten in einer moralischen Verpflichtung dem Künstler gegenüber. Der muss dazu noch oft seine Teilnahme an Ausstellungen mit- oder sogar komplett allein finanzieren. Die Beteiligung an Messen wird auch immer teurer.

Wie kann dem Künstler in der Krise geholfen werden?

Corina Gertz: Wir brauchen neue Wege und Strategien. Deshalb veranstalten wir unsere Tagung mit Experten-Vorträgen, Workshops und Podiumsdiskussionen. Es geht um die Suche nach Perspektiven, um Austausch und Vernetzung.

Dabei hat der Rat der Künste auch beobachtet, dass bei Ausschreibungen und Auftragsvergaben ältere Künstler oft gar nicht zum Zuge kommen?

Corina Gertz: Ja, dafür gibt es leider viele Beispiel, zum Beispiel beim Frauenkulturverein des Landschaftsverbands Rheinland, wo bei einer Ausschreibung nur Künstlerinnen bis 40 Jahre zugelassen sind.

Stefan Schweizer: Es ist ähnlich wie bei der Oscarverleihung. Dort sind die Preisträger meist unter 30, oder sie bekommen ihn ganz am Ende für’s Lebenswerk. Für die mittleren Jahre dazwischen gibt es kaum Anerkennung.

Kann man darauf einwirken?

Corina Gertz: Unsere AG gegen Altersarmut wird im Februar erstmals einen Negativ-Preis verleihen. Der geht an eine Ausschreibung bzw. an eine ausschreibende Institution, die ältere Künstler diskriminiert. Die Auszeichnung in Form eines Pferdeapfels ist gerade in Arbeit. Sie soll an das so genannte Pferdeäpfelattentat von 1848 erinnern.

… als König Friedrich Wilhelm IV. auf einer Kutschfahrt über die damalige Kastanienallee vom Volk mit Pferdeäpfeln beworfen wurde. Das zeigte Wirkung. Als Wiedergutmachung bekam das Viertel den Namen Friedrichstadt, die Kastanienallee wurde in Königsallee umbenannt. Wie soll ihr Pferdeapfel aussehen?

Corina Gertz: Vielleicht golden?

Tagung des Rates der Künste mit Landesbüro für Bildende Kunst und Verein der Düsseldorfer Künstler 1844, 9. Februar, 9.30 bis 16.30 Uhr, Stadtmuseum. Mit Vorträgen des Armutsforschers Christoph Butterwegge und Hanne Schweitzer, Leiterin Kölner Büro gegen Altersdiskriminierung. Teilnahme kostenfrei. Anmeldung: info@rat-der-kuenste.de www.rat-der-kuenste.de

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