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Oral History bei der Pina Bausch Foundation

Oral History bei der Pina Bausch Foundation : Die Erlebnisse der Tänzer mit den Stücken sind nicht zu ersetzen

Ricardo Viviani interviewt Zeitzeugen für die Stiftung - das bedeutet viele Fragen und eine umfangreiche Recherche.

Bei seiner Arbeit drängt manchmal die Zeit. Erst vor kurzem habe er ein Gespräch mit einem 93 Jahre alten Komponisten geführt, erzählt Ricardo Viviani. Der 60-Jährige ist bei der Pina Bausch Foundation für den Bereich Oral History (Erinnerungsgeschichte) zuständig. Er ist auf der Suche nach Zeitzeugen, die die große Choreographin erlebt oder an ihren Stücken mitgewirkt haben. Ihm ihre Erinnerungen erzählen. Einmalige Schätze, die mit ihrem Tod verloren gehen. Das Archiv ist für Viviani eine große Stütze. So wie er mit seinen Schätzen das Archiv bereichert.

Mit Pina Bausch verbindet Viviani nicht nur die Leidenschaft für den Tanz, sondern auch das Geburtsdatum. „Wir haben fast am gleichen Tag Geburtstag (27. und 28. Juli, Red.) nur 20 Jahre auseinander.“ Was 1988 zu einer gemeinsamen Feier in New York führte, wo die Choreografin damals eine Aufführungsreihe von Viktor und Nelken gab, erinnert er. Das erste Stück, das er von Pina Bausch auf der Bühne sah, war 1980 „Café Müller“ (zusammen mit Das Frühlingsopfer und Kontakthof) im Teatro Municipal de São Paulo. Der damals 20-jährige Tänzer Viviani war so beeindruckt und begeistert, dass er beschloss, sich fortzubilden.

Ricardo Viviani ist ein vielseitig interessierter und aufgestellter Mensch. Der gebürtige Brasilianer studierte Tanz, Theaterregie und Biologie, tanzte in verschiedenen Compagnien der Welt, arbeitete für die unabhängige Theater- und Tanzszene von São Paulo, New York und Köln. Vor acht Jahren nahm er ein Studium der Kulturwissenschaften an der Fernuniversität in Hagen auf, das ihn zu seiner Spezialisierung in Erinnerungsgeschichte führte. Die nutzt ihm nun bei seiner Arbeit für die Foundation – seit 2016 ist er dort an Bord.

Jede Minute Interview bedeutet 60 Minuten Nachbearbeitung

Die Corona-Krise erwischte ihn im Prozess der Nachbearbeitung, die er sowohl zuhause als auch im Büro an der Siegesstraße durchführen könne, erzählt er. Außerdem profitiere er im Homeoffice von seinen Erfahrungen im Fernstudium und von der Disziplin, die er als Tänzer mitbringe. Die Interview-Tätigkeit sei dagegen eingeschränkt, benötige die wirkliche Begegnung.

Bei seinem ersten Projekt für die Foundation ging es um Pina Bauschs Zeit in New York, also die Jahre 1959 bis 1961. Viviani führt es beispielhaft für seine Arbeitsweise an, die mit vielen Fragen beginnt: Was war damals passiert, was schuf sie damals, was sah sie, wie fanden die Leute ihr Tun? Antworten sucht er zunächst in Archiven, dem eigenen und anderen, in denen er recherchiert. Materialien zusammenträgt, die er sortiert, meist chronologisch, und in einer Matrix abbildet. So dass ein erstes Bild entsteht, das für ihn als „sehr visuelle Person“ wichtig sei, Basis für die Gespräche, den Kern seiner Arbeit. Die Antworten, die er bei Menschen sucht – in diesem Fall seien es zwölf gewesen. Mit ihnen führe er fachspezifische und persönliche Gespräche über ihre Begegnungen mit Pina Bausch und deren Einfluss auf ihr Leben. Dabei gehe es auch um weitergehende Dinge, um Kostüme, Musik, Umstände, Reisen und anderes. So erweiterten sich die Erkenntnisse, gingen über das Projekt hinaus, bereicherten die Geschichte des Tanzes weltweit. Ein Mosaik entstehe aus Kunst, Erlebnissen, Kultur und Politik in einer bestimmten Zeit. Die Stücke Pina Bauschs spiegelten dieses Mosaik wie Zeitzeugen. Anschließend folgt die aufwendige Nachbearbeitung. „Jede Minute Interview bedeutet 60 Minuten Nachbearbeitung“, weiß Viviani. Am Ende werden seine Interviews Teil des Online-Archivs und werden wissenschaftlich verwertet – etwa auf Kongressen oder in Vorträgen.

Für vier Projekte hat Viviani bisher Interviews geführt: Pinas New Yorker Zeit, die Ausstellungen in Bonn und Berlin, „Café Müller“ (das Projekt zum 40-Jährigen des Stücks läuft noch, bisher hat er an die 15 Gespräche geführt) sowie in Zusammenarbeit mit Köln und Essen alles zum Tanz an der Folkwang Hochschule in den Jahren 1959 bis 1969. Außerdem arbeite er an kleineren Formaten - mit Barbara Kaufmann zu „Dem Stück mit dem Schiff“, mit Anne Martin zu „Café Müller“, mit der Folkwang Hochschule über ihre Arbeit. Hier gehe es um die Ausbildung der Tanztalente, die von Erkenntnissen der Oral History profitieren könne.

Ohne die Arbeit der Kollegen, ohne Digitalisierung hätte seine Arbeit nicht die Tiefe, die sie brauche, lobt Viviani. Umgekehrt könne „alles, was wir machen, nicht die Erlebnisse der Tänzer mit den Stücken ersetzen“. Die Rezeptionsgeschichte helfe beim Weitergeben der Stücke, die Mission der Foundation sei: „Die Stücke müssen weiterleben, fruchtbar sein, gesehen und gekannt werden.“