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IngriIngrid Pfeiffer (FDP) beendet kommunalpolitisches Engagement

Abschied nach 45 Jahren : Ingrid Pfeiffer (FDP): „Die Kulturfrau geht von Bord“

FDP-Politikerin beendet ihr kommunalpolitisches Engagement und blickt zurück auf das Pina Bausch Zentrum und andere unvollendete kulturelle Anliegen.

„Die Kulturfrau geht von Bord“, sagt Ingrid Pfeiffer und lächelt. Überträgt den berühmten Satz über Otto von Bismarcks Rücktritt als Reichskanzler auf sich. Das Bild vom Lotsen, der das Schiff verlässt, passt zu der Freidemokratin: Sie beendet mehrere Jahrzehnte Kommunalpolitik und hatte beruflich wie privat mit Frachtschiffen zu tun. Nun aber zieht die 73-Jährige einen Schlussstrich, „solange ich das, was ich mache, noch gut kann“. Außerdem freue sie sich, die Verantwortung an eine jüngere Generation ab- und weitergegeben zu können.

Das Interesse an Kultur und Politik stammt aus der Familie. „Bei uns wurde  viel über politische Themen diskutiert. Ich selbst war Klassen- und Schulsprecherin und im Schülerparlament.“ Außerdem nutzte sie die ermäßigten Tickets für Jugendliche, um Sinfoniekonzerte, Theater- und Opernaufführungen zu besuchen, „war zeitweise dreimal im Monat im Theater“. Nach dem Abitur 1966 und kurzem Exkurs in die Soziologie kam Ingrid Pfeiffer rasch zur handfesteren Volkswirtschaft, die sie in Münster, Hamburg, Mainz und Nürnberg studierte, dort 1972 mit dem Examen abschloss. Die bewussten Ortswechsel ermöglichten immer wieder neue Erfahrungen und andere Schwerpunkte - den politischen erlebte sie als „68erin“ in Hamburg, war dabei, als das Transparent „Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren“ in den Audimax getragen wurde.

1980 kandidierte sie
für den Bundestag

Das Attentat auf die Olympischen Spiele in München 1972 löste bei der 25-Jährigen den Wunsch aus, selbst politisch aktiv werden zu wollen. „Ich erkannte, dass es nur besser wird, wenn jeder an dem Ort, an dem er sich befindet, was tut.“ Dieser Ort sollte für sie Wuppertal sein, wohin sie mit ihrem Mann zurückkehrte. Und da schon in ihrer Familie FDP gewählt worden, sie selbst linksliberal eingestellt war, „mir bei der CDU die Füße einschliefen und bei der SPD ein falsches Verständnis von Eigentum herrschte“, trat sie 1974 der FDP bei.

Dem Rat gehörte Ingrid Pfeiffer von 1979 bis 1984 und von 1989 bis 1992 an. 1980 kandidierte die politische Senkrechtstarterin sogar für den Bundestag - neben Hans-Dietrich Genscher, der für Wuppertal West antrat. Dabei hegte sie keine bundes- oder landespolitischen Ambitionen, rechnete sich auch keinen Erfolg aus. Zählkandidatin sei sie gewesen, die das Ergebnis der FDP fördern wollte, so Pfeiffer. Das Jahr 1982 brachte nicht nur den Bruch der SPD-FDP-Koalition im Bund, der die Liberalen vor eine Zerreißprobe stellte. In Wuppertal wurde Ingrid Pfeiffer zum dritten Mal Mutter, gründete mit ihrem Mann eine Agentur für Frachtschiffreisen und wurde Mitglied im Kulturausschuss.

Weil Familie und Beruf in der Folgezeit immer beanspruchender wurden, sie nie deren Priorität in Frage stellte, zog sie sich 1994 aus allen politischen Ämtern zurück. Kleine Kinder, so ihre Erfahrung, ließen sich einfacher mit dem politischen Engagement vereinen als große, für die sie auch abends (wenn die Ausschüsse tagen) da sein wollte.

2009/2010 - die Agentur war an Sohn und Schwiegertochter übergeben - kehrte Pfeiffer auf die politische Bühne zurück. War eigentlich nie ganz weg. Sie wurde als Oberbürgermeisterkandidatin aufgestellt und kümmerte sich in den nächsten Jahren (zehn sollten es werden) als Kulturausschussmitglied um die Wuppertaler Kultur.

Der Blick zurück fällt auf die Renovierung der Historischen Stadthalle und die Museumserweiterung als größte Erfolge vor der Familienpause, die Bestandssicherung des Bandwebermuseums als Teil des MIK (Museum für Frühindustrialisierung) Wuppertal und die Zoo-Entgeltordnung als jüngste Errungenschaften. Die Sicherung des Vermächtnisses von Pina Bausch und der Wuppertaler Bühnen sowie die Erhöhung der Kulturausgaben gehören zu den unvollendeten Herzensthemen der letzten Jahre.

Noch vor dem Tod der großen Choreographin habe sie das Gespräch darüber gesucht, wie ihr Werk in Wuppertal gesichert werden könne, erzählt Pfeiffer. Schon im April 2010 habe sie beantragt, dass die Sanierung des Schauspielhauses für Tanztheater, Archiv und Schauspiel geprüft werden solle. Sie sei nicht für voll genommen worden. „Tagträumerei“ habe man ihr damals vorgehalten, stellt Pfeiffer nicht ohne Bitterkeit fest. Und ergänzt: Als Jahre später der Beschluss für das Pina Bausch Zentrum gefasst worden sei, seien natürlich viele schon immer dafür gewesen.

Auch das Erreichte sieht sie kritisch, weil zwar „alles angepackt, nichts aber fertig“ geworden sei. Das Pina Bausch Zentrum stehe nicht, die Bühnen seien nicht auf Dauer gesichert, auch bei wichtigen Personalentscheidungen gebe es Licht und Schatten (GMD Toshiyuki Kamioka, Intendantin Adolphe  Binder). Und das trotz großen Einsatzes und endlos langer Diskussionen, sagt sie enttäuscht. Verantwortlich für das zähe Ringen macht sie auch die in der Kommunalpolitik eigentlich nicht vorgesehenen, festen Parteibündnisse, die an die Stelle der überparteilichen Kulturfraktionen früherer Jahre getreten seien.

Radfahren und Reisen,
gerne durch Frankreich

45 Jahre sind genug, findet Ingrid Pfeiffer nun und will „mehr für mich machen, um fit zu bleiben“. Radfahren und Reisen - gerne durch Frankreich, das sie schon mal aus Hausbootperspektive erlebte, als sie über Saar und Marne nach Paris schipperte; gerne mit dem Frachtschiff, mit dem sie bereits dreimal Argentinien ansteuerte; coronabedingt in diesem Jahr im Schwarzwald. Außerdem sind da die sieben Enkel, alles Jungs von null bis 15 Jahren, und die vielen kulturellen Veranstaltungen, die es in Wuppertal unter normalen Umständen gibt. Und die Politik? Für den Kulturausschuss hofft sie auf viele junge Mitglieder; ihrer Partei ist sie dankbar, „weil ich viele Menschen kennengelernt habe, die Arbeit mich sehr bereichert hat“.