Liebe im Rückwärtsgang: Im Theater tickt die Uhr anders

Liebe im Rückwärtsgang: Im Theater tickt die Uhr anders

Das Ende ist nur der Anfang: Was „Liebe und Geld“ zusammenhält, wird in umgekehrter Reihenfolge erzählt.

Wuppertal. Was war zuerst da: der "Glaube" oder die "Hoffnung"? Die Schauspieler können die Wand, auf der die beiden Begriffe in großen Buchstaben verewigt sind, drehen und wenden, wie sie wollen. Doch wer im Zuschauerraum sitzt und glaubt oder gar hofft, definitive Antworten zu erhalten, blickt auf der sparsam ausgestatteten Bühne schnell ins Leere, denn das, was "Liebe und Geld" auszeichnet, hängt letzten Endes vom Urteil des Betrachters ab. Und der schaut im Kleinen Schauspielhaus hauptsächlich auf die Vor- oder Rückseite einer hin- und hergeschobenen Wand.

Auf jeder Seite steht ein zentraler Begriff: Die "Hoffnung" ist zuerst zu erkennen, am Ende macht sie dem "Glauben" Platz - dass die Wand immer weiter verschoben wird, führt gnadenlos in die Irre. Denn: Die Szenencollage wird rückwärts erzählt. War der Glaube (an das Gute im Menschen) also doch zuerst da - und bleibt am Ende nur die Hoffnung, dass die Welt doch nicht so schlecht ist, wie sie Autor Dennis Kelly entworfen hat?

Wirklich klar ist bei "Liebe und Geld" nur eines: Nichts ist eindeutig. Und die nötigen Verbindung muss der Zuschauer schon selbst ziehen. Während eben das im Düsseldorfer Schauspielhaus, in dem das Stück derzeit ebenfalls - unter der Regie von Jörg Reimer - zu sehen ist, schwer fällt, weil Mehrfachbesetzungen die Zuordnung einzelner Rollen nicht gerade erleichtern, gelingt Peter Wallgram in Wuppertal eine deutlichere Abgrenzung. Zumal er sich auf sechs Schauspieler verlassen kann, die die nüchterne Botschaft mit viel Liebe zur Wandlungsfähigkeit transportieren: Wer auf den Kapitalismus hofft, erntet ein Leben zwischen exzessivem Konsum und emotionaler Leere.

Auf der Bühne hat das ein ungewöhnliches Happy End. Denn Kelly erzählt eine Liebesgeschichte rückwärts - vom traurigen Schluss bis zum glücklichen Anfang. Dabei wird Mörderisches vorweggenommen: David (Marco Wohlwend) beichtet seiner Geliebten (Sophie Basse), dass er seiner kaufsüchtigen Frau Jess (Maresa Lühle), die er tablettenberauscht auf dem Bett fand, mit Alkohol den Todesstoß geben hat. Das ist durchaus spannend, aber auch sehr textlastig. So erfordert das verschachtelte Sozialdrama die ganze Konzentration des Publikums, das aufpassen muss, trotz der Zeitsprünge und Perspektivwechsel auf Augenhöhe zu bleiben und keinen Mosaikstein der Handlung zu verpassen.

Da helfen nur überzeugende Darsteller - und die sind in Wuppertal stark genug, um die Schwächen des Stücks zu überspielen. Denn reißbrettartig gezeichnete Figuren und plakative Sätze ("Ich glaube nicht mehr an Gott, ich glaube jetzt an Geld") reichen kaum aus, um fundamentale Kapitalismus-Kritik mit feinem Tiefgang zu versehen.

Ein Glück also, dass das hervorragende Ensemble dennoch intime Szenen schafft. Vor allem Marco Wohlwend glaubt man als David jede Silbe - ob er aggressiv, verzweifelt oder hoffnungsfroh ist.

Nicht weniger facettenreich spielt Sophie Basse. Holger Kraft und An Kuohn glänzen als älteres Paar, das sich an der (Un-)Ruhestätte der Tochter streitsüchtig über die Größe des luxuriösen Nebengrabs mokiert. Und Thomas Braus gelingt es, selbst den kleinsten Nebenrollen größte Aufmerksamkeit zu schenken - während Maresa Lühle eine herrlich naive Jess gibt und am Ende, also dem eigentlichen Anfang, ein rührendes Plädoyer für die Liebe formuliert. So hinterlässt die kleine Produktion bei allem Zynismus auch etwas Schönes: die große Hoffnung, dass aus einem bitteren Ende auch wieder ein neuer Anfang entstehen kann.

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