„Ich glaube an die Kraft der Jugend“

„Ich glaube an die Kraft der Jugend“

In „Cobain“ erzählt die niederländische Regisseurin Nanouk Leopold die Geschichte eines Jungen, der seine drogenkranke Mutter retten will. Am Donnerstag feiert der Film im Atelier-Kino seine NRW-Premiere.

Düsseldorf. Cobain ist 15 und gar nicht glücklich damit, dass er so heißt wie der Kult-Rocker und Selbstmörder Kurt Cobain. Seine Mutter Mia nimmt Drogen und säuft, obwohl sie erneut schwanger ist. Cobain kämpft um ihre Liebe, doch sie weist ihn immer wieder ab. Aber er gibt nicht auf. Wir sprachen mit Regisseurin Nanouk Leopold über gesellschaftliche Randfiguren, die Kraft der Jugend und über Dreharbeiten im bergischen Wald.

Frau Leopold, bislang haben Sie die Drehbücher für Ihre Filme immer selbst geschrieben. Bei „Cobain“ ist das anders. Die Story stammt von Stienette Bosklopper, die den Film auch produziert hat und mit der Sie schon häufiger zusammengearbeitet haben. Wie kam es dazu, dass Sie das Buch einer anderen Autorin verfilmt haben?

Nanouk Leopold: Stienette wollte einen Film mit einem Regiedebütanten drehen und hat mich um Rat gefragt. Ich wusste, dass sie an einem Drehbuch arbeitete, aber sie wollte es mich nicht lesen lassen. Vielleicht dachte sie, es würde mir nicht gefallen. Doch als ich es las, mochte ich es sehr und fragte sie, ob ich daraus einen Film machen dürfe. Das war neu für uns beide. Ich hatte noch nie mit einem „fremden“ Drehbuch gearbeitet. Und Stienette hatte noch nie ein Drehbuch geschrieben. Aber es ging gut. Wir kennen uns schon sehr lange und können gut zusammenarbeiten.

Ihr Film erzählt von Menschen, die sich am Rand der Gesellschaft bewegen: Da ist die drogenabhängige Mutter, Cobain lebt zunächst im Heim, arbeitet irgendwann für einen Zuhälter, verkehrt mit Prostituierten, wird selbst zum Freier. Was hat Sie an diesen Figuren interessiert?

Leopold: Es sind Menschen, die Träume und Probleme haben und damit gar nicht so viel anders sind als du und ich. Sie haben einfach nur oft Pech gehabt. Aber grundsätzlich mag ich Helden, die sich am Rand der Gesellschaft bewegen, die mehr wie Anti-Helden sind, Menschen, die versuchen zu überleben.

Im Zentrum des Films steht eine ungewöhnliche Mutter-Sohn-Beziehung. Mutter Mia verhält sich wie ein Kind, Cobain entwickelt sich mehr und mehr zu ihrem Vater oder großen Bruder. Was reizte Sie daran, solch eine „verkehrte“ Beziehung zu erzählen?

Leopold: Es ist ein universelles Thema ist, das viele Leute ansprechen kann. Kinder wollen immer ihre Eltern retten. In diesem Fall ist es ein bisschen extremer. Ich denke, dass Mia nicht gerettet werden will. Beide fühlen eine Menge füreinander, aber das macht es nicht leichter. Sie haben ihre Rollen getauscht und das verursacht schon ein Drama. Es ist eine explosive Situation. Damit zu arbeiten, ist spannend.

Nun erlebt Cobain permanent Rückschläge. Seine Mutter scheucht ihn immer wieder davon. Zuhälter Wickmayer, bei dem er scheinbar ein neues Zuhause findet, redet schlecht über seine Mutter: „Sie ist es nicht wert. Eines Tages liegt sie tot im Straßengraben“. Woher nimmt Cobain die Kraft, weiterzukämpfen?

Leopold: Ich glaube an die Kraft der Jugend. Seltsamerweise ist Cobain gar nicht voll bewusst, wie schlecht ihn seine Mutter behandelt. Aber er ist stark und optimistisch. Er glaubt, dass er selbst den Unterschied ausmachen machen. Und damit liegt er richtig.

Ihr Hauptdarsteller Bas Keizer wurde bereits als schauspielerische Entdeckung gefeiert. Wie sind Sie auf ihn aufmerksam geworden?

Leopold: Wir haben uns 500 Jungs angeschaut, mit rund 100 habe ich gearbeitet. Nach vielen Proben blieb noch eine kleine Gruppe von etwa zwölf Jungs übrig, mit der ich an ein paar Wochenenden Workshops gemacht habe. Sie wurden ziemlich schnell immer besser und sind alle im Film zu sehen: im Kinderheim oder beim Grillen. Bas Keizer stach heraus. Er hatte noch nie zuvor gespielt, aber er ist ein Naturtalent. Es hat viel Spaß gemacht, mit ihm zu arbeiten.

Ihr Film setzt ja weniger auf Dialoge, sondern auf Bildsprache, etwa Blicke. Warum?

Leopold: Im Drehbuch standen mehr Dialoge drin. Aber beim Filmschnitt stellten wir fest, dass in der Körpersprache der Schauspieler und in der Bildsprache des Films bereits viele Dinge gesagt waren. Ich denke, so lässt sich eine Geschichte überzeugender erzählen. Wenn sich die Geschichte im Kopf des Zuschauers abspielt, wenn er seine eigenen Interpretationen schafft, sind die Emotionen stärker und der Film wirkt noch lange nach.

Zum Schluss des Films landen Mia und Cobain im Wald, wo es zu einem dramatischen Finale kommt, das sicherlich in die Filmgeschichte eingehen wird. Die Wald-Szenen haben Sie im Bergischen Land gedreht. Warum haben Sie diese Location ausgewählt?

Leopold: In der Geschichte handelt es sich um einen Wald nahe Rotterdam, aber in Wirklichkeit drehten wir in den Wäldern von Bergisch Gladbach. In der Geschichte ist es wichtig, dass Cobain und seine Mutter die Stadt verlassen und sich an einem abgelegenen Ort wiederfinden, wo sie miteinander alleine sind. Zum ersten Mal sind sie richtig zusammen und leben so, wie sie noch nie zuvor miteinander gelebt haben, fast wie im Märchen. Und wie Cobain wollen wir glauben, dass es vielleicht möglich ist, miteinander glücklich zu sein. Aber natürlich wissen wir, dass das Glück nicht halten wird.