Ausstellung: Ihre Linien lassen die Opfer lebendig werden

Ausstellung : Ihre Linien lassen die Opfer lebendig werden

Die Hengesbach Gallery zeigt Zeichnungen von Olga Stozhar - „they are looking at us“.

Sie schauen einen an. Mit übergroßen Augen, die den Betrachter fixieren. Traurig oder ernst, nur ab und an ein Lächeln. „Dieser Blick spielt eine große Rolle“, sagt Rolf Hengesbach. Der Galerist hat in seinen Räumen an der Vogelsangstraße am Sonntag eine besondere Ausstellung eröffnet. „they are looking at us“ zeigt an die 80 Zeichnungen der russisch-jüdischen Malerin Olga Stozhar. Arbeiten, die die 50-Jährige nach Fotos von Opfern geschaffen hat, die in Konzentrationslagern oder beim Aufstand des Warschauer Ghettos umgekommen sind. „Was Sie hier sehen, hat viel mit dem Holocaust Day (27. Januar, Red.) zu tun, und wird in dieser Art und Weise nicht mehr zu sehen sein“, sagt ein sichtlich angefasster Hengesbach.

Vor neun Jahren lernten sie sich in Berlin kennen: Der Wuppertaler Galerist suchte nach Künstlern für eine Ausstellung, interessierte sich für Stozhar, die sich damals vor allem mit der globalisierten, grell-bunten Musikkultur auseinandersetzte. „Ihre Bilder sind lebendig, die Linien in Bewegung, oft ohne Anfang und Ende, so abstrahieren sie gut vom natürlichen Modell“, begründet Hengesbach sein Interesse. Beginn eines losen Kontakts, der vor zweieinhalb Jahren Schwung aufnahm. Stozhar meldete sich, um ein neues Projekt vorzustellen, mit dem sie einerseits subjektive Erinnerungsgeschichte aufarbeitet und zugleich die Opfer des Nationalsozialismus lebendig werden lässt. Hengesbach, der sich als Jugendlicher in den 70er Jahren intensiv mit der Verfolgung der Juden beschäftigt hatte, hatte bis dahin eine künstlerische Beschäftigung – gemäß Adornos Diktum, dass nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben barbarisch wäre – für unmöglich gehalten. Die Künstlerin aber habe einen Weg gefunden, indem ihr Zeichenprozess auf den individuellen Ausdruck setze und nicht an der plakativen Äußerlichkeit hängen bleibe, erklärt er: „Die Bilder sind keine Anklage, sondern beschäftigen sich mit der Kernfrage, was das für Menschen sind, welche Empathie wir für sie entwickeln können, nachdem wir es damals nicht konnten.“

Mehrere Tausend Zeichnungen hat Stozhar, die heute in Petersburg, Berlin und Israel lebt, geschaffen. Sich dafür regelrecht von der Außenwelt abgeschottet. Ein mächtiges Konvolut fragiler Papierarbeiten, die die beiden in vielen Stunden sichteten. Für das sie nach einer speziellen Präsentation suchten. Die Galerie biete als kleiner Rahmen die Möglichkeit für erste Erfahrungen, entschied Hengesbach. Die Künstlerin   hängte die Bilder in Dreier-Blöcken, die die Qualität des einzelnen ebenso betont wie den Kontakt der Bilder miteinander, sie in eine Spannung bringt. „Jeder Block ist wichtig, formal wie inhaltlich.“

Es sind alte und junge Männer und Frauen, auch Kinder, Menschen aus allen Generationen. Ihre Gesichter füllen die etwa Din A3-großen Blätter, die Linien sind fein, zackig, geschwungen, verdichten sich, werden schwächer, lassen Leerräume oder werden so intensiv, dass sich das feine Papier wellt oder gar reißt. Stozhar arbeitet keine Schraffuren heraus, ihre Linien verdichten den Ausdruck. Stohars Bilder zeigen Menschen, die dem Grauen unterworfen wurden, nicht den Grauen als Grauen, sie sind traurig, mitleidend, klagen nicht an.

Der Wuppertaler Ausstellung sollen ein Buch und Schauen in Israel und anderen deutschen Museen folgen. Dann aber hinter Glas. So schutzlos und direkt wird der Dialog mit dem Betrachter nicht mehr möglich sein. Hengesbach: „Wir sind sehr glücklich über diese Präsentation.“