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Coronavirus: FSJler nach Odysee wieder in Kaarst

Kaarster Jugendliche in Ecuador und Israel : Corona-Krise: Ein Wettlauf gegen die Zeit

Zwei FSJler aus Kaarst sind gerade noch rechtzeitig aus dem Ausland zurückgekehrt.

. Wie Glück und Erleichterung die Stimme prägen können, war seiner Sprachnachricht deutlichst zu entnehmen. Kurz vor Mitternacht kam diese von Trevor Flint. Da saß der 18-Jährige, der seit August ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in Ecuador absolviert hatte, bereits im Flugzeug mit Ziel Amsterdam. Er hatte den wahrscheinlich vorerst letzten Flug aus dem südamerikanischen Land nach Europa ergattert. „Ich bin ganz aufgelöst. Ich komme tatsächlich weg“, erzählte Trevor.

Tätigkeit als Englischlehrer
war nicht mehr möglich

Nur wenige Stunden zuvor sah alles noch ganz anders aus. Der Kaarster besaß zwar ein Ticket für einen Flug der niederländischen Airline KLM, der erst heute starten sollte, doch auf dem übervollen Flughafen von Quito – der Hauptstadt Ecuadors an den Ausläufern der Anden – gab es niemanden, der ihm bestätigen konnte, dass überhaupt noch Flüge starten. Denn am Sonntag hatte die Regierung beschlossen, ab Montag die Grenzen zu schließen aufgrund der Corona-Krise. Auch seine Tätigkeit als Englischlehrer an einer Indigenen-Schule war nicht mehr möglich. Er hätte zwar noch bei seiner Gastfamilie wohnen dürfen, doch auch Trevor wollte zurück in die Heimat. Die Zeit drängte: „Wir FSJler waren die letzten auf der Prioritätenliste der Ausreisewilligen.“ Deshalb hatten Trevor von seinem Gastland sowie Vater Harry Flint von Kaarst aus seit Tagen versucht, einen Rückflug zu buchen. „Eine Odyssee von gefühlt 1000 Telefonaten mit Auswärtigem Amt, Botschaft, Reiseagentur, Freiwiligendienst und Veranstalter liegt hinter aus“, sagt Harry Flint. Auch er ist überglücklich, dass ein Rückflug sogar ein Tag früher möglich war. „Zwar hat die Bundesregierung eine Luftbrücke für zehntausende deutsche Touristen in aller Welt eingerichtet. Doch bis jemand aus Ecuador dran wäre, bleibt ziemlich vage.“

Freiwilligendienst in Altenheim
für Holocaust-Überlebende

Eine vergleichbare Zitterpartie hat der Kaarster Justus Schlösser hinter sich. Vor zwei Tagen noch saß er auf gepackten Koffern in seinem Guest House im israelischen Haifa. Der 18-Jährige war Ende Dezember über den Deutsch-Isralischen Verein nach Haifa gekommen, um seinen Internationalen Freiwilligendienst in einem Altenheim, in dem europäische Juden sowie Holocaust-Überlebende wohnen, zu leisten. Bis August sollte sein sogenannter „volunteer service“ dauern. „Und jetzt konnte ich mich nicht einmal von den Bewohnern verabschieden“, erzählt er. „Das macht mich extrem traurig.“

Am vergangenen Sonntag war Justus wie gewohnt zur Arbeit im Altenheim erschienen. „Doch bereits an der Tür wurde ich vom Chef abgefangen, der mir sagte, dass ich nicht weiter dort arbeiten dürfe“, schildert er. In den letzten Tagen hatten sich auch in Israel die Ereignisse aufgrund der Corona-Krise überschlagen. „Angefangen hatte es vor zwei Wochen mit dem Einreisestopp, dann gab es die Hygienevorschriften, dass deutsche Touristen und alle, die mit ihnen in Kontakt waren, zunächst in Quarantäne mussten.“ In den Tagen darauf habe sich die Stimmung gegenüber Europäern, insbesondere Deutschen, stark gewandelt. „Leute setzten sich im Bus weg, sobald jemand deutsch spricht oder europäisch aussieht so wie ich“, hat Justus Schlösser erfahren. Freunde von ihm mussten sogar erleben, dass Busfahrer nicht anfahren wollten, weil Deutsche oder Italiener Platz genommen hatten. Andere FSJler kamen von einem Tag auf den anderen nicht mehr in ihre Gästezimmer.

Grund genug für Justus, sich um einen Rückflug zu kümmern. Dieses Unterfangen war allerdings nicht so ganz einfach. Doch Justus hatte Glück, landete in der Nacht zu Mittwoch in Berlin. Ob er nach seiner Rückkehr in Quarantäne muss, weiß er nicht. „Ich bin gesund, hatte – soweit ich weiß – keinen Kontakt zu Infizierten“, sagt Justus Schlösser, der gemeinsam mit Trevor 2019 sein Abitur am Georg-Büchner-Gymnasium in Vorst absolviert hatte. Freunde begleiteten Justus noch bei seinem Abschied. Bis zum Flughafen kamen sie allerdings nicht mit. „Das Risiko war zu groß, dann in Quarantäne zu müssen“, erinnert sich Justus Schlösser.