Verdis Nabucco: eine Familientragödie

Oper : Verdis Nabucco: Eine Familientragödie

Die Inszenierung von Roman Hovenbitzer setzt auf Psychologi und will zugleich werktreu sein. Am Freitag feiert sie in Krefeld Premiere.

Es mag musikalische, musiktheatralische Werke geben, die ein spezielles Karma in sich tragen. Dies kann – in hohem Maße – auch für Giuseppe Verdis dritte Oper „Nabucodonosor“ gelten, die später unter dem Titel „Nabucco“ zu den großen „Chor-Opern“ überhaupt mit ihrem berühmten Gefangenenchor „Va, pensiero“ werden sollte. Und in diesem, bis heute anrührenden, vielleicht leider auch durch übermäßige Nutzbarmachung für großen „Effekt“ etwas abgenutzten, Chor – der übrigens schnell zu einer Art „inoffiziellen“ Hymne Italiens avancierte – liegt auch der hermeneutische Fokuspunkt dieses Werkes.

Doch kehren wir zum Karma zurück: Als Verdi die Oper schrieb, war es für ihn eine große Befreiung aus tiefster Dunkelheit. Er musste zuvor seine beiden Kinder und schließlich 1840 seine Frau Margherita im Alter von nur 26 Jahren zu Grabe tragen. Doch nicht des tragischen Schicksals genug, Verdis zeitgleich entstandene zweite Oper war ein Misserfolg bei dem, das Herz auf der Zunge tragenden, Mailänder Publikum. Eine Lebenskrise, ein Gefangensein im Schicksal, aus dem sich Verdi nur schwerlich befreien konnte. Und dies just mit seiner „Freiheits-Oper“, eben diesem „Nabucco“, die 1842 an der Scala ein überwältigender Erfolg wurde. Eine Geschichte um einen macht-besessenen König, um Wahnsinn und schließlich nicht zuletzt das Streben des jüdischen Volkes nach Freiheit aus der babylonischen Gefangenschaft. Ein Werk, in dessen Rückgrat man zu jeder Zeit diese nach Befreiung ringende Energie spürt.

Die Inszenierung von Roman Hovenbitzer, die bereits seit Sommer 2018 in Mönchengladbach zu sehen war und nun am Freitag ihre Premiere in Krefeld feiert, kann aber auch durchaus als ein Erfolg gelten. Das hat sich herumgesprochen, und die Premiere ist schon ausverkauft. Seine Deutung des Sujets als Familientragödie schafft, trotz einer eigens gefärbten Sicht, dem Werk als Ganzes treu zu bleiben. „Es ist einerseits das große Weltendrama und zeitgleich die Familientragödie“, betont er – aber dann doch mehr eine zerrissene Großfamilie als ein Völkerdrama. „Der Kern dieser Auseinandersetzung ist, dass man eine Heimat, Ganzheitlichkeit verloren hat“, sagt Hovenbitzer, der in seiner Inszenierung bemüht ist, das Werk „über Psychologien anzufrischen.“ Dazu zählt auch die Einspielung von Zitaten aus Shakespeares „Lear“, in den Umbaupausen. Verdi hat übrigens stets versucht, eine „Lear“-Oper zu vertonen, doch sei ihm dies nicht gelungen. Dort gäbe es auch eine „Vater-Tochter-Situation“.

Bei alledem verweigern sich der Regisseur und sein Team aus Roy Spahn (Bühne), Magali Gerberon (Kostüme) und der Dramaturgin Ulrike Aistleitner bewusst einer „zu aktuellen Visualisierung“ des Stoffes, auch der Beimischung von aktuellen politischen Problemen. „Wir suchen eine Abstraktion, die aber sehr klar ist“, erklärt Hovenbitzer. Somit versucht die Inszenierung nicht, Nabucco als Spiegelfläche für eine aus der Zeit schöpfende Politisierung zu nutzen; gar mit einer Brechung des Werkes zu arbeiten. Wenngleich gerade eine Oper wie Nabucco inhärente Schwierigkeiten mit sich bringt. Wie geht man mit den monumentalen Szenen um, ohne in Kitsch abzudriften?

Als Raum wurde indes ein Sakral-Raum gewählt. Man möchte aber das Werk aus dem rein biblischen Kontext entheben. Der Kernpunkt liegt in der Familie. Die „Familien“ sind deutlich getrennt in einen „traditionellen“ und einen „modernen“ Teil. Diese werden auf der Bühne verkörpert von Johannes Schwärsky als Nabucco – dessen Spiel und Bariton auch schon bei der Premiere in Mönchengladbach gefeiert wurde –, Ismaele (Kairschan Scholdybajew), Hayk Dèinyan als Zaccaria, Gastsängerin Lydia Easley als Abigaille, Fenena (Eva Maria Günschmann) und aus dem Opernstudio Alexander Kalina (Oberpriester), Woongyi Lee (Abdallo) und Panagiota Sofroniadou als Anna.

Für chorische Stärke sorgt der von Michael Preiser einstudierte Opern- und Extrachor. Alles musikalisch zusammengehalten von Dirigent Diego Martin-Etxebarria.

Man darf gespannt sein.

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