Ein Jesusbild als Porno-Collage

Premiere : Ein Jesusbild als Porno-Collage

Das Stadttheater fragt mit dem Monolog „NippleJesus“ nach dem Sinn von Kunst.

„Meine Gabe ist meine Größe, und da mache ich das Beste draus“, sagt Dave. Mit anderen Worten: Er ist ein Mann fürs Grobe, und in seinem Beruf als Rausschmeißer war er eigentlich richtig, doch dann wurde er mit einem Messer bedroht. Sein neuer Job schien ruhiger zu werden, doch allein schon der Titel des ersten Werks, das er als Aufsicht in einer Galerie zu bewachen hatte, deutete neue Konflikte an. „NippleJesus“ hieß das große Bild, und so heißt auch das Stück, in dem der britische Erfolgsautor Nick Hornby seine Figur Dave mit der Kunst und auch ihren Gegnern ringen lässt.

Regisseurin Maja Delinic hat den Monolog für das Stadttheater eingerichtet, und Paul Steinbach spielt Dave auf einnehmende Art und Weise. Die Krefelder Premiere fand jetzt passenderweise in einem Saal des Kaiser-Wilhelm-Museums statt. Die weiteren Aufführungen werden in der Fabrik Heeder zu sehen sein.

Dan ist als Figur
treffend charakterisiert

Der Text von Hornby ist gut gebaut – wie man so sagt –, witzig geschrieben, anspielungsreich, unterhaltsam und ganz und gar nicht ohne Hintersinn. Dave ist als Figur treffend charakterisiert, und dass Hornby eben nicht einen kunstsinnigen Menschen mindestens aus der gehobenen Mittelschicht zum Protagonisten gemacht hat, ist der besondere Dreh des Stücks. Dave doziert nicht über Kunst, sondern muss seinen Weg zu ihr finden – und die Zuschauer mit ihm.

Der „NippleJesus“ einer Künstlerin namens Martha war also Daves erster Job im gehobenen Umfeld einer Galerie. Es handelte sich um ein übermenschengroßes Jesus-Bild, dessen Clou darin bestand, eine Collage zu sein, deren einzelne Bestandteile man erst beim Nähertreten identifizieren konnte. Martha hat den Schmerzensmann und Gegenstand höchster religiöser Verehrung ausgerechnet aus Tausenden kleiner „Nippelbilder“ zusammengesetzt, also pornographischen Darstellungen weiblicher Brüste. Während brave naturalistische Abbilder und unauslotbare abstrakte Werke Dave kalt ließen, sprach ihn der „NippleJesus“ gleich an, und zwar gerade wegen und trotz seiner Widersprüchlichkeit. Ihm fällt auf, dass er viele Fragen an die Künstlerin hätte, doch dazu, diese zu stellen, kommt Dave schon nicht mehr.

Zum Zeitpunkt seines monologischen Berichts ans Publikum ist der „NippleJesus“ schon von einem Eiferer zerstört worden, Dave konnte das nicht verhindern. Er findet sein Scheitern schon schlimm genug, und auch bedauert er den Verlust des Werks, noch mehr zu schaffen aber macht ihm, dass ausgerechnet auch die Künstlerin Daves Misserfolg zu schätzen weiß.

Mit einer Videokamera wird der zerstörerische Akt aufgenommen

Sie wollte offenbar gar kein Werk für die Ewigkeit schaffen, ihr war mehr an der Provokation gelegen. Die Zerstörung des Bildes passt ihr nicht nur in den Kram, sie war darauf vorbereitet. Mit einer Videokamera wurde der zerstörerische Akt aufgenommen, die Aufnahme wird Bestandteil der Ausstellung.

Skandale sollen helfen, Marktwerte von Kunst in die Höhe zu treiben, einerseits, andererseits gerät die Freiheit der Kunst durch Ideologien und pseudomoralische Kritik immer mehr unter Druck. Wo bleibt sie da, die Kunst? Auch diese Frage wirft Hornby nebenbei auf, ohne eine Antwort zu liefern.

Delinic hat den anregenden Abend mit viel Vertrauen für ihren Schauspieler Paul Steinbach und leichter Hand inszeniert. Nur auf die eingestreute Musik hätte sie eigentlich verzichten können, denn Steinbach kann den Text auch ohne weitere Hilfsmittel tragen. Am Ende viel Applaus für den Darsteller und das Team.

Mehr von Westdeutsche Zeitung