Lyrik trifft auf Politikwissenschaft

Lyrik : Lyrik trifft auf Politikwissenschaft

Im Südbahnhof startet am Sonntag, 31. März, eine neue Veranstaltungsreihe. Der Auftakt steht im Zeichen der Revolutionen.

„Revolutionen in Deutschland waren selten erfolgreich. Doch trugen sie in ihrem Kern zu langfristigen politischen Änderungen bei. Oftmals besitzen sie heute noch überraschende Tagesaktualität“, das sagen der Lyriker und Rezitator Wolfgang Reinke und die Politikwissenschaftlerin Ingrid Schupetta. Sie haben sich zu einer fünfteiligen Vortragsreihe des Werkhauses im Südbahnhof zusammengeschlossen. Das Generalthema lautet in Anlehnung an das Solidaritätslied von Ernst Busch „Vorwärts, doch nichts vergessen! — Lyrik und Politik“.

Die fünf Termine sind chronologisch aufgebaut, reichen von 1848 bis zu den 68ern und finden jeden zweiten Monat statt. Die dazu gehörenden Fragen der Vortragenden lauten: „Was haben die revolutionären Gesänge der Vergangenheit, die Stimmen der Frauen oder die Erfahrungen der Nach-68er heutigen Bewegungen zu sagen?“

Bei den Veranstaltungen
wird auch gesungen

Die Lyrik stammt aus den entsprechenden Jahrzehnten. Die Wissenschaftlerin spricht dazu verbindende und erklärende Texte. Dabei soll es — auch wenn es brisant wird — durchaus auch heiter und unterhaltend zugehen. Und gesungen wird auch. Schupetta: „Wir geben kein Uni-Seminar.“

Die erste Veranstaltung am Sonntag, 31. März, trägt den Titel: „Das war ’ne heiße Märzenzeit — Gedichte zu Deutschen Revolutionen“. Der deutsche Frühling 1848 wurde durch die Revolution im März in Preußen bekannt. Reinke: „Deutschland zerfiel nach wie vor in viele Kleinstaaten und auch die kleinsten von ihnen kannten keine Demokratie, keine Gewaltenteilung, keine Versammlungsfreiheit, von einem Recht auf freie Meinungsäußerung ganz zu schweigen. In Berlin ließ König Friedrich Wilhelm IV. auf Demonstranten schießen. Mehr als 200 Menschen, vor allem Handwerker, starben. Die Opfer wurden als ,Märzgefallene bezeichnet. Bis um 1900 fanden auf ihrem gemeinsamen Beerdigungsplatz regelmäßig Kundgebungen statt.“

Hier trägt Reinke Texte von Kurt Tucholsky, Bertold Brecht, Wolf Biermann oder Franz Josef Degenhardt vor. Letzterer hat das Lied „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ geschrieben. Das sei eine Gelegenheit, mitzusingen, sagt Schupetta. Sie regt auch an zum Termin Tulpen oder Forsythien mitzubringen. Die Revolution sei stets ein Wandel wie die Natur im Frühjahr. Deutscher Frühling eben.

„Mit Schirm, Charme und Parole — Gedichte von Frauen im Aufbruch“ heißt es im Mai. Dann werden gut 200 Jahre Emanzipation der Frauen präsentiert. „Eine Entwicklung, die noch längst nicht am Ziel angelangt ist“, sagt Reinke. „Angefangen von Annette von Droste-Hülshoff, von Gertrud Kolmar bis Ingeborg Bachmann haben wir eine erlesene Auswahl unter bekannten und unbekannten Dichterinnen getroffen.“

„In meines Vaters Haus — Gedichte nach dem Deutschen Herbst“, berichtet vom Scheitern von Teilen der Studentenbewegung und der staatlichen Reaktion auf den Terror der RAF. „Hinzu kommt die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Väter als Täter während der NS-Zeit.“ Schupetta kommentiert hier die Gedichtauswahl des Lyrikers, der Dichter wie Peter Maiwald und Volker von Thörne liest.

„Lehmann, Loerke, Barth — Wege der inneren Emigration“. Der Dreiklang ihrer Gedichte vermittelt einen Eindruck, was im Dritten Reich zwischen 1933 und 1945 entstand. „Nicht alle Dichter waren gezwungen, Nazideutschland zu verlassen. Wer sich noch nicht dezidiert politisch geäußert hatte oder durch das Rasseraster fiel, musste sich zwangsläufig arrangieren — zwischen eigenen Ansprüchen und der Vorgaben des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda.“

Im November geht es um „Artige Lyrik. Hanns Johst (1890-1978) und Johannes R. Becher (1891-1958) — Dichtung zwischen Expressionismus und totalitären Weltanschauungen“. Beide begannen mit expressionistischen, die Moderne feiernden Gedichten. Ihr Ausdruck änderte sich aber bereits in der Zeit der Weimarer Republik. Johst wurde ein glühender Bewunderer des Nationalsozialismus, Becher Kommunist, der bis in die 1950er Jahre Stalin Hymnen widmete. „Über die Qualität offenkundiger Glorifizierung so extremer Ideologien sollte sich das Publikum eine eigene Meinung bilden“, sagt Ingrid Schupetta.

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