Klassik: Sinfonik für den weiten Blick

Klassik : Sinfonik für den weiten Blick

Das 5. Sinfoniekonzert unter der Leitung von Friedemann Layer hatte nicht nur entsprechende Größe im Gepäck. Auch einen Kontrabass.

Mit dem Hören von Musik verhält es sich in mancherlei Hinsicht so ähnlich wie mit dem Betrachten von Malerei. Dabei ist dieser Vergleich gar nicht so abwegig, wie es auf erstes Lesen erscheinen mag. Natürlich wird für eine bestimmte Art von programmatisch interpretierbarer Musik gerne mal auch etwas pejorativ der Begriff „Klangmalerei“ verwendet, aber diese Parallele zwischen Hören von Kunstmusik und Betrachten von Kunstwerken ist hier weniger gemeint. Ein sehr sprechendes Beispiel dafür, worin nun diese Parallelen genau zu finden sind, bot das 5. Sinfoniekonzert der Niederrheinischen Sinfoniker im Seidenweberhaus. Wieso?

Bruckners Musik braucht einen großen Betrachtungswinkel

Das Hauptwerk des Abends war Anton Bruckners 1. Sinfonie – indes in der vom Komponisten selbst bearbeiteten „Wiener Fassung“. Die der Wiener Gastdirigent des Abends, Friedemann Layer, für das Konzert ausgewählt hatte. Mit durchaus viel Gefühl für das große Brucknersche Uhrwerk, für die zu bewegenden gewichtigen Orchestermassen leitete er die Niederrheinischen Sinfoniker durch die tiefen Kluften, luftigen Auen und düsteren Wälder dieser so eigenen, vielleicht sogar eigenwilligen Tonsprache. Bruckner gehörte zu jenen Tonschöpfern, die ihr ganzes Leben lang mit tiefgehenden Selbstzweifeln und einem fast schon an Pedanterie grenzenden Perfektionismus zu kämpfen hatten. Dabei ist er übrigens in bester Gesellschaft, es gibt Kollegen, die große Teile ihres Schaffens aus Unzufriedenheit zerstörten oder eben wie Bruckner umarbeiteten. So hat Bruckner auch sein sinfonisches Gesellenstück aus dem Jahr 1866, wobei Meisterstück fast besser zu passen scheint, in den 90ern des 18. Jahrhunderts umgearbeitet. Diese Bearbeitung ist indes nicht derart radikal wie bei anderen Sinfonien aus seiner Feder, aber deutlich spürbar in der Instrumentation, in Feinheiten, aber auch einzelnen Abschnitten, die ergänzt oder umgedeutet wurden.

Doch wie kommt nun schließlich der Vergleich mit der Malerei ins Spiel? Es gibt Musik, die größer skaliert gehört werden muss. Bei der sich durch große Bögen, durch weit gefächerte Strukturen der Sinn – wobei dieser Begriff hier fast nicht den „Sinn“ trifft – erst dann erschließen mag, wenn man innerlich im Ohr den Betrachtungswinkel vergrößert. Einen Schritt zurück tritt.

Bei Claude Monets Seerosen-Bildern lohnt der Blick aus weiterer Entfernung, bei Spitzweg hingegen zieht einen das Bild förmlich hinan, sich die kleinen Tableaus näher zu betrachten. So ist das auch in der Musik. Beispielsweise verführt Mozart zu einem Hören auf die kleinsten Strukturen und Details, die in einem rasenden Tempo wechseln, nun genau das Gegenteil ist Bruckner und auch übrigens die Musik von Sibelius, die eher einen großen Pinsel nutzt. Dessen „Pohjolas Tochter“, eine Sinfonische Fantasie, eröffnete das Konzert mit sagenhaften Klängen, entflossen aus dem finnischen Nationalepos „Kalevala“. Auch hier bewies Layer, der seinerzeit noch bei Namen wie Böhm und Karajan assistierte und lange Zeit in Mannheim wirkte, dass es schon so etwas gibt wie eine dirigentische Reife, die nur durch lange Erfahrung erringbar ist.

Gestisch zurückhaltend, aber überaus agil, fast etwas rudernd, leitete er zunächst mit Takstock, später bei Bruckner ohne. Doch das Große passiert bei ihm vielmehr in der Geste, im Blick, in dem in seinem Gesicht ablesbaren Durchdringen und Genießen der Höhen, die sich in der Musik aufbäumen können. Durchaus solide gelangen auch schwierigere Stellen, indes verlor man die Spannung in einzelnen Passagen von Bruckners Werk spürbar. Da merkt man den Unterschied, wenn ein Dirigent mit aller nonverbaler mystischen Kommunikation leitet oder eben nur verwaltet. Dies geschah leider teilweise im zweiten Satz der C-moll Sinfonie von Bruckner.

Umso mehr Esprit gelang schließlich bei dem Solostück des Abends, das nicht nur mit der Größe des Soloinstruments überraschte. Das Kontrabasskonzert des Esten Eduard Tubin interpretierte Bogusław Furtok (Solo-Kontrabassist des hr-Sinfonieorchesters) mit viel Gespür für die Virtuosität dieses von treibenden Rythmen durchdrungenen Werkes. Wunderbar harmonieren die Klangteppiche gewebt aus illustren Patterns mit dem restlichen Programm, vor allem dem Bruckner. Furtok zeigte aber neben aller Virtuosität auch eine Spielkultur, die auf eine erfrischende Innerlichkeit schließen lässt. Dafür gab es schönen Applaus.

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