Einen durchwachsenen Eindruck macht das neue Stück "Himmel über Paris"

Premiere: Chansons retten den Abend

Die neue Produktion „Himmel über Paris“ hinterlässt nach der Premiere am Theater Krefeld einen durchwachsenen Eindruck.

Unter einer Laterne sitzen zwei Musiker, der Himmel leuchtet rosig und der Champagner steht bereit. Ingenieur Frank (Adrian Linke) aus Herne ist auf Geschäftsreise in Paris. Bevor er am nächsten Tag zu einem für sein Karriere entscheidendem Termin geht, möchte er den Abend so „pariserisch“ verbringen, wie man es sich als deutscher Tourist vorstellt: mit einer schönen Frau und Champagner. Doch die Prostituierte Juliette (Vera Maria Schmidt) erweist sich als kaltschnäuziges Biest und raubt ihn aus. Bevor Frank der Diebin hinterher eilt, stimmt er erst einmal ein Chanson von Jacques Brel an.

Aus dem Zentrum der Glitzermetropole in die Banlieus

So die erste Szene des Stücks „Der Himmel über Paris“ von Lothar Kittstein, das jetzt in der Regie von Matthias Gehrt am Theater Krefeld uraufgeführt wurde. Anlass des Stücks sind die unsterblichen Lieder von Brel, Edith Piaf und Gilbert Bécaud. Doch ein Liederabend, der die üblichen Paris-Klischees bedient, sollte es nicht werden. Stattdessen ist eine etwas seltsame Geschichte entstanden, in der ein deutsches frisch geschiedenes Paar getrennt auf eine nächtliche Odyssee durch Paris geschickt wird.

Es ist kein romantischer Trip wie in Woody Allens hinreißendem Film „Midnight in Paris“, sondern eine Irrfahrt mit alptraumhaften Zügen. Denn die Umstände führen beide Protagonisten aus dem Zentrum der Glitzermetropole in die berüchtigten Banlieus. Mit schwarzweißen Projektionen trostloser Häuserblocks (Bühne Gabriele Trinczek) und wenigen Requisiten nimmt diese Tristesse Gestalt an. Frank verfolgt Juliette in diese Welt.

Seine Ex-Frau Bettina (Esther Keil), eine leicht hysterische Lehrerin, ist im Bus eingeschlafen und wacht am Stadtrand auf. An der Bushaltestelle begegnet sie naiv freundlich zwei Jugendlichen (Philipp Sommer und Ronny Tomiska), die sie natürlich beklauen. Ohne Geld und Handy muss sie die Nacht überbrücken, da erst am nächsten Morgen wieder ein Bus fährt. Neben den Jugendlichen begegnet sie einem alten verbitterten Mann (Joachim Henschke) und schließlich auch Juliette, die ihr auch noch das schicke Kleid abnimmt. In dieser Extremsituation entwickelt Bettina ungeahnte Kräfte und taucht immer wieder in die Welt der Chansons von Edith Piaf ab. Als es ihr am dreckigsten geht, stimmt sie „La Vie en Rose“ an.

Parallel dazu (die Szenen werden immer im Wechsel gezeigt) irrt Frank durch die Nacht. Er begegnet dem Freund und Zuhälter Juliettes (Henning Kallweit) und einer sehr emanzipierten Muslima (Carolin Schupa). Der kleine Flirt mit ihr mündet in eine charmante Tanzszene, dem „Valse á mille temps“.

Es ist einer der wenigen Momente, wo der Übergang von der brutalen Realität in eine Fantasiewelt perfekt gelingt. Die Musik reißt auch an anderen Stellen immer wieder aus dem holzschnittartigen Szenario heraus. So sorgt Joachim Henschke mit zwei Bécaud-Chansons für berührende Momente und auch die „Comédiens“ von Charles Aznavour finden in dem Gauner-Trio eine witzige Verkörperung.

Etwas zu glatt und deutsch bleibt Adrian Linke bei dem Brel-Klassiker „Ne me quitte pas“ und hat auch sonst leider wenige Möglichkeiten, aus der Schablone seiner Figur auszubrechen. Die wunderbarste Leistung des Abends gelingt Esther Keil mit Piaf-Liedern wie „Padam Padam“ und „Milord“. Ihre Interpretationen sind von einer zutiefst berührenden Intensität, so dass man sich einen Piaf-Liederabend mit ihr gewünscht hätte.

Stattdessen erlebt man eine Abfolge von Szenen, die vor allem im zweiten Teil Längen entwickeln, weil die Handlung schwächer und absehbar wird. Am Ende ihrer Odyssee begegnen sich Frank und Bettina. Ob die Erlebnisse der Nacht sie wirklich verändert haben und ob sie wieder zueinander finden, bleibt offen. Am Ende stimmen sie „Je ne regrette rien“ an und wieder ist es die Musik, die für den besonderen Zauber sorgt.

Das ist vor allem den beiden Musiker Jochen Kilian (Klavier) und Heinz Hox (Akkordeon) zu verdanken. Sie sind die wahren Stars des Abends. Das spürte man auch bei der Premiere, wo sie vom Publikum entsprechend gefeiert wurden. Allein dafür lohnt sich ein Besuch der Aufführung.

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