Konzertkritik: Melissa Etheridge live in Düsseldorf - ein Abend voller Leidenschaft

Konzertkritik: Melissa Etheridge live in Düsseldorf - ein Abend voller Leidenschaft

Zwei Stunden lang zaubert Melissa Etheridge (57) in Düsseldorf mit Gitarren-Soli, am Schlagzeug und mit der Mundharmonika. Vom ersten Ton an ist das Konzert eine Party.

Es ist ziemlich genau 30 Jahre her, als Huey Lewis eine junge amerikanische Künstlerin als Gast mit nach Europa brachte, die gerade ihre erste Platte veröffentlicht hatte. Die benutzte ihre zwölfsaitige Gitarre als Schlagzeug, trommelte auf das Instrument ein, sang dazu „Chrome Plated Heart“. Und das so voller Leidenschaft und Intensität wie ein Pfeil, der die Zuhörer mitten ins Herz trifft. Gänsehaut-Feeling pur, was bei einem Vorprogramm nicht oft vorkommt. Am Samstagabend stand Melissa Etheridge wieder auf der Bühne. In Düsseldorf. Und sie sang auch wieder „Chrome Plated Heart“, diesmal mit einer E-Gitarre in der Hand und einem langen Solo, das sie so selbstverständlich und brillant spielte, als sei es ein verspätetes Statement zum Weltfrauentag. Denn Solo-Gitarristinnen sind bis heute eine Rarität.

Das Lied „Talking to my Angel“ ist ihrem Vater gewidmet

„Yes, I am“ – wie ihr viertes Studioalbum – hat die 57-Jährige ihre aktuelle Tour getauft, und die Fans in der nicht ganz ausverkauften Halle in Düsseldorf-Oberbilk erlebten eine Melissa Etheridge, die erwachsen geworden ist und auch bei Songs wie „Bring me some Water“ manchmal lächeln muss, obwohl darin eine herzzerreißende Geschichte erzählt wird. Wenn daraus ein Riesen-Hit geworden ist, ändert sich der Blick auf Dinge, die wehgetan haben. Wie man Emotionen in Kunst verwandelt? Die Antwort gibt Melissa Etheridge mit „Talking to my Angel“, das letzte Lied von „Yes, I am“, das ihrem Vater gewidmet ist: „Er hat mich immer zu den Clubs gefahren, wo ich mit Country-Bands aufgetreten bin. Und er hat immer an mich geglaubt.“ Ihr Vater ist kurz vor dem Erscheinen der CD gestorben. „Talking to my Angel“ ist einer der wenigen Momente, in denen auf der Bühne niemand lächelt.

 Dass die Sängerin aus Kansas 25 Jahre nach der ersten Veröffentlichung von „Yes, I am“ ihre Tournee nach der CD benennt, hat noch einen anderen Grund. Damals hat sich Melissa Etheridge als lesbisch geoutet: „Danach habe ich fünf Jahre über nichts Anderes geredet. Aber ich habe das nicht bereut.“ So sitzen im Publikum viele gleichgeschlechtliche Paare, aber die sind keineswegs in der Überzahl. Denn wenn Melissa Etheridge in „Come to my window“ oder „If I wanted to“ von großen Gefühlen, Liebe und Leidenschaft singt, ist das ein geschlechtsübergreifendes Erlebnis. Völlig egal, ob das Herz für Männlein oder Weiblein schlägt. Mit ihren Songs hat die 57-Jährige wohl mehr zum normalen Umgang mit Homosexualität beigetragen als die schrillen musikalischen Eintagsfliegen, die alljährlich vom ESC produziert werden.

 Aber so viel Ernst wollte Melissa Etheridge und ihre Band mit Bassist David Santos, Drummer Eric Gardner und Max Hart an der Hammond-Orgel gar nicht auf die Bühne bringen. Vom ersten Ton an ist das Konzert eine Party, ein Rückblick auf die mehr als 30-jährige erfolgreiche Karriere, den sie mit den Fans feiert. Und die Amerikanerin zeigt, dass sie sich zur Multiinstrumentalistin entwickelt hat. Sie spielt nicht nur exzellente Solo-Gitarre, sondern greift auch zur Mundharmonika und legt zum Finale noch ein gemeinsames Schlagzeug-Solo mit Eric Gardner drauf. Bei den letzten Songs merkt man allerdings, dass sich die 57-Jährige in den zwei Stunden ziemlich verausgabt hat. Rockmusik als ehrliches Handwerk. Besser kann das Geld für eine Konzertkarte nicht investiert werden.

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