Eine Düsseldorfer Kantorin jenseits der Konvention

Kreative Köpfe : Eine Kantorin jenseits der Konvention

Christiane Sauer ist Kantorin in den evangelischen Gemeinden Unterrath und Gerresheim, leitet mehrere Chöre und arbeitet mit vielen Schulen zusammen. Mit der Musik will die 51-Jährige Akzente setzen und Botschaften vermitteln. Ihr auffälliges Äußeres ist für sie dagegen kein Thema.

Heute muss die kleine Orgel die letzten Winkel des voll besetzten Saals der Petruskirche in Unterrath erreichen. Christiane Sauer wechselt zwischen ihr und dem Klavier, begleitet die Gemeinde und dirigiert den Chor. Bei jedem Wechsel zurück zur Orgel schlüpft sie aus den schwarzen Pumps – mit den zehn Zentimeter hohen Absätzen könnte sie von den Pedalen abrutschen. Unverzeihlich für eine studierte Kirchenmusikerin wie sie.

Das schwarze Kleid mit tiefem Rücken gibt den Blick auf die im Takt tanzenden Muskeln und Sehnen frei. Das Haar trägt sie toupiert und hochgesteckt und mit mehreren roten Papierrosen verziert. Die Kantorin zieht die Blicke auf sich. Ihr selbst ist das zwar bewusst, als Absicht oder gar Markenzeichen möchte sie ihr äußeres Erscheinungsbild aber nicht bezeichnen. Sowieso glaubt sie, dass über Äußerlichkeiten zu viel geredet oder nachgedacht werde. Schließlich gehe sie auch nicht davon aus, dass andere Jeans, T-Shirt oder Strickpulli als Markenzeichen für sich beanspruchen. Sie trage, was ihr gefällt und worin sie sich gut fühlt. „Ganz einfach. Punkt.“ Und wenn es Leuten nicht gefalle, na, dann sei sie vielleicht auch nicht die richtige Kantorin für den Ort und die Gemeinde.

Auch von den Kindern
fordert die Musikerin Disziplin

Seit mehr als 20 Jahren ist die 51-Jährige Kantorin und Organistin in der evangelischen Kirchengemeinde in Gerresheim, seit eineinhalb Jahren auch in Unterrath. In beiden Gemeinden leitet sie mehrere Chöre – für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. In drei Düsseldorfer Grundschulen erarbeitet die studierte Musikpädagogin mit den Viertklässlern im Ganztagsbereich Musicals, am Luisen-Gymnasium leitet sie den Projektchor, im Vereinschor „Apollo salve musica“ ist sie Vorsitzende, daneben unterrichtet sie privat und gibt selbst Konzerte. Viel Arbeit, die einen straffen Zeitplan erfordert.

Und gerade die Arbeit mit den Chören erfordere intensiven Einsatz. Von beiden Seiten. „Ich verlange schon einiges, ich mache kein Ei-dei-dei. Ich bin hart. Hartnäckig. Auch bei den Kindern“, sagt sie. Und deshalb fordere sie auch bei den Viertklässlern alles – selbst dann, wenn die wegen der Lesenacht völlig in den Seilen hängen. „Da kann ich keine Rücksicht drauf nehmen“, sagt sie, grinst dann aber doch. „Bei dem Musical muss ja alles auf den Punkt sein. Da müssen die Kinder dann auch bei der Probe aufmerksam mitmachen.“ Sauer hat selbst zwei Söhne und „ein bisschen Tochter“, wie sie die Tochter ihres Mannes nennt. Sie legt Wert darauf, dass die Musicalarbeit an den Grundschulen alle Viertklässler erreicht. „Bei einem freiwilligen Angebot machen wieder nur die Kinder mit, die eh schon zu Hause gefördert werden.“ Und so hat sie schon häufig die Erfahrung gemacht, dass die vermeintlich scheuen, zurückhaltenden oder im Unterricht schwächeren Kinder auf der Bühne regelrecht aufblühen. „Die haben Präsenz, die strahlen was aus. Das ist einfach unglaublich“, schwärmt sie.

Im Chor geht die Gemeinschaft weit über das Singen hinaus

Musik habe diese Kraft. Menschen aus der Reserve zu locken. Gemeinschaftssinn zu erzeugen. Musik sei Kommunikation. „Und nur wenn die Menschen, die Musik machen, sich gegenseitig pflegen, haben sie die Kraft, mit ihr etwas auszudrücken. Eine Botschaft zu vermitteln“, sagt sie. Nach mehr als 20 Jahren als Kantorin in der Gerresheimer Gemeinde ist Christiane Sauer mehr als nur Chorleiterin. Jeder einzelne Sänger im Chor mehr als nur Teil der Gruppe. „Das Menschliche ist ganz wichtig. Etwas übereinander zu erfahren und sich zu kennen“, sagt sie.

Und so habe sie am eigenen Leib erfahren, wie groß die Unterstützung in einer Gemeinde sein kann. Als ihr Mann schwer erkrankte, schließlich vor einem knappen Jahr starb. Als sie beruflich kürzer treten musste und privat so viel zu organisieren war. Nicht nur die Freunde ihres Mannes, sondern auch die vielen Gemeinde- und Chormitglieder halfen, wo sie konnten. Und auch die Musik begleitete sie durch diese Zeit. „Musik ist für viele Therapie“, sagt sie und hält einen Moment inne. „Auch für mich offenbar.“

Seit April 2017 hat sie an der Germaniastraße ihren Übungsraum. Dort empfängt sie ihre Privatschüler. Einige begleitet sie bereits seit mehreren Jahren. „Eine Jugendliche ist schon seit ihrem fünften Lebensjahr bei mir“, sagt Sauer. Sie selbst hat auch früh mit der Musik begonnen. Damals in Ludwigsburg in Baden-Württemberg. „Mein Vater war auch Kirchenmusiker und hat mich von Klein auf überall mit hingenommen.“ Sie lernte Querflöte und sang im Chor, spielte zusammen mit dem Vater in Gottesdiensten oder trat in der Schule auf. Und trotzdem machte sie auf dem Weg zum Kirchenmusik-Studium einen kleinen Umweg: Sie begann eine Ausbildung zur Krankenschwester, brach diese aber bereits nach wenigen Wochen ab. Ein Jahr lang übte sie intensiv für die Aufnahmeprüfung an den Musikhochschulen in Düsseldorf und Berlin – und schaffte beide. „Berlin war mir aber dann doch zu weit weg und so wurde es Düsseldorf.“

Nach dem Studium kam sie über Vertretungsstellen mit den Gemeinden in Kontakt. An der Gustav-Adolf-Kirche in Gerresheim baute sie nach und nach die Chöre auf. Der Kinder- und Jugendchor zählt mittlerweile insgesamt rund 70 Mitglieder. Die Chöre in Unterrath wachsen langsam. Auch in katholischen Gemeinden hat Sauer schon gearbeitet – an ihrem persönlichen Wohlfühl-Kleidungsstil hat dies nichts geändert.

Vor zehn Jahren gab es eine Beschwerde an das Presbyterium

„Ich habe schon einiges über mich gehört“, sagt sie bezogen auf alle Gemeinden, in denen sie bereits tätig war. Auch Bezeichnungen, die deutlich unter die Gürtellinie gehen. „Das kratzt mich nicht“, sagt sie knapp. Sogar einen Antrag ans Presbyterium „wegen Berufsbekleidung von Frau Sauer“ habe es vor rund zehn Jahren gegeben. Die Musikerin winkt lächelnd ab: „Es gibt immer Leute, die reden. Mich direkt darauf anzusprechen, dazu fehlt den meisten der Mumm.“

Den Menschen, die mit ihr zusammenarbeiten, seien die Äußerlichkeiten nicht wichtig. „Die haben damit kein Problem. Sonst kämen sie nicht.“ Und bekanntlich kommen eine Menge.