Düsseldorf: Die Brücke über die Rotterdamer Straße wird abgerissen

Stadt-Teilchen : Wenn jeder Besuch der letzte sein könnte

Bald ist die Brücke über die Rotterdamer Straße Vergangenheit. Ein Besuch.

Die Brücke ist alt. Sie ist grau. Und schwer krank ist sie wohl auch. Sie trägt Pflaster aus Metall, die ihre morschen Geländerstangen stabilisieren sollen. Die Pflaster kaschieren nur mühsam, dass Rost und Verfall ihre heimlichen Liebhaber sind. Der Rost frisst sich in ihre Eleganz, der Verfall knabbert an der Konsistenz. Sie wollen sie ganz, und irgendwann werden sie auch bekommen, was sie wollen, denn diese Fußgängerbrücke über die Rotterdamer Straße ist dem Tod geweiht. Sie soll abgerissen werden, weil Erhalt zu teuer wäre. Ein Neubau auch. Außerdem hält sich die Zahl ihrer Liebhaber in Grenzen.

Ich bin einer von diesen Liebhabern. Ich mag diese Brücke. Ich mochte sie schon immer, weil sie in meiner Wahrnehmung schon immer da war. Immer wenn ich zum Rheinstadion strebte, habe ich sie gesehen, bin auf sie zugefahren und habe ihre anmutige Erscheinung bewundert. Obwohl sie doch aus grauem Beton ist. Beton, der in die Jahre gekommen ist, wirft keine Falten, wie es die Menschen tun. Beton wird einfach nur grau und ein bisschen unansehnlich. Aber das hat meiner Zuneigung keinen Abbruch getan.

WZ-Kolumnist. Foto: NN

Auch der Umstand, dass ich diese Brücke wahrscheinlich häufiger unterfahren als überquert habe, stört nicht die Verbundenheit, die ich empfinde. Mir war und ist sie immer noch so etwas wie ein Zielbogen, wenn ich auf der Rotterdamer Straße nach Norden strebe. Ich weiß, dass ich bald da bin, wenn ich unter dieser Brücke durch bin, denn hinter der Brücke ist nicht mehr viel. Außer es ist Fußball oder Messe, oder irgendwer plärrt seine Lieder in der Arena. Dann ist Vollbetrieb, dann rauschen sie alle durch unter meiner Brücke. Oder sie stehen gleich drunter im Stau und bemerken doch nicht, was sich da über ihnen wölbt.

Wenn kein Vollbetrieb ist, dann bin ich oft alleine mit meiner Brücke, dann rolle ich ihr auf der endlos lang wirkenden Rotterdamer Straße entgegen. Immer geradeaus. Schnurgerade. Das hat etwas sehr Großzügiges und vermittelt mir jedes Mal das Gefühl von Freizügigkeit in meiner Stadt. Wo hat man in Düsseldorf noch so viel Raum um sich herum wie an veranstaltungsfreien Tagen auf der Rotterdamer?

Zeit für einen Ortstermin. Das fühlt sich ein bisschen an wie früher, wenn ich meine Mutter besuchte und immer dachte, dass jeder Besuch der letzte sein könnte. Da schwingt eine wohlige Vertrautheit mit, aber auch so ein bisschen vorweggenommene Trauer, genährt von der Gewissheit, dass bald alles anders sein wird.

Wie oft bin ich mit dem Rad gen Norden geeilt und habe mir dann meist den Luxus erlaubt, vor der Brücke noch einmal Extraschwung zu nehmen, um die Steigung leichter zu schaffen. Dann sanft zur Seite legen und kräftig in die Pedale steigen, um rasch Höhenmeter zu gewinnen, bevor die Puste ausgeht. Früher war das ein Klacks, heute ist es, nun ja, ambitioniert. Auch im ersten Gang.

Aber eigentlich möchte ich meine Brücke gar nicht mehr mit dem zusätzlichen Gewicht eines Drahtesels belasten. Jetzt, wo sie so verletzlich wirkt. Ich nähere mich da lieber zu Fuß.

Dabei bewundere ich diesen sanften Bogen, in dem sie sich vom Rheinufer in die Höhe schwingt. Ihr Geländer mit den exakt gesetzten Stangen weist den Weg und lenkt die Schritte. Erst führt der Weg weit hinaus Richtung Rhein. Bei Hochwasser kann man hier über dem Wasser schweben und sich vom Blick auf die Wellen schwindelig schaukeln lassen.Aber sofort taucht die Frage auf, wie viele Hochwasser diese Brücke noch erleben wird. Noch eins, noch zwei? Im nächsten Jahr soll der Bagger kommen.

Ja, das Grün der Gitterstäbe blättert, wenn man genau hinschaut. Aber tut man das beim vielleicht letzten Besuch? Schaut man da so genau hin? Lässt man nicht lieber absichtsvoll den Blick trübe werden, um den Eindruck von einstigem Glanz ins Jetzt zu retten?

Plötzlich fällt mir auf halber Höhe ein völlig unsinnig wirkendes Verkehrszeichen Nummer 250 auf.  „Durchfahrt verboten“ gebietet es, aber in dem Zustand, in dem es sich aktuell befindet, hat es schwer an Autorität eingebüßt. Ein bisschen sieht es aus wie vor langer Zeit handgemalt und dann rasch verblichen.

Auf einmal stehe ich in Wipfelhöhe der umliegenden Bäume. Knorrige Nachbarn sind das, die von oben anders aussehen als von unten. Aber sie sind gleich wieder vergessen, wenn die Mitte der Brücke erreicht ist, der Zenit. Weit nach Süden geht der Blick nun die Straße entlang, und in einiger Entfernung sieht es tatsächlich aus, als seien die Landstreicher, die für die Markierungen zuständig waren, bei ihrem Tun leicht beschwipst gewesen. Aber wahrscheinlich verläuft die Rotterdamer Straße dann doch nicht so schnurgerade wie man das im Auto fühlt.

Es folgt der Abstieg Richtung Nordpark. Kein Vergleich mit dem eleganten Aufschwung am Rheinufer. Stattdessen geht es einigermaßen gerade hinunter. Nur die Geländer wagen gegen Ende noch einen sanften Schwung zur Seite. Dehnungsfuge, Auslaufrinne, fertig ist die Brücke. Das ist ganz deutlich die unspektakuläre Seite dieses Bauwerks, das nun bald nicht mehr sein wird.

Niemand hat bisher laut um diese Brücke geweint, obwohl sie für Fußgänger im Norden doch ein bisschen das ist, was der Tausendfüßler früher für die Innenstadt war. Den Tausendfüßler wollten viele erhalten, doch diese Brücke ist ein bisschen wie die vernachlässigte Großmutter, die kaum noch jemand besucht, obwohl sie es doch so sehr verdient hätte.

Auf dem Rückweg wird die Stoppuhr ausgepackt. Eine Minute braucht man mit gemächlichem Schritt bis zum Scheitelpunkt hoch über der Straße. Man schafft diese eisige Höhe auch ohne zusätzliche Sauerstoffversorgung.

Kurzes Innehalten. Fasziniert schaue ich den wenigen Autos hinterher und lasse mich von dem „Wussssch“ überraschen, das sie erzeugen, wenn sie unter mir durchrauschen.
Kurz möchte ich mich weit übers Geländer lehnen und wie Leonardo DiCaprio auf der „Titanic“ ausrufen, dass ich der König der Welt bin.
Ich weiß aber, dass ich nicht der König der Welt bin und dass ich schon immer ein bisschen feige war, weshalb ich das mit dem Rüberlehnen besser lasse, weil ja auch keine Kate Winslet da ist, um mein Wagnis zu bewundern.

Als ich mich abwärts bewege, eröffnet sich mir in der Kurve noch eine bislang vernachlässigte Perspektive. Plötzlich sehe ich den Rheinturm genau vor mir. Genau auf der anderen Seite des große Flusses, ein bisschen weiter hinten vielleicht. Niemals hätte ich ihn dort vermutet. Eher weiter links. Aber der Rhein ist halt ein windiges Wesen, windet sich mal nach hier, mal nach da.

Ein paar Schiffe passieren meine Brücke, es stinkt nach Diesel. Jenseits des Wassers erblicke ich den Stein, der den Rheinkilometer 748 anzeigt. Dann bin ich wieder unten und schaue noch einmal an meiner Brücke hoch. „Du siehst gut aus. Du wirst mit den Jahren immer schöner“, sage ich, und natürlich weiß die so Gelobte, dass ich lüge. Aber charmant halt.

Warum sollte ich einer Verbleichenden sagen, dass sie bald nicht mehr sein wird? Da hat niemand etwas von. Ich winke noch kurz Adieu, und dann mache ich mich auf. Kurz fällt mein Blick auf die Stelle, wo später wohl eine Ampel stehen wird, wenn meine Brücke Geschichte sein wird. Bei günstiger Grünphase ist man dann sicherlich schneller im Nordpark. Man muss nicht mehr hoch, nicht mehr runter. Es wird praktischer werden. Aber schöner, da bin ich mir ganz sicher, schöner wird es nicht.

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