Interview: „Themen müssen mich persönlich berühren“

Interview : „Themen müssen mich persönlich berühren“

Mit seinem neuen Album „Nasenbluten“ kommt der Singer-/Songwriter Lot am 7. Februar in den Kölner Veedel Club.

Lothar Robert Hansen oder kurz einfach Lot wird ab dem sechsten Lebensjahr am klassischen Klavier ausgebildet. Mit 15 beginnt er, eigene Songs zu schreiben und entdeckt die Musik abseits der Klassik. Die Mutter wird in der Türkei geboren, der Vater hat seine Wurzeln in Deutschland. Als Scheidungskind wird Lot groß und lernt, für sich selbst und seine Schwester zu sorgen. Nach dem Abi und dem Zivildienst in einer Nervenheilanstalt führt ihn sein Weg nach Leipzig, eine Stadt, die bis heute seine Wahlheimat ist.

Mit seinem Debütalbum „200 Tage“ 2015 wird Lot schnell zum Geheimtipp für deutschen Singer/Sonwriter-Pop, der tiefgründige und intelligente Texte aus dem Alltag mit einem poppingen Sound verbindet. Mit Alligatoah und Philipp Poisel zieht Lot als Support durch die Städte. 2017 veröffentlicht er mit „Der Plan ist übers Meer“ und überzeugt seine Fans bei einer ausverkauften Clubtour. Jetzt geht es mit dem dritten Werk „Nasenbluten“ erneut auf Tour. Am 7. Februar ist Lot zu Gast im Kölner Veedel Club an der Luxemburger Straße 37.

Wie kam es zum ungewöhnlichen Titel „Nasenbluten“?

Lot: Dabei habe ich mir gar nicht so viel gedacht. Ich habe oft selbst Nasenbluten gehabt und findet das furchtbar, auch weil man es oft selbst gar nicht merkt und von anderen darauf aufmerksam gemacht wird. Im Song „Nasenbluten“ selbst geht es um Schuldfragen.

Wie entstehen bei Ihnen neue Songs?

Lot: Ich denke darüber sehr lange nach, oft sind es Dinge und Ereignisse, die mich persönlich beschäftigen und umtreiben. Der Rest ergibt sich dann. Wichtig ist es mir, über Dinge zu reden, die mich auch wirklich persönlich betreffen und die mir wichtig sind. Das vermisse ich oft beim gängigen Deutschpop. Da wählt man dann einfach Themen aus, von denen man sich erhofft, dass sie das Zeug haben in den Playlists zu landen. Da werden einfach klassische Zutaten gemischt und am Ende steht das Verkaufen im Mittelpunkt. Bei mir müssen es persönliche Themen sein, sonst funktionieren die Songs nicht.

Sie leben in Leipzig und damit in Sachsen, ein Bundesland, das aktuell große Probleme mit rechten Gruppierungen und zunehmenden Populismus hat. Wie gehen Sie damit um?

Lot: Nach den letzten Landtagswahlergebnissen in Sachsen bin ich nach den Erfolgen der AfD schon sehr verunsichert. Das Markenzeichen von Populisten ist, dass sie auf komplexe Themen wie die Migration einfache Antworten anbieten. Dabei werden die Ängste der Menschen, wie bei der Frage der Flüchtlinge oder jetzt die Unsicherheiten bei der Debatte um den Klimaschutz, ausgenutzt und benutzt. Es ist erstaunlich, dass so eine Partei wie die AfD nur so kurze Zeit existiert und in Sachsen schon zur zweiten Kraft aufgestiegen ist. Und es ist unglaublich, welche Aussagen diese Leute vom Stapel lassen. Da wird eine Blase weit ab der Realität geschaffen, die die Leute komplett einhüllt. Dazu kommt die Schwäche der etablierten Parteien. Das ist eine Situation, die einem definitiv Angst macht.

Wo liegen die Ursachen für diese Situation in den neuen Bundesländern?

Lot: Die Leute sind nicht wütend, aber traurig, wie die Wende für sie gelaufen ist. Das System der DDR war schrecklich. Das trifft aber nicht auf alle Bereich des Alltags der Menschen gleichermaßen zu. Es war nicht alles so schlecht, wie es heute oft dargestellt wird. Das verletzt und verunsichert die Leute und gerade da tut sich die AfD als Kümmerer auf und erkennt die Ungerechtigkeit an. Mit Demokratie hat das nichts zu tun.

Was kann man tun, um die Situation zu verbessern?

Lot: Die Menschen sollten untereinander solidarisch sein und versuchen, gemeinsam eine Lösung zu finden. Die Flüchtlingströme werden in Zukunft größer werden, der Süden wandert in den Norden. Da hilft es nicht, wenn jedes Land sich abschottet und nur sein Ding durchzieht. Das ist genau der falsche Weg.

Was sind hier ihre eigenen familiären Erfahrungen?

Lot: Meine Schwester ist Muslima und sie ist von der Frage betroffen, wie die Kopftuchfrage geregelt und diskutiert wird. Eigentlich geht es da nur um den Glauben, wie bei den Christen und ihrem Kreuz. Durch die Diskussion wird das Ganze aber zum Politikum. Das macht mich traurig. Ich frage mich, wie sich die Menschen mit verschiedenen Konfessionen und Religionen unter solchen Umständen je vertragen können. Viele Menschen stellen dieser Situation gar nicht mehr und ziehen sich ins Private zurück.

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