Lesen : Große Liebe in schwierigen Zeiten

In ihrem Roman „Das Mädchen von der Severinstraße“ blickt Autorin Annette Wieners auf die eigene Familiengeschichte.

Es ist ein Fund, der im Leben von Maria Schubert und ihrer Enkelin Sabine alles verändert. Zunächst sind es 1000-Mark-Scheine unter dem Teppich im Wohnzimmer, später viel Gold hinter der Vertäfelung der Kellerbar, die von den beiden entdeckt werden, als sie im großelterlichen Haus aufräumen wollen, um dieses für den anstehenden Verkauf vorzubereiten. Vor langer Zeit muss Großvater Heinrich dieses Vermögen versteckt haben.

Doch was hat es mit dem Schatz auf sich – Sabine wird schnell klar, dass in der eigenen Familiengeschichte große Lücken aufklaffen. Und ihre Großmutter wird an Dinge erinnert, die sie seit langer Zeit schwer belasten.

Als Jugendliche will sie in den 30er Jahren ihren Wunsch umsetzen, ein berühmtes Fotomodell zu werden. Heimlich reist sie nach Düsseldorf, wo ein bekannter Modefotograf sein Atelier hat. Doch zunächst trifft Maria nicht auf ihn, sondern auf den jungen Fotografen Noah, der die junge Frau am liebsten sofort nach Hause schicken möchte. Trotzdem entsteht ein Bewerbungsfoto, das später Maria alle Türen öffnen wird.

Hausarrest statt
der großen Modelkarriere

Es dauert nicht lange, bis ihr Vater Heinrich von den Plänen erfährt und es ist ausgerechnet Noah, der Maria verraten hat. Wütend fährt der Unternehmer nach Düsseldorf und setzt Marias Wunsch ein jähes Ende. Seine Tochter wird unter Hausarrest gestellt. Lange dauert es, bis sie sich davon lösen kann, doch damit scheint das Vater-Tochter-Verhältnis für immer zerstört zu sein. Dabei setzen sich auf den Straßen die Nazis durch und verfolgen unbarmherzig auch in Köln jeden, der ihnen im Weg steht und der nicht ihren ideologischen Vorstellungen entspricht.

Marias Vater versteckt
einen jüdischen Jungen

Währenddessen lernt Maria ihren Nachbarn Heinrich kennen und zwischen beiden entsteht ein immer vertrauteres Verhältnis. Heinrich verrät Marias Vater, der sich dem Widerstand angeschlossen hat, nicht, als er mitbekommt, dass dieser bei sich im Kontor den kleinen jüdischen Jungen Elias versteckt. Eines Tages ist der Vater verschwunden, um Elias und seine Mutter nach England zu bringen. Doch Erfolg hatte die Aktion nicht, denn plötzlich liegt Elias schwer verletzt vor dem Haus an der Severinstraße. Heinrich und Maria nehmen den Jungen auf und versuchen ihn, gesundzupflegen.

Dabei begeben sie sich in große Gefahr, denn Maria arbeitet inzwischen wieder als Modell Mary Mer für das Düsseldorfer Atelier, das nun die Schönheitsvorstellungen der Nazis umsetzen soll. Dabei kommen diese der Familie immer näher. Noah der junge französische Fotograf ist verschwunden, als Jude hat er keine Chance in der deutschen Modewelt und muss fliehen. Heinrich heiratet seine Maria und beginnt seine Arbeit bei einem Rüstungskonzern im Rechtrheinischen. Um Noah zu finden, reisen beide nach Riems – ohne Erfolg. Als sie zurückkehren, geraten sie mitten in die Reichspogromnacht, bei der Haushälterin Dorothea brutal ermordet und Elias, so traumatisiert wird, das er kurz darauf stirbt.

Für das Ehepaar brechen schwierige Zeiten heran, bei der sie den schmalen Grad zwischen ihrer Abscheu vor den Nationalsozialisten und dem Kampf ums eigene Überleben meistern müssen. Noah finden die beiden halb tot in einem Arbeitslager in Hoffnungstal und versuchen ihm im Rüstungswerk als Zwangsarbeiter eine Überlebenschance zu geben. Maria plant heimlich, Noah zu befreien und ihn in ihren Keller zu verstecken. Doch plötzlich ist dieser mit dem illegalen Gold des Chefs verschwunden.

Sabine auf den Spuren der eigenen Familiengeschichte

Dieser Geschichte macht sich Sabine auf die Spur, die schon mächtig mit ihrer Arbeit im Jugendamt zu kämpfen hat. Ihr zur Seite stellt sich der junge Moritz, der beim früheren Rüstungsunternehmen die Vergangenheit aufarbeiten will.

Immer wieder werden die Gegenwart und die Vergangenheit gekonnt in Kontrast gebracht, sodass ein spannendes Familienporträt einsteht. Es zeigt zugleich ein Stück Kölner Stadtgeschichte und zeigt so eindrucksvoll wie auch erschreckend, dass Köln in der Nazizeit niemals ein Ort der Glückseligen war, sondern, dass die Stadt in dieser Epoche große Schuld auf sich geladen hat. Inspiriert hat die Autorin dabei die eigene Familiengeschichte, bei der ein Geldfund unter dem Teppich für Wirbel sorgte.

Annette Wieners: Das Mädchen aus der Severinstraße, Blanvalet Verlag, 480 Seiten, 20 Euro.