Carl Lauterbach: Ein Künstler, der Rätsel aufgibt

Carl Lauterbach: Ein Künstler, der Rätsel aufgibt

Schock, Skepsis, Erstaunen: Die Neubewertung von Lauterbachs Rolle in der NS-Zeit beschäftigt nicht nur diejenigen, die ihn noch persönlich kannten.

Burscheid. Die kritische Neubewertung des Künstlers Carl Lauterbach durch das Stadtmuseum Düsseldorf sorgt in seiner Geburtsstadt Burscheid für Diskussionsstoff. Wer ihn kannte, ist aufgewühlt.

Persönliche Eindrücke reiben sich an der wissenschaftlichen Einschätzung, Lauterbach habe sich nach dem Kriegsende als NS-Verfolgter inszeniert, obwohl er tatsächlich mit rund 40 Ausstellungen Teil des damaligen Kulturbetriebs war.

Einer, der besonders enge Verbindungen zu Lauterbach hatte, ist der Burscheider Kunstsammler Karl Friedrich Heinrichs (67).

Die letzten zehn Jahre bis zum Tode des Künstlers 1991 war er mit Lauterbach befreundet, kümmerte sich um seine Schwester Emilie, übernahm Renovierungsarbeiten und ließ sich dafür unter anderem in Kunstwerken bezahlen, auch weil er dachte, im Hause Lauterbach gebe es kein Geld. „Aber das war ja nicht so.“

„Natürlich hat er sich durchgemogelt“, sagt Heinrichs. „Aber er hat auch im Verborgenen Sachen wie die Ghettomappe gemacht, die er nicht zeigen konnte.“ Der Sammler hat seine Zweifel, dass Lauterbachs Freunde wie der zweifelsfrei verfolgte Otto Pankok sein Mitschwimmen im NS-Kulturbetrieb nicht bemerkt haben sollen.

„Ich kann das nicht beurteilen, aber das ist schon komisch.“ Und dass Lauterbach nicht zur ersten Künstlergarde zählte, habe selbst er als Laie gesehen. „Aber für Burscheid war er trotzdem etwas Besonderes.“

Heinrichs kann sich aber auch noch gut daran erinnern, wie sehr Lauterbach später auch in Düsseldorf hofiert worden sei. Und in die Skepsis über die Neueinschätzung des Künstlers mischt sich der alte Groll, dass Lauterbachs Witwe Ruth das Geburtshaus 1994 plötzlich doch den Düsseldorfern überließ, obwohl sich die Stadt Burscheid schon einig mit ihr war und eine kulturelle Nutzung plante. „Danach hat sie jeden weiteren Kontakt mit mir abgelehnt.“

Auch die Heimathistorikerin und Kunstkritikerin Marie-Luise Mettlach hat Lauterbach noch persönlich kennengelernt — „als ehrenwerten und vertrauenswürdigen Mann“. Stutzig habe sie nur gemacht, dass er nicht zum Militär eingezogen worden sei, obwohl von größeren Krankheiten nichts bekannt gewesen sei.

Und vor dem Hintergrund der neuen Forschungsergebnisse erinnert Mettlach sich daran, Lauterbach um Rat gefragt zu haben, als sie eine Serie über die Nazizeit in Burscheid plante. Seine Antwort: „Lassen Sie das. Einige der Kinder leben noch hier. Sie zerstören damit Familien.“

„Zu hart“ fällt Pfarrer i. R. Günter Finkenrath das neue Urteil über Lauterbach aus. Finkenrath hatte 2006 im Haus der Kunst die Eröffnungsrede zur Lauterbach-Ausstellung gehalten. Kunstwissenschaftler Werner Alberg, der die neuen Erkenntnisse zu Tage förderte, habe in seinem Buch von 1994 Lauterbach selbst noch in den höchsten Tönen gelobt.

„Von seiner Einstellung her ist es keine Frage, dass Lauterbach wirklich ein Gegner des Naziregimes war“, ist Finkenrath überzeugt, auch wenn er einräumt, Lauterbach habe sich „durchgewurschtelt“. Auch die Kritik, Lauterbach habe sich nach dem Krieg als Verfolgter dargestellt, will er so nicht stehenlassen: „Da wird ihm ja unterstellt, er habe das von sich aus verbreitet.“ In der Tat hat Lauterbach allerdings Wiedergutmachung als politisch Verfolgter beantragt.

„Im ersten Moment geschockt“ reagierte Anne Marie Frese, Vorsitzende des Geschichtsvereins, auf den BV-Bericht. „Aber dann habe ich im Prinzip nichts entdeckt, was dem widersprach, was er nach dem Krieg gemacht hat.“ Lauterbach habe sich in der Nazizeit „geduckt“ und Fehler gemacht. „Das ändert nicht daran, dass ich ihn weiter für einen bedeutenden Künstler halte.“

Es bleiben aber noch viele offene Fragen. Zum Beispiel die, warum Lauterbach auf vielen Zeichnungen der jüdischen Kinder, die jetzt wieder ausgestellt werden, die Namen ausradiert oder abgeschnitten hat. Wollte er die Kinder schützen — oder nur sich selbst?

Oder die Frage, seit wann die neuen Erkenntnisse zu Lauterbach schon vorliegen. Schließlich hat Forscher Alberg das Stadtmuseum bereits 2009 verlassen. Musste man in der Landeshauptstadt erst mit sich selbst ringen, wohl wissend, wie sehr Lauterbach auch dort hochgehalten worden war? Bisher gab es dazu aus Düsseldorf noch keine Antwort.

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