1. Specials
  2. NRW
  3. Karneval

Endspurt für Käfer, Clown und Kapitän bei Deiters in Frechen

Kurz vor den tollen Tagen : Endspurt für Käfer, Clown und Kapitän im größten Karnevalsshop der Welt

Bei Deiters in Frechen gibt es 2000 verschiedene Kostüme auf mehr als 5000 Quadratmetern. Dort rücken kurz vor Altweiber noch bis zu 20.000 Last-Minute-Jecke am Tag an.

Die Aufschrift hinten auf dem weißen Kittel macht überdeutlich, wer dieser junge Herr am Wochenende sein will: „Dr. Party“. Er hat einen überdimensionalen Gummizylinder auf dem Kopf und führt den Kumpels seine geniale Idee vor: „Wenn der Chef dann sagt: ,Runter mit dem albernen Hut!’ sage ich bloß ,Okay’.“ Er lupft das rote Monstrum – und zum Vorschein kommt ein blaues Filzhütchen mit Blume dran, das noch auf seinem Kopf sitzt. Die Freunde johlen.

So viel Esprit noch auf den letzten Drücker. Normalerweise würde man sagen: Jetzt ist es aber fünf vor zwölf. Für die Jecken im Rheinland ist es wohl eher sechs nach elf. Jedenfalls kurz vor knapp. An diesem Donnerstag um 11.11 Uhr beginnen die tollen Tage, der Straßenkarneval und somit der Enspurt der fünften Jahreszeit. Das lockt bis zuletzt närrische Massen in den größten Karnevalsladen der Welt: Bei Deiters in Frechen werden auf mehr als 5000 Quadratmetern 2000 Kostüme und 20 000 Zubehörartikel angeboten. Geschäftsführer Björn Lindert erwartet noch am Mittwoch bis zu 20 000 Kunden.

„Jedes Jahr gucken wir auf den letzten Drücker nach Kostümen“

Karneval kommt aber auch immer so plötzlich. Auf jeden Fall für Nataly Rahn und ihre Schwester Natascha Wermelskirchen. „Jedes Jahr sagen wir, wir machen an Karneval nichts – und dann gucken wir auf den letzten Drücker doch nach Kostümen.“ Aber in diesem Jahr gibt es ja auch doppelt Anlass zu feiern: Natascha hat am Karnevalssamstag Geburtstag; da geht es erst zum Veedelszoch in Köln, dann mit alle Mann zum Imbiss und schließlich steigt die Geburtstagsparty zu Hause. Alle Mann, das sind noch die drei Kinder der beiden – Zoey, Josefine und Samuel – und Natascha Wermelskirchens Mann. Als Clownstruppe, haben die Mamas beschlossen. „Ich will aber Einhorn werden!“, wendet eines der Mädchen aus dem Einkaufswagen ein, in dem bisher bloß eine bunte Clownsjacke liegt und ansonsten die drei Kleinen hocken. „Aber Mausi, wir werden doch Clowns“, appelliert Nataly Rahn an den Teamgeist. Dem helfen drei blaue Glitzerhüte schnell auf die Sprünge. „Ganz viel Glitzer darf nicht fehlen“, sagt Rahn. Zudem soll es lustige Zöpfe und hineingeflochtene Ballons geben. Ab dem frühen Morgen wird am Samstag kostümiert. 400 Euro haben die Schwestern heute im Gepäck – Karneval ist kein Schnäppchen.

Anita Eibel aus Kerpen will mit Tochter Emilia (4) beim Veedelszoch mitlaufen – die ganze private Karnevalstruppe mit „paarundsechzig“ Menschen geht als Piraten. Foto: Juliane Kinast

Noch am Rosenmontag strömen Kunden in den Karnevalsladen

Auch Piratenbraut Anita Eibel aus einem Dörfchen bei Kerpen muss sich noch schnell für ein Gruppenkostüm in Schale werfen: Mit ihrer privaten Karnevalstruppe wollen sie und die Familie erstmals bei einem Zug im Viertel mitlaufen, allesamt als Piraten verkleidet – immerhin „paarundsechzig“ Menschen, so Eibel. Tochter Emilia (4) ist nur als Beraterin mit zu Deiters gekommen. „Die Kinder sind ausgestattet, um die kümmert man sich ja immer zuerst“, lacht die Mama. Und die 14 Monate alte, kleine Schwester Melissa bleibt als Pandabär eh mit Oma und Opa am Straßenrand. Immerhin anderthalb Stunden wollen die Eibels mitlaufen.

Emilia ist nicht nur für diese Veranstaltung bestens gerüstet, ab Donnerstag bis einschließlich Dienstag ist auch tägliches Verkleiden im Kindergarten angesagt. „Aber wahrscheinlich willst du da eh jeden Tag als Elsa gehen, oder?“, fragt Anita Eibel. Das Grinsen der Vierjährigen gibt ihr Recht. Die Zahl der Disney-Eisköniginnen in der Kita dürfte pro Tag zweistellig sein, schätzt ihre Mama.

Für Mama Kinga und die kleine Tochter Alessa hat das gemeinsame Kostüm eine tiefe Bedeutung. Foto: Juliane Kinast

Es gibt eben Trends, denen kann man sich kaum entziehen. Zumindest als vierjähriges blondes Mädchen. Ansonsten ist es laut Geschäftsführer Lindert schwieriger, die absoluten Kostümschlager auszumachen: „Es gibt so unfassbar viele Möglichkeiten.“ Viel Silber und Metallic werde man auf den Straßen und in den Kneipen wohl sehen, ebenfalls rot-weiße Kombis. Insgesamt gingen die klassischen Waffenkostüme zurück zugunsten aktueller Themen wie „Rettet die Bienen“ und anderer farbenfroher Do-it-yourself-Verkleidungen. „Es ist schließlich eine Flucht aus dem Alltag“, sagt Lindert.

„Geordnetes Chaos“ bei Deiters

Steampunk-Kostüme sind angesagt. Für Thorsten Urban wird es das neueste Stück in der Sammlung. Foto: Juliane Kinast

Für die Bienchen und den restlichen Kundenschwarm wappnet sich das Flaggschiff der inzwischen 31 Filialen starken Deiters-Flotte an diesem Mittwoch mit 700 Parkplätzen, Ordnern und 40 Mitarbeitern im Verkauf. „Es ist Chaos, aber geordnetes Chaos“, sagt der Chef. „Ein ähnliches Phänomen wie an Weihnachten. Es gibt Last-Minute-Käufer, die noch am Montagmorgen kommen.“

So betrachtet ist Thorsten Urban am Dienstag und somit ganze zwei Tage vor Altweiber also noch früh dran. Beim Durchsehen seines Kostümfundus’ hat er festgestellt, dass im letzten Jahr bei sechs Tagen Feierei in Folge doch das eine oder andere Accessoire „verschütt gegangen“ ist, wie er sagt. Bei der Gelegenheit kann er seinem Arsenal aus Koch, Pirat, Matrose und Clown auch noch etwas Neues hinzufügen: einen schicken Steampunk-Anzug für den Kneipenkarneval. „Mal wat Anderes“, sagt er. „Ich habe jahrelang nichts Neues gekauft.“

Für Kinga und ihre kleine Tochter Alessa hat das Kostüm noch eine tiefere Bedeutung. Die Vierjährige und ihr zweieinhalb Monate alter Bruder Mo leben jetzt allein mit Mama. Deshalb hat sich das Mädchen eine Gemeinschaftsverkleidung gewünscht. „Ihr geht es wohl um das Zusammengehörigkeitsgefühl“, mutmaßt die Mama. Nur gut, dass sie Alessa das hässliche Tintenfischkostüm ausreden konnte, das die Kleine ins Auge gefasst hatte. Jetzt gehen sie als Marienkäfer. Alle drei gemeinsam. Karneval ist eben auch etwas fürs Herz. Auch wenn „Dr. Party“ das womöglich anders sieht.