Zwischen Glasfedern und Trümmerschutt

Zwischen Glasfedern und Trümmerschutt

Arnim Juhre legt 14 Kurzgeschichten vor.

Wuppertal. Wer auf die 90 zugeht, blickt auf ein reiches Leben zurück. Arnim Juhre, 1925 in Berlin geboren, lebt seit 1998 als freier Schriftsteller in Wuppertal. Aber schon von 1969 bis 1975 war er der Stadt als Verlagslektor beim Peter Hammer Verlag verbunden.

Jetzt legt der Autor 14 neue Kurzgeschichten vor. „Mit Glasfedern schreiben“ ist das Bändchen betitelt, das in der Reihe der Besonderen Hefte im Nordpark Verlag erschienen ist. Und weil die altmodische Glasfeder ein zerbrechliches und vorsichtig zu handhabendes Schreibwerkzeug ist, wohnt den Geschichten eine besondere Intensität inne.

Es geht um Leere und Einsamkeit, um die Verlorenheit, die nicht nur in der Gefangenschaft, sondern auch im Leben bewusst wird. Und wie man im Alter immer wieder Erinnerungen zitiert, die sogar das gegenwärtige Erleben überlagern: „Aber nun ist er ein alter Mann. Er sieht nur, was er sah. Was er jetzt sieht, sieht er nicht.“ Was bleibt, ist eine Sehnsucht nach der Unbeschwertheit der Kindheit.

Immer wieder schlüpft der Erzähler in historische Figuren: Wie fühlte sich der Darsteller des Lazarus als eine Figur ohne Text? Wie mag es Ismene, der Schwester Antigones, ergangen sein? Ob sie endlich einen Dramatiker sucht, der ihr ein anständiges Grab erfindet?

Juhres Fabulierlust sind keine Grenzen gesetzt. Nicht, wenn er den Berg in Berlin-Grunewald beschreibt und in Gedichtform darüber aufklärt, dass er aus Trümmerschutt besteht. Nicht, wenn er von der Ähnlichkeit der Sehnsüchte zwischen dem Fliegen und dem Dichten schreibt — hier wie dort geht es um Beweglichkeit. Die stellt sich unwillkürlich beim Lesen der unterschiedlich geformten und sorgsam formulierten Texte ein und verspricht Bereicherung. Und nicht unbedingt stimmt man dann dem Juhre-Zitat zu: „Manche Sehnsucht verblasst, wenn sie ihre Schuldigkeit getan hat.“

“ „Mit Glasfedern schreiben“ von Arnim Juhre ist im Wuppertaler Nordpark Verlag erschienen. Es kostet 6,50 Euro (ISBN 978-3-935421-91-1).

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