Zwischen Eis-Zeit und Liebes-Hoch

Zwischen Eis-Zeit und Liebes-Hoch

Ein heißer Theatertipp: Im TiC herrscht „Pinguinwetter“.

Wuppertal. Extrem unschwanger und angeschossen fühlt sich Charlotte (Sabine Henke). Man könnte auch sagen: Die (Ex-)Lektorin ist Single und wurde gerade gefeuert. Sehen wir das Dilemma aber mal von einer positiven Seite: Was könnte eine bessere Basis für einen unterhaltsamen Theaterabend sein als eine 33-Jährige, die zwischen Popcorn-Orgien, leeren Pizzakartons und allerlei Frustgelagen von einem Fettnäpfchen ins nächste stolpert?

Nein, eine bessere (Steil-)Vorlage gibt es nicht — auch wenn so mancher prophezeit hatte, dass der Roman von Britta Sabbag nicht für die Bühne geeignet sei. Das TiC-Theater beweist das Gegenteil: „Pinguinwetter“ verspricht Regisseur Patrick Stanke. Und in der Tat: An der Borner Straße geht seit Freitagabend symbolisch die Sonne auf. Zumindest geht einem das Herz auf.

Denn die Cronenberger Humor-Experten haben das ideale Sommerstück gefunden — und Sabine Misiorny hat zusammen mit ihrem Partner Tom Müller die perfekte Bühnenfassung geliefert. Dabei lassen sie kein Klischee aus: Charlotte lässt sich gehen, wird immer zynischer und betrinkt sich, nachdem sie gefeuert wurde und selbst ihr letztes Hab und Gut, eine blumiges Schreibtisch-Utensil, abgeben musste. „Die Orchidee war nur ein symbolisches Begrüßungsgeschenk und gehört zum Büroinventar“, säuselt die Vorgesetzte (Beril Erogullari) mit süffisanter Überheblichkeit. Wo von Berufs wegen so wenig Gefühl herrscht, muss zumindest auf privater Ebene Liebe gelebt werden. Doch genau das ist das Problem: Charlotte hechelt ihrem Immer-mal-wieder-Lover Marc (Henning Flüsloh) hinterher, der inzwischen zwar eine andere hat („Ich glaube, wir sind verliebt“), sich aber nach wie vor als sexsüchtiger Macho in Charlottes Wohnung überheblich am Po kratzt — wenn er beim Ausziehen nicht gerade ein Kleidungsstück auf den Schoß einer Zuschauerin in der ersten Reihe wirft oder zusammen mit Charlotte zwecks Liebesgymnastik hinter dem Sofa abtaucht.

Die Folgen sind absehbar: Im größten Gefühlschaos und in kurzer, unkleidsamer Schlafanzughose übersieht Charlotte, dass der wahre Traummann — schüchtern, wie sich das für einen aufrichtigen Gentleman gehört — eigentlich längst vor ihr steht. Eric (Alexander Bangen), die Zufallsbekanntschaft aus dem Zoo, klopft genau dann mit Blumen an Charlottes Tür, als Marc unter der Bettdecke hervorlugt.

Das alles klingt nach viel Herzschmerz mit einer Überdosis Zuckerwatten-Romantik — ist am Ende aber nicht so klischeeüberfrachtet, wie man erwarten könnte. Denn das „Pinguinwetter“ wird von vielen Humor-Wolken begleitet und vor allem von Schauspielern präsentiert, die Britta Sabbags Figuren mit Fingerspitzengefühl lebendig werden lassen. Der Text ist genauso witzig wie gefühlvoll, die Umsetzung so kurzweilig wie berührend.

Dabei setzt ausgerechnet ein Mann die alltäglichen Sehnsüchte, Sorgen und Nöten von Singles — wie auch von überforderten Müttern — um: Musical-Experte Patrick Stanke, der im TiC einst selbst seine ersten Bühnen-Schritte absolvierte und nun zum ersten Mal bei einem reinen Schauspiel-Stück Regie führt, hat seine Pinguin-Truppe im Griff.

Besonders gelungen sind die Szenen, in denen Charlotte das eigene Leben kommentiert: Immer wieder unterbrechen Gedankenblitze die Dialoge — mit herrlicher Selbstironie versucht die Anti-Heldin, ihr Leben zu ordnen. Dazu passt das pffiffige Bühnenbild von Thomas Pfau, das durch wenige Handgriffe viele Szenenwechsel ermöglicht und die Inszenierung auf Tempo hält. Es ist der passende Raum für einen schnellen Schlagabtausch. „Dein Patenkind kriegt ein Geschwisterchen!“, erfährt Charlotte. „Oh nein, noch so ein Terrorist!“, antwortet sie im Geiste. Es sind Szenen wie diese, die eine Vorhersage leichtmachen: „Das Pinguinwetter“ dürfte von Wuppertal aus die Bühnen-Landschaft erobern.

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