Ein letzter Blick ins Schauspielhaus

Ein letzter Blick ins Schauspielhaus

Mario Engelmann, Technischer Direktor der Bühnen, führt die WZ noch einmal durchs Theater.

Wuppertal. Ob es symbolisch zu verstehen ist? Die Zeiger sprechen jedenfalls für sich: „Fünf nach zwölf“ ist es im Schauspielhaus. Die Uhr in der Kantine ist stehengeblieben. Wie ein stummes Mahnmal erinnert sie daran, dass die Zeit des großen Theaters an der Kluse abgelaufen ist.

Schon seit Jahren wird die Kantine nicht mehr genutzt. Seit dem 1. Juli ist auch der letzte Bereich des geschichtsträchtigen Gebäudes offiziell geschlossen: Die kleine Bühne im Foyer hat ihren Betrieb eingestellt. In wenigen Tagen ist die Schauspiel-Ära endgültig Vergangenheit: „Wir müssen und werden das Haus besenrein übergeben“, sagt Mario Engelmann, Technischer Direktor der Wuppertaler Bühnen, mit dem dezenten Hauch eines Schmunzelns — sein Blick streift den Boden, auf dem viel Staub, in der Tat aber auch bereits ein Besen liegt.

Auch dieser eigentlich alltägliche Gebrauchsgegenstand könnte ein Mahnmal sein, denn am 31. Juli geben die Wuppertaler Bühnen den Schlüssel ab — danach wird die Stadt der Leerstand des Gebäudes, dessen Zukunft ungewiss ist, pro Jahr rund 130 000 Euro kosten.

Während 500 Gäste nach der letzten Vorstellung am 30. Juni wehmütig Abschied von einem liebgewonnenen Gebäude nahmen, in dem seit 1966 Theatergeschichte geschrieben worden war, sieht Engelmann die Sache schon von Berufs wegen anders. Wer denkt, dass er die „romantische Brille“ aufhat, wenn er durch die inzwischen leeren Gänge geht, irrt sich gewaltig. „Wir müssen uns auf das Neue konzentrieren“, betont der gebürtige Wuppertaler, der das sanierungsbedürftige Haus kennt wie kaum ein anderer. „Wenn wir hier stehenbleiben, kommen wir nicht weiter.“

Was ein denkbar passendes Stichwort ist: Aus dem Bereich, der vier Spielzeiten lang per Sondergenehmigung als Kleines Haus diente, geht es in die hinteren Räume, die aus Brandschutzgründen seit 2009 nicht mehr genutzt werden durften. „Die Heizungsanlage spiegelt den Zustand des Hauses“, sagt der Experte im Keller. „Es lebt nicht, es ist tot.“

Was nüchtern klingt, hat seinen Hintergrund: „Der Betrieb war in den vergangenen Jahren schwierig geworden. Die Heizung ging an jedem zweiten Tag nicht. Oder das Stellwerk ist ausgefallen. Einmal sind auch Rohre geplatzt und die Feuerwehr musste kommen.“ Engelmann seufzt erleichtert, aber auch respektvoll. „Man kann zum Gebäude stehen, wie man will. Aber Tatsache ist: Wir mussten immer mit Fehlern kämpfen. Ich bin froh, dass es vorbei ist.“

Der Technische Direktor ist ohnehin keiner, der Dinge unter den Teppich kehrt — erst recht nicht im Schauspielhaus, in dem es ohnehin nicht mehr viel zu hüten oder verstecken gibt. Das große Auf- und Ausräumen hat begonnen — geht allerdings in kleinen Schritten vonstatten. „Ich habe versucht, parallel zum laufenden Betrieb im Opernhaus Mitarbeiter abzuziehen“, sagt Engelmann, der den Auszug organisiert. „Inventar, das man instand setzen kann, kommt ins Opernhaus“, erklärt der Mann in der Schlüsselposition, der für die WZ ein letztes Mal das Herzstück des Hauses, den großen Saal, aufschließt.

„Traurig, traurig“ hat jemand auf den „Eisernen Vorhang“ geschrieben — der Schutzvorhang schottet den Saal von der Bühne ab. Symbolisch könnte man die Farbwahl deuten: Grün wie die Hoffnung sind die Stühle im großen Saal nach wie vor. Schwarz waren hingegen die Vorhänge, die vier Jahre lang im Foyer hingen und den äußeren Rahmen für die kleine Bühne bildeten. Schon am Tag nach der letzten Vorstellung wurden sie abgehängt. Nun sieht man wieder, wie groß das Treppenhaus eigentlich ist.

Das nächste Symbol liegt auf dem Boden: Dass sich ausgerechnet in seinem früheren Büro ein Glückscent findet, entlockt Engelmann erneut ein leichtes Schmunzeln. „Ich war sehr gerne hier“, sagt er. „Am Bühnenmeisterbüro sind alle vorbeigekommen, die auf die Bühne wollten — und alle, die Sorgen hatten. Da hat man alles mitbekommen.“

Doch die Tage, in denen sein Zimmer „ein Dreh- und Angelpunkt“ war, sind längst vorbei. Und die Warnungen von heute enden stets mit einem Ausrufezeichen: „Toiletten nicht benutzen! Spülung ist vom Wasseranschluss getrennt!“, heißt es etwa. Auf einem anderen Schild lässt das Schadstoffteam des Gebäudemanagements grüßen: „Gesundheitsgefahr durch Schimmelbefall!“ Dagegen wirkt der Hinweis, dass der „Wandhydrant außer Betrieb“ ist, harmlos.

In der Damengarderobe haben einige wenige Kleiderbügel dem Zahn der Zeit getrotzt und „überlebt“. Sie hängen im Schrank, als kleide sie bald wieder ein Kostüm. An der Wand klebt auch noch eine Applausordnung aus dem „Eldorado“-Stück. Dort ist nach wie vor geregelt, wie die Schauspieler — „einzeln“, „paarweise“ und „von der Seite“ — zum Schluss-Beifall erscheinen und sich verbeugen sollen.

Und heute? Weiß Engelmann auch ohne funktionierende Kantinen-Uhr, was die Stunde geschlagen hat. „Ich freue mich auf die neue kleine Bühne, die gebaut wird. Dort wird es sein wie in einer anderen Welt. Auf jeden Fall wird die Heizung funktionieren.“