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Wuppertaler Autor: Leseempfehlung für produktive Trauerarbeit

Kultur : „Totenklage und Gedächtnis des Schreckens“: Eine Leseempfehlung

„Aghet“ ist armenisch für „Katastrophe“ und wird als Bezeichnung dieses Genozids verwendet. Ein Herausgeber des Bands neben Michael Hofmann und Miriam Esau ist Ulrich Klan, Vorsitzender der Armin-T.-Wegner-Gesellschaft.

„Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn die Türkei die Schulden meiner bunten Stadt Theben bezahlen würde. Ihr Prinz von Theben.“ Else Lasker-Schüler wünschte sich mit diesen Worten von Armin T. Wegner, Schuld künstlerisch abzutragen – nach dem Völkermord an den Armeniern 1915 im Osmanischen Reich. Texte des Elberfelder Schriftstellers sind neben anderen historischen Dokumenten Teil des neuen Buches „,Aghet‘: Totenklage und Gedächtnis des Schreckens“ – eine Leseempfehlung für produktive Trauerarbeit. Ein Herausgeber des Bands mit Vorträgen einer Tagung ist neben Michael Hofmann und Miriam Esau Ulrich Klan, Vorsitzender der Armin-T.-Wegner-Gesellschaft.

„Aghet“ ist armenisch für „Katastrophe“ und wird als Bezeichnung dieses Genozids verwendet. Wegner war als Sanitätssoldat Augenzeuge der Taten und machte sie publik – mit Fotos, Texten und einem Brief an US-Präsident Wilson.

Auch Originaltext
findet sich in dem Buch

Das Urteil „Völkermord“ weisen türkische Nationalisten bis heute zurück. Der Band referiert dazu den Forschungsstand: Demnach (so der Kulturhistoriker Rolf Hosfeld) verfolgte die Führung des Osmanischen Reichs die Armenier im Ersten Weltkrieg systematisch; gewaltsame Vertreibungen in die syrische Wüste mündeten in massenhafter Ermordung – ignoriert auch von einem wichtigen Partner der Osmanen: dem Deutschen Reich.

Auch Originaltext findet sich in dem Buch. Darunter von Wegner „Das armenische Totenlied“ – Worte voll Trauer und Größe: „bleibe stehn und lausche. denn was hier erklingt, ist das / lied der mutter armenien, dessen klang von den berghängen / des kaukasus um die ganze erde kreist, wenn sie um ihre kinder weint.“ Eher in seiner Sachlichkeit besticht der Bericht von Johannes Lepsius, Theologe und Gründer des „Armenischen Hilfswerks“, darin geht es unter anderem um Verhandlungen mit dem osmanischen Kriegsminister Pascha.

Ein mehr als 1000 Seiten
starkes Romanfragment

Armin T. Wegners nutzte eine große Bandbreite an Textsorten von Tagebuch bis Novellen. Ulrich Klan formuliert prägnant, der Dichter habe damit im Doppelsinn „um Fassung ringen“ müssen – um seiner Erschütterung als Zeuge Herr zu werden, aber auch im Mühen, das Erlebte künstlerisch zu „fassen“. So sammelt „Weg ohne Heimkehr“ seine Briefe aus Mesopotamien – teils direkt unter dem Eindruck besuchter Todeslager. Ein Gedicht „Die Austreibung der Menschheit“ trägt für Klan diesen Titel programmatisch, sehe es doch im Genozid schon früh eine „völkerrechtliche Dimension“.

Für Klan besonders wichtig ist seine These zu dem mehr als 1000 Seiten starken Romanfragment und der Frage: Warum blieb es unvollendet? „Es kann sich bei ihm die literarische Erkenntnis durchgesetzt haben, dass das hunderttausendfache gewaltsame Leiden und Sterben wehrloser Menschen im ‚heroischen‘ Romankonzept keinen Ort hat.“ Das Buch empfiehlt sich als Beispiel für Verarbeitungen durch die Kunst.

Michael Hofmann/Miriam Esau/ Ulrich Klan (Hrsg.): „Aghet: Totenklage und Gedächtnis des Schreckens. Türken und Armenier 1915“. Das Werk ist im Verlag Königshausen und Neumann in der Reihe „Studien zur deutsch-türkischen Literatur und Kultur“ erschienen. Es hat 430 Seiten und kostet 68 Euro.