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Wie Wuppertaler Künstler Arbeit und Wohnen in Einklang bringen

Kolumne : Arbeiten und Wohnen in einem Künstlerhaushalt

Tine Lowisch vom Freien Netzwerk Kultur in Wuppertal über ihre Erfahrungen in den eigenen vier Wänden während des Lockdowns.

Zwei große Wünsche hatte ich als Kind: Ein Zimmer für mich allein, mit dem fast gleichnamigen Roman von Virginia Woolf auf dem Nachttisch, der Roman, der in den 1970er-Jahren zu einem Basistext der Frauenbewegung wurde und eine Nacht im Supermarkt, die ich mit ununterbrochenem Naschen verbringe.

Der erste Wunsch ging schnell in Erfüllung. Von einer Nacht im Supermarkt der Superlative, träume ich so heute nicht mehr. Denn diesen idealen Kaufladen, dieses Waren-Utopia in meiner Vorstellung gibt es jetzt einfach. Denn wenn jetzt die Supermärkte die einzigen Treffpunkte sind, an denen wir Menschen zufällig verordnete Gemeinschaft herstellen können, (immerhin dürfen wir uns hier noch begegnen), ist dieser Traum von der Realität eingeholt worden und somit als Vision nichtig. Eine postnormale Realität, eine Naturkatastrophe ist das, durch die wir uns wie die leidgeprüften Bunkermenschen, die der britische Bildhauer Henry Moore einst so eindringlich zeichnete, in einer gleichmachenden Ausnahmesituation bewegen.

Als Einzelperson hat jeder durch das Tragen von Masken an Gesicht verloren, als Gattung haben wir durch das Tragen von Masken an Menschlichkeit und Würde gewonnen. Selbstvergessen wiegen wir dort nun Alltagsgegenstände wie Platzhalter des Glücks in den Händen und wirken neben dem frischen Gemüse wie Figuren aus einem zeitgenössischen Drama, das alle Fragen des Lebens auf die Bühne bringt.

Wie Wuppertaler Künstler Arbeit und Wohnen in Einklang bringen
Foto: WZ/Ritter, Andreas

Verzeihen Sie mir meine weitschweifenden Gedanken, aber ich bin nun schon seit fast zehn Monaten durchgängig zu Hause, mit Mann und Kind und Katze. Im Familienrat, den wir früher nicht brauchten, habe ich mit Nachdruck dafür gesorgt, dass ich wieder ein Zimmer für mich allein habe: Arbeiten und Wohnen, so stand unsere Adresse im Immobilienteil dieser Zeitung. Was damals in der Reihenfolge vertauscht wirkte und uns dadurch sofort ins Auge fiel, ist ein ehemaliges Gesindehaus zur verhältnismäßig kleinen Miete mit großer Fläche ohne jeden Komfort. Wir richteten es uns mit sehr viel Liebe über viele Jahre in kleinen Schritten selbst her, bis es fast perfekt für uns war. Die Zimmer sind klein und eher quadratisch, aneinandergereiht wie in einer verrückten Pension. Wir sind jeden Tag froh, dass wir dieses Dach über dem Kopf haben und auch, dass wir fließendes Wasser haben. Wasser, das wir erst kalt abfüllen müssen, bis es warm wird. Dann wird gespült und danach kann heiß geduscht werden – herrlich. Immer im Einklang mit unseren, durch stetiges Runterfahren unseres Kulturbetriebs, aufkommenden neuen Bedürfnissen weisen wir kontinuierlich den Räumen die Themen neu zu.

Im Moment brauchen wir zum Beispiel kein Wohnzimmer. Darüberhinaus ist auch das Esszimmer sozusagen mit den Gästen verschwunden und jetzt Studierzimmer für das einzelne, einsame, ehrgeizige, das Abitur ansteuernde Kind. Kaum gibt es noch eine Küche. Allerdings mittlerweile drei Werkräume: für den ständig kunstschaffenden und jetzt auch noch digital rumbastelnden Vater ein eigenes virtuell aufgepepptes Office mit einem durchgängig geöffneten Fenster zur Welt. Unter dem Haus für ihn eine kleine Atelierfläche und eine Mini-Galerie für die netzwerkende, kunstvermittelnde, schreibende Mutter voller analoger skulpturaler Werke jetzt eher kleineren Formats. Die Türen, die wir jahrelang, um Sichtachsen zu schaffen, verbannt hatten, sind längst wieder eingehängt und öfter als mir lieb ist verschlossen. Das ist alles soweit so gut und okay, wir halten durch. Das wichtigste ist jetzt erstmal, das wir die nächste Miete schaffen. Das andere schaffen wir dann auch – gemeinsam.