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Wuppertal: Die fotografische Seite von Pina Bausch und dem Tanztheater

Foundation: Fotoarchiv und digitale Bildbearbeitung : Ein Foto kommt nie allein und eröffnet eine weite Welt

Diese Arbeit ist umfassend: Arbeiten von über 160 Fotografen sowie über 200 000 fotografierte Objekte erschließen eine weite Welt, bringen Pina Bausch und ihr Tanztheater näher.

Diese Arbeit ist umfassend: Arbeiten von über 160 Fotografen sowie über 200 000 fotografierte Objekte erschließen eine weite Welt, bringen Pina Bausch und ihr Tanztheater näher. Beschäftigen gleich zwei Kräfte bei der Pina Bausch Foundation. Angela Deussen und Oliver Gladys kümmern sich um die Fotos der Sammlung Pina Bausch. Was vor allem zweierlei bedeutet: Digitalisierung und inhaltliche Erschließung. Eine Arbeit, die nie an ein Ende kommen kann, weil immer wieder neue Materialien, etwa durch Nachlässe, hinzukommen. Und eine Arbeit, die nur schwer in Zahlen zu fassen ist.

Das Bildarchiv ist Anlaufstelle für Projekte, Öffentlichkeitsarbeit und Anfragen. Es hilft bei Rekonstruktionen lange nicht gespielter Stücke wie aktuell „Das Stück mit dem Schiff“, bei dem Bühnenelemente nachgebaut werden mussten. Oder „Er nimmt sie an der Hand und führt sie in das Schloss, die anderen folgen“, bei dem vor wenigen Jahren auf der Bühne verteilte Kinderspielzeuge wieder beschafft werden mussten. Probenleiter sichten Abbildungen von Kostümen, holen sich wichtige Infos. Betreut wird das Bildarchiv von zwei Menschen.

Angela Deussen studierte Kunst mit dem Schwerpunkt Fotografie an der Universität Wuppertal, schreibt gerade die Masterarbeit an der Universität Essen. Sie bewarb sich 2012 bei der Foundation, weil die „jemanden brauchte, der Kenntnisse mit der Digitalisierung analoger Materialen hat“, erzählt sie. Sie wiederum interessiert die vielfältige Sammlung, die verschiedene Perspektiven auf das Werk Pina Bauschs erlaube. Und weil sie in Wuppertal lebt, kannte sie das Werk natürlich auch vorher schon - durch seine Stücke und die Fotografien davon.

Als Wuppertaler kam auch Oliver Gladys nicht an Pina Bausch vorbei. Er favorisiert ihre alten Stücke aus den 1970ern, auch die Rekonstruktion von Pinas Blaubart (“Beim Anhören einer Tonbandaufnahme von Béla Bartóks Oper „Herzog Blaubarts Burg““), die um die Jahreswende 2019/20 entstand. Das erste Stück, das er gesehen habe, sei aber 1983 „Nelken“ gewesen. Der Mediengestalter arbeitete in einer Düsseldorfer Werbeagentur, bevor er 2014 zur Foundation kam. Die private Sammlung der Choreografin, die deutlich vor ihren Tanztheaterzeiten beginnt, liegt ihm besonders am Herzen, weil es ihr Blick auf die Dinge sei.

Deussen und Gladys „stehen“ an verschiedenen Arbeitsstationen des Fotoarchivs. Sie scannt Objekte wie Negative und Diapositive ein, die sie in hochauflösende Digitalisate verwandelt, dabei auch die technischen Parameter wie Filmart oder Schädigungen erfasst. Er fotografiert verschiedene Papierunterlagen (vom Regiebuch, bis zur Tänzerschrift, vom Ablaufplan bis zur Produktionsunterlage), Fotoabzüge und Videocases, erstellt farbverbindliche Reproduktionen. Mehr als 38 000 Fotografien wurden bislang digitalisiert.

In der Coronakrise geschieht alles vermehrt im Homeoffice. Das musste sich zwar erst einspielen, weil die technische Ausrüstung nicht so perfekt ist wie im Büro an der Siegesstraße, hat sich aber mittlerweile eingespielt. Man müsse halt geduldiger sein, sagt Gladys mit Blick auf anfängliche Verzögerungen. Außerdem sei er momentan mehr mit der inhaltlichen Erschließung befasst, die weniger von der Technik abhängt.

Dafür ist sie umfangreicher, anstrengender und faszinierender. Gilt es doch die Daten, die ein Foto mitbringt, festzuhalten, „die Personen, die abgebildet sind, die Informationen auf seiner Rückseite“. Basis für Erkenntnisse und weitere Recherchen sowie Verknüpfungen mit anderen Materialien, die nicht zuletzt in den Onlineauftritt des Archivs münden sollen, der derzeit intensiv vorbereitet wird. Aktueller Arbeitsschwerpunkt auch für Deussen und Gladys.

Immer wieder auch das Gespräch mit Zeitzeugen

 „Ein Foto kommt nie allein“, sagt Deussen. Es gebe durch Beschreibungen, Notizen, Arbeits- und Kontaktabzüge Einblicke in die Arbeit der Fotografen. Manchmal helfe Onlinerecherche weiter, manchmal ein Spielplanheft, manchmal auch ein Computerprogramm, das Gesichter erkennt und automatisch den Namen bei weiteren Bildern vorschlägt. Immer wieder auch das Gespräch mit Zeitzeugen, einem ehemaligen Inspizienten und vor allem den Tänzern. Beispielweise wenn bei einer Aufführung des Frühlingsopfers in den 1970er Jahren viele Tänzer eng beieinander stehen und es fast unmöglich erscheint, einzelne zu identifizieren. Klar ist: Je älter das Foto, desto anspruchsvoller die Detektivarbeit.

Und interessanter: Wenn ehemalige Tänzer sich erinnern und persönliche Geschichten erzählen. Wenn Regieblätter („die aus den 70er Jahren sind wie Kunstwerke“), Rückseiten von Bankformularen oder Bierdeckel Tänzernotizen transportieren oder Rolf Borzik auf einem Beschwerdebrief seiner Vermieterin wegen eines ruinierten Teppichs ein Bühnenbild entwirft. „Da gibt es schon viel zum Schmunzeln“, erzählt Gladys.

Deussen wiederum betont die Vielseitigkeit der Fotografien, deren weitreichende Verwendung. Sie hielten Aufführungen und Probenprozesse fest, geben Einblicke in Werkstätten, wurden selbst Teil der Stücke, sind Zeugnisse der Studienzeit Pina Bauschs in Essen. „Das ist ein überaus breiter Einstieg in Pina Bauschs Werk.“