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Braucht die Wuppertaler Oper eine Frauenquote?

Kultur : Frauenquote für die Oper: Nachhelfen und Vorbilder schaffen

Wie könnten mehr Werke von Komponistinnen auf die Bühne gelangen? Der WDR lud zu einer Podiumsdiskussion im Opernhaus ein.

Eine Frauenquote für die Oper? Was erstaunlich klingen mag, hat einen frappierenden Umstand zum Anlass: In der letzten Spielzeit stammte exakt ein aufgeführtes Opernwerk in NRW von einer Komponistin. Kein Zufall nun, dass WDR 3 für ein Gespräch zum Thema gerade ins Tal kam: Gespielt wurde besagte Ausnahme in Wuppertal – es war „Ein kleines Stück Himmel“ von Nuria Nunez Hierro. Die Frage der fürs Radio aufgezeichneten Expertenrunde im Kronleuchterfoyer war: Woher diese Schieflage, und wie ist ihr abzuhelfen? Es ist ein strukturelles Problem, da bestand am Ende Einigkeit.

Der Frauenmangel wurde weitgehend parallel behandelt mit einem anderen Missverhältnis in den Spielplänen: dem Mangel an zeitgenössischen Opern. Komponist Moritz Eggert: „Was fehlt, ist eine dezidierte Hinwendung zur Gegenwart.“

Dass beides heute quasi in eins gedacht wurde, mochte übrigens wohlfeile Mutmaßungen zerstreuen, hier werde nur wieder einmal eine Arena für den Geschlechterkampf eröffnet. Denn es ging um Grundsätzliches: Wie mit Missverhältnissen verschiedener Art umgehen? Wieweit soll Kultur bedienen, wieweit soll sie fordern, wann kann sie vorsetzen?

Opernintendant bekennt
sich zu aktivem Eingreifen

Zur Überzahl etablierter Klassiker von Männern: „Das lässt leider darauf schließen, dass Opernhäuser zu Museen verkommen“, stellte die Komponistin Elena Mendoza fest. „Und ich finde: Dagegen sollte man etwas tun.“ Wuppertals Opernintendant Berthold Schneider teilte die kritische Einschätzung und bekannte sich zu aktivem Eingreifen: „Es ändert sich nicht von selbst.“ Und: „Es gibt beharrende Kräfte, die in eine bestimmte Richtung ziehen. Wir können nicht abwarten.“ Quoten indes galten auf dem Podium insgesamt als ungünstig, allenfalls als letzte Lösung.

Der Essener Kulturdezernent Muchtar Al Ghusain konstatierte, ein gezieltes Steuern (gleich welcher Art) bedeute im Zweifel auch eine Gewichtung: „Die Repräsentanz von Zeitgenössischem oder Komponistinnen ist für uns dann ein so hohes Gut, dass wir eine geringere Auslastung in Kauf nehmen.“ Komponistin Mendoza äußerte hier aber Widerspruch: „Ich bin sicher, auch mit neuen Stücken könnte das Haus gefüllt werden.“

Klar wurde zum einen: Es fehlt an verfügbaren Stücken, und das heißt auch: an schon aufgeführten. Eine „Uraufführungsquote“ brachte deshalb Mendoza ins Spiel, ohne zu verhehlen, dass auch sie Quotierungen grundsätzlich ambivalent sah. Dramaturgin Anna Chernomordik stimmte zu: „Eine Quote für Komponistinnen ist widersinnig, wenn man von ihnen nur eine Uraufführung pro Jahr hat.“

Ein konservatives
Kernpublikum

Was sich gleichfalls als Faktor erwies, war das Publikum. Wenig diplomatisch sprach Komponist Eggert von einem „sektiererischen, konservativen Kernpublikum“. Ein Aspekt war: Eine Möglichkeit, den Klassikerwünschen der Gegenwart Rechnung zu tragen, ist, „modern“ zu inszenieren. Bloß bindet man so Kräfte und Kosten, die dann nicht neuen Werken zu Gute kommen. Aber Avantgarde auf Kosten von „Don Giovanni“ und ähnlichen Lieblingen?

Im offenen Teil kam nachher Widerspruch: David Greiner, Chefdramaturg von Wuppertals Oper, verteidigte das Prinzip, den Publikumsgeschmack im Blick zu haben, und hob dabei nicht nur auf Kassenerwägungen ab: Eine Priorität für Neues zu Lasten des Beliebten sei schnell „elitär“. Dramaturgin Chernomordik gab zu, die Zählung, es gebe allzu viele Inszenierungen von Klassiker X in einer Region, sei auch Sache der Perspektive: „Ein Stadttheater denkt nicht in Opernlandschaften.“

Was Quoten überhaupt betrifft, so schien eine interessante Einsicht des Abends: Solche Eingriffe von oben können auch eine Eigendynamik entwickeln. Ist einmal eine Stelle auf Entscheiderebene weiblich besetzt, wirkt sich das oft günstig auf künftige Personalentscheidungen aus. „Frauen in Führungspositionen“, nicht zuletzt Intendantinnen also empfahl Dezernent Al Ghusain in diesem Sinne. Denn wie die Erfahrung zeige, stellten diese im Fortgang gern selbst Frauen ein.

Doch auch in anderer Hinsicht klang an, wie sich eine punktuelle Verordnung positiv auswirken könne: Für begabte junge Frauen zu Laufbahnbeginn könnten weibliche Besetzungen Ermutigung geben – Stichwort Komponistinnen. Das gab an anderer Stelle Mendoza zu bedenken: „Es gibt eine gewisse Notwendigkeit nachzuhelfen, um Vorbilder zu schaffen.“

Fazit beim Opern-Talk: Ein Publikum mag Vertrautes wünschen, doch womöglich goutiert es auch Neues, wenn es gut ist – zumal Opernferne so vielleicht gar erst auf den Geschmack kommen. Wer als Macher das Wagnis eingehen mag, braucht freilich erst einmal einen Fundus an Werken, aus denen er schöpfen kann. Der Wert von Uraufführungen war demnach ein Ertrag aus dem Wuppertaler Gedankenaustausch, zuvor aber ein noch fundamentalerer: der Bedarf, Komponistinnen zu fördern – denn ohne Werk keine Aufführung.

Eine Aufzeichnung der Diskussion wird am Sonntag, 13. Oktober, im „Forum WDR 3“ ab 18.04 Uhr gesendet.