Thomas Freitag in der Kufa: "Von Europa darf nicht nur Champions League bleiben"

KABARETT : „Von Europa darf nicht nur die Champions League übrig bleiben“

Kabarettist Thomas Freitag seziert beim Auftritt in der Kulturfabrik den Zustand Europas genauso wie Digitalwahn und die Politik der SPD.

Thomas Freitag ist ein Urgestein des politischen Kabaretts. Einer, der es noch einmal wissen will. Einer, der sein Wissen aus 18 Soloprogrammen seit 1976 nutzt und sich als Fürsprecher und Verteidiger eines geeinten Europas einsetzt. Der gelernte Bankkaufmann und Schauspieler wählt dazu als Stilmittel eine Art satirisches Kammerspiel. Er tritt in verschiedenen Rollen auf, schlägt den Bogen von der Hochkultur der Antike über Gott bis zur Politik heute. „Europa ist eine große Idee“, sagt Freitag und liefert den Grund gleich mit. „Seit 70 Jahren haben wir hier Frieden und Wohlstand.“

„Ich möchte die Zuschauer mit etwas Sinnvollem traktieren“, entschuldigt er sich fast für seinen zweieinhalbstündigen leidenschaftlichen Exkurs. In seinem rasanten Monolog seziert er das aktuelle Europa mit all seinen Schwächen und klagt die an, die die Werte verraten, statt sie zu bewahren und um sie zu kämpfen. AFD klingt für ihn wie eine Störung, etwa wie ADS. „Wer AFD hat, bekommt Angst vor allem Fremden.“ Es gelte, Europa vor Erniedrigung zu schützen, auf dass nicht die Champions League das Einzige sei, was übrigbleibt.

In seinem Solo „Europa, der Kreisverkehr und ein Todesfall“ zeichnet Freitag die Geschichte des Kontinents nach. Es geht ihm um Großzügigkeit und Kunst, Recht und Religionsfreiheit, den digitalen Wahn bis zur Geldpolitik. Dabei schlüpft er immer wieder in seine Paraderolle des EU-Bürokraten Peter Rübenbauer, zuständig für die Entwicklung aller europäischen Kreisverkehre. Er verunglückt im Kreisverkehr und findet sich wieder an der Grenze zwischen Leben und Tod, Himmel und Hölle, ewigem Licht und der EU-Energiesparlampe.

Deutsche Verkehrsberuhigung mit Baustellen statt Schwellen

20 000 Kreisverkehre habe er zu verantworten, aber nur einmal in Portugal habe man ihm seine Lebensleistung mit einer würdigen Einweihung gedankt. Gerade die Osteuropäer lehnten Kreisverkehre ab, etwa die Polen. „Die Katholiken dort akzeptieren nur Kreuze.“ Da lobe er sich die Holländer, sagt Freitag, und wechselt in die Rolle des holländischen Straßenbauers Drempel, der mit Schwellen zur Entschleunigung beiträgt. Deutschland folge diesem Beispiel mit Baustellen.

Hingegen erwarten Freitag in seiner Rolle als protestantischer Attentäter aus Schwaben im Himmel zur Strafe 36 Sozialpädagoginnen mit Doppelnamen. Sein Meeting mit Gott endet überraschend. „Der Himmel ist eine Erfindung von mir. Wenn du den suchst, musst du dich auf Erden verbeamten lassen.“ Auch an seiner SPD verzweifelt der Kabarettist. Hartz IV sei nur ein Beispiel. Selbst Jesus wäre heute davon betroffen.

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