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Oper: So war die Rusalka-Premiere als Videoübertragung

Oper : So war die Rusalka-Premiere als Videoübertragung

Wegen Corona fand die Aufführung der Inszenierung der Dvořák-Oper von Ansgar Weigner unter dem Dirigat von Diego Martin-Etxebarria ohne Publikum statt.

Natürlich kann man sich im Fernsehen oder auch auf Youtube und Co. immer wieder mal Mitschnitte von Opernpremieren anschauen. Manchmal wird sogar das eine oder andere große Musiktheater-Event sogar live oder zumindest zeitversetzt übertragen. Doch die aktuelle Lage ist dann doch eine andere. Erstens würde ein Rezensent eher weniger auf die Idee kommen, eine Premiere lediglich per Videoübertragung anzusehen und zweitens hat man sonst trotz Stream immer noch das Publikum im Saal, das auf die Aufführung reagiert. Beides war bei der Rusalka-Premiere im Theater Krefeld anders. Deshalb möchten wir zunächst darüber nachdenken, was diese besonderen Umstände dieser „Geisterpremiere“ – vergleichbar mit dem Fußball ohne Publikum – ausmachen.

Als Rezensent ist man üblicherweise Teil des Publikums, reagiert auf das gleiche Erlebnis wie die anderen Besucher einer Premiere – kommt man vielleicht auch mal zu etwas anderen Einschätzungen, aber das steht auf einem anderen Blatt. Man versucht seine Fühler auszustrecken, natürlich nicht nur Richtung Bühne und Orchestergraben und die Schwingungen aufzuspüren, die von dort in das Publikum hineinstrahlen, sondern auch in den gesamten Raum. Wie reagiert das Publikum, welches Fluidum entsteht angesichts dessen was auf der Bühne passiert. Angesichts dessen, was die Regie für Rahmenbedingungen geschaffen hat für die Sänger, angesichts dessen, was Dirigent und Orchester mit der Musik machen. Und Musik – traditionelle europäische Kunstmusik – ist etwas, was seine wahrhaft unsagbar breiten ästhetischen Qualitäten lediglich in der Unmittelbarkeit des Live-Erlebnisses entfalten kann. Mediale Vermittlung, ob nun per Live-Stream oder per Konserve, ob nur als Klangdokument oder auch als Videomitschnitt, ist stets nur ein zwar sehr schöner und heute perfekter denn je funktionierender, aber am Schluss doch nur ein Kompromiss.

Übertragung ist gegenüber einem Live-Erlebnis ein Kompromiss

Dies alles fehlte natürlich sowohl für das Publikum als auch für den Rezensenten, der sich als Teil des Publikums ebenso lediglich vor einem Bildschirm mit Kopfhörern den Livestream anschaute und anhörte. Auch fehlte den Musikern und Sängern die direkte magische Verbindung zum Publikum. Dieses Gespür dafür, wie es reagiert, auf den Ton, den man gerade gesungen hat – ein Erahnen, ein Erspüren, was wohl am besten nur Menschen beschreiben könnten, die selbst auf der Bühne stehen. Aber es gibt dieses Gefühl. Publikum kann einen auf Händen tragen, befeuern, kann aber auch ausbremsen. Dies alles fehlte auch.

Und dennoch ist es richtig, und man darf sehr dankbar dafür sein, dass das Theater Krefeld und Mönchengladbach, sich angesichts der Schließung wegen Corona, dazu entschlossen hat, die Premiere von Dvořáks lyrischem Märchen „Rusalka“ in der Inszenierung von Ansgar Weigner, als Stream auf ihrem Youtube-Kanal zu übertragen – und eben nicht ausfallen zu lassen. Denn so konnte zumindest auf eine reduzierte Weise der Zauber der Opernpremiere lebendig werden. So war die Vorfreude des Publikums und die Vorbereitungen aller Beteiligten nicht umsonst.

Eine Rusalka ohne Wassermänner, Hexen und Nixen

Und in der Tat spürte man selbst auf dem Bildschirm eine besondere Energie dieser Afführung. Unter Diego Martin-Etxebarrias Leitung steuerten die Niederrheinischen Sinfoniker einen dichten, leidenschaftlich mit der lyrischen aber auch dramatischen Qualität von Dvoráks Klangsprache aufgeladenen Ton bei. Bis auf wenige kleinere Ausnahmen harmonierte man trefflich mit den sängerischen Akzenten der Solisten. Dorothea Herbert verkörpert gesanglich mit feinen Nuancen und viel stimmlichem Herzblut Rusalka, die in dieser Inszenierung weniger eine Nixe ist, sondern vielmehr eine kränkliche oder von ihrer Mutter krank gehaltene Tochter einer Familie, die offenbar in einer halb realen, halb abstrakten Zeit lebt, die sich an die Entstehungszeit der Oper anleht.

Tatjana Ivschinas Ausstattung changiert auf schöne Weise zwischen einem Realismus, der dennoch die Lücke offenlässt für eine fantasievolle Aufladung und einer gewissen – fast ein bisschen surrealistischen – Ambiguität. Der Clou der Inszenierung von Weigner (Dramaturgie Andreas Wendholz) ist in der Tat die Geschichte zu psychologisieren. So fungiert Eva Maria Günschmann sowohl als die Hexe als auch als die fremde Fürstin, ist aber schlussendlich Rusalkas Mutter – die, so erklären zumindest die Macher, unter einem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leidet und alles dafür tut, ihre Tochter in Abhängigkeit zu halten. Da kann auch der Wassermann (alias der Vater), gesungen von Hayk Deinyan, wenig gegenhalten.

In einem verwitternden Kellerraum, der nur wenig Leben in sich birgt, lebt Rusalka lediglich umgeben von ihrer Familie (Schwestern: Maya Blaustein, Gabriela Kuhn und Boshana Milkov). Aus diesem Raum will sich Rusalka befreien, um sich dem Leben zu widmen, um aufzublühen. Doch wie das Bühnenbild des zweiten Aktes zeigt, ist diese Blüte, die Freiheit auch nur eine scheinbare, die eingemauert ist. Die zum Scheitern verurteilte Befreiung und die Liebe zum „Prinzen“, gesungen von David Esteban, wird vereitelt.

Dass unter den besonderen Umständen manche Stimme ein wenig nervöser timbriert wirkte, und nicht jeder Ton glatt kam, ist erwähnenswert, aber nur eine Randerscheinung; die von der schönen – bisweilen sehr packend gespielten – Präsenz aller Sängerinnen und Sänger (auch Susanne Seefing als Küchenjunge und Kairschan Scholdybajew als der Heger) überstrahlt wurde. Jene Präsenz kam, dank einer sehr filmischen Kameraführung, die auch gerne mal näher an die Sänger heranzoomte, auch über den Bildschirm gut rüber. Lediglich den Lautstärkeregler musste man ordentlich aufdrehen, um in den Genuss eines runden Klangbildes zu kommen.

Übrigens – in der Pause gab es einen sehr informativen Pausenfilm mit Interviews.