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Kunst: „Das Gedächtnis der Bilder“ in Haus Lange

Kunst : „Das Gedächtnis der Bilder“ in Haus Lange

Die Ausstellung zeigt ausgewählte Werke aus der Sammlung der Kunstmuseen Krefeld, die geschichtliche Themen reflektieren.

Im Haus Lange ist ein Video zu sehen, auf dem die letzten Reste vom Palast der Republik in Berlin von einem Abrissbagger mehr und mehr angeknabbert werden. Das Gebäude, umgeben von Schutt, löst sich nach und nach auf; wirkt zwar der Bagger selbst wie ein sonderbar fremdes lebendiges Wesen, was sich von steingewordener Geschichte ernähren mag – fast ein bisschen wie die Loriot’sche Steinlaus –, so ist dennoch auf dem trostlos wirkenden Film das augenscheinlich einzig lebendige Wesen ein Hund. Ein Hund, der suchend durch die Trümmer läuft, mit einem ganz sonderbaren Kragen. Bestehend aus einem Kentucky Bucket, einen Eimer, der sonst eigentlich dazu dient, frittierte Hähnchen einer Fastfood-Kette möglichst appetitlich zu präsentieren.

Dieser Film stammt von Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla und ist der Teil der Ausstellung „Das Gedächtnis der Bilder“, die als ergänzenden Gegenpol – die Macher sprechen gerne von Ping-Pong – zu der Ausstellung von Sharon Ya‘ari im Haus Esters gedacht ist. Die gleichfalls von Magdalena Holzhey kuratierte Schau, die bis zum 2. August gezeigt wird, spielt, wenn man dem Anspruch folgt, ähnlich wie die Ausstellung im Nachbarhaus, mit Erinnerung, Geschichtlichkeit, Geschichte und ihre Reflexion in der Kunst. Doch im Gegensatz zu Ya‘aris „The Romantic Trail and the Concrete House“, handelt es sich bei dieser Ausstellung nicht um das Produkt eines einzelnen Künstlers. Zum Thema passende Exponate und Arbeiten aus der so bunten Sammlung der Kunstmuseen Krefeld wurden hier mit viel Bedacht ausgewählt, um sie neu und miteinander zu präsentieren. Dabei steht bei „Das Gedächtnis der Bilder“ ganz explizit die Auseinandersetzung mit historischen Themen im Fokus. Bis auf wenige Ausnahmen – Käthe Kollwitz –, konzentriert sich die Ausstellung mit beachtlichen Positionen auf Produkte, die entweder von der politischen Wende nach dem Ende des Kalten Krieges inspiriert wurden oder sich aus späterer Perspektive mit historischen Momenten auseinandersetzen. Mal ganz explizit oder auch um die Ecke gedacht, mal mit weitem Blick zurück oder auch ganz unmittelbar als Zeugnis einer Zeitenwende.

Viele der Werke haben Verweischarakter auf Geschichte

Was viele der in dieser vielseitigen kleinen Ausstellung gezeigten Werke eint, ist ihr Verweischarakter. Sie verweisen über sich hinaus auf historische Ereignisse oder auch nur Vorstellung von diesen und sind dennoch in sich als ästhetische Konstrukte begreif- und erlebbar. Und zeitgleich – hier ist schon eine beachtliche Parallele zur der Ausstellung in Haus Esters zu konstatieren – bergen viele der Exponate ein Geheimnis, ein wie auch immer geartetes Mysterium in sich, das uns als Betrachter herausfordert nachzusinnen, in unserer Fantasie weiterzudenken.

So beispielhaft die vielen hermeneutischen Ebenen jenes Palast-Abrisses „How to Appear Invisible“ aus 2009, der sogleich schon ohne Hund viele Assoziationen zuließe, mit Hund aber eine schier nicht enden wollende Bedeutungskette nach sich zieht. Oder die großartige Arbeit aus 2003 – die auch rein ästhetisch mitzieht – von Iñigo Manglano-Ovalle „Oppenheimer“. Ein Video, das den Atomwissenschaftler, der als einer der Väter der Atombombe gilt, in gedankenversunkenen Posen inmitten eines Urwalds zeigt. Doch hat diese überbordende Natur und der elegante schlaksige Mann inmitten von ihr, nichts Friedvolles oder behaglich Uriges. Ungeheuer wirkt die Szenerie, verstärkt durch eine bedrohlich nach Fliegerbombern oder ähnlichem klingenden Klangkulisse.

Aber wir sollten uns nicht nur auf die Filme fokussieren; die indes zwei wirklich herausragende Arbeiten dieser Schau sind. Wir finden in der Ausstellung sowohl Fotografie, Bildhauerei, Malerei, als auch Übergänge zwischen Konzept- und tradierter bildender Kunst. Aus letzterer Kategorie ließen sich gleich mehrere Exemplare anführen, die sowohl ästhetisch reizen, als auch zum Nachdenken motivieren. Da wäre „Intervista – Finding the Words“ aus 1998 von dem albanischen Künstler Anri Sala. Wir sehen skizzenhaft anmutende Zeichnungen, die seinen Versuch dokumentieren, ein Fernsehinterview mit seiner Mutter aus den 70er Jahren derart zu rekonstruieren, dem Film die Worte wiederzugeben. Die Tonspur des Films war verloren; und enthielt wohl ideologisch aufgeladene Worte, denn die Mutter war seinerzeit eine hohe Funktionärin der staatlichen kommunistischen Jugendorganisation. Mit Hilfe eines Gehörlosendolmetschers sollte der Versuch unternommen werden, die verlorene Sprache wiederzufinden. Christian Boltanski wiederum hat in „La chanteuse“ aus 1997/1998 eine druckgrafische Serie geschaffen, die einen Film reproduziert, der eine Sängerin im Berlin der 40er Jahre zeigen soll. Geisterhaft, schemenhaft und deshalb und doch über sich hinausweisend.

Sigmar Polkes Druckgrafik „Entartete Kunst“ basierend auf einem Gemälde von 1983 überarbeitet bis zur Verfremdung ein Foto von 1938, das eine Warteschlange vor der Ausstellung in Nazi-Deustschland zeigt. Luc Toymans wiederum hat, ebenfalls für seine Druckgrafik-Serie, Fernsehbilder aus einer Dokumentation über das Hauptquartier der Mormonen genutzt. Jeweils in zwei Hälften geteilt; oben eine schwarze Fläche, unten die mehrfach verfremdeten Fernsehbilder, die zu schemenhaften Ahnungen werden, ergibt sich die Anmutung von monolithischen Mahnmalen auf kleinstem Raum.

Ein „Monument“ anderer Art begegnet uns in der Arbeit von Mike Kelley und Paul McCarthy aus 1998 „Proposal for The Unknown Political Prisoner“ – ein vor ironischer Brechung strotzendes Werk. Eine Figur aus einem Soldatencomic „Sad Sack“ im Zweiten Weltkrieg wird als bitter-komische Holzskulptur kenntlich, die mit ihren hölzernen Beinen zeitgleich überdeutlich an das Haus der Baba Jaga – eine slawische hexenartige Märchengestalt – erinnert. Auch hier strahlt das Konzept über die reine Materialität hinaus.

Käthe Kollwitzs – rein zeitlich sticht sie aus den gezeigten Werken heraus – „Mutter mit zwei Kindern“, aus 1932, 1936, hier gezeigt in einem frisch restaurierten Nachguss aus 1958 hat auch Verweischarakter. Neben der Ausarbeitung der Plastik in runden geschwungenen Formen, weckt die ihre Kinder schützend umklammernde Mutter auch viele Emotionen, die mit Bedrohung, Schutz und den unermesslichen Kräften einer instinktiv ihre Nachkommen schützenden Frau verbunden sind. Auch geschichtlich im Kontext der Zeit zu sehen wie auch ihr Radierungs-Zyklus aus 1907/1908 „Bauernkrieg“.

In der Ausstellung ist auch
Pop-Art zu sehen

Auch John Weseleys 1976 entstandenes Bild (Acryl auf Leinwand) mit dem Titel „Missouri Compromise“ fällt, was die Entstehungszeit anbelangt, zu den restlichen Exponaten etwas zurück. In bester Pop-Art Manier bezieht sich der Künstler auf einen in der amerikanischen Geschichte bedeutendes Ereignis. Es geht um Sklaverei, Unterdrückung von Schwarzen, doch stehen die zwei Figuren auf diesem Gemälde unter anderen Vorzeichen. Ein Politiker mit afroamerikanischen – indes auch weißen – Gesichtszügen nimmt sich hier einen deutlich kleineren „weißen“ Politiker väterlich zur Brust.

Ein ähnliches Themenfeld bearbeitet – ebenfalls aus den 70ern – Lother Baumgartens Dia-Reihe, die ethnologische Zitate in Kontext mit Archivbildern, auch aus heimischen hiesigen Landschaften, mischt und so mit „exotischen“ Zuschreibungen und Ambivalenzen spielend, den Betrachter an der Nase herumführt. Wie fiktiv ist unser Bild von Südamerika und wie verändert Kontext unsere Wahrnehmung von Szenerien?

Auch auf eine Spurensuche begibt sich seit Jahren Thomas Struth und archiviert Straßenfotografien. Seine Fotos bilden städtische Räume ab, aber weisen uns auf so viele weitere Aspekte von Realitäten. So auch die in dieser Ausstellung gezeigten Bilder von der Salzmannstraße in Leipzig aus 1991 und der Bernauerstraße in Berlin (1992), auf denen sich die Situation kurz nach der Wiedervereinigung emblematisch ablesen lässt. Einsetzender Wandel zwischen maroden Altbauten?

Richters „Besetztes Haus“, 1989 als Gemälde, hier indes als Druck gezeigt, spielt auch mit Bedeutungsschichten hinter scheinbar bedeutungslosen Abbildungen einer Alltäglichkeit – eines Hauses. Sein Spiel mit Unschärfe lässt vieles offen und fordert den Betrachter somit auf, die visuellen Leerstellen mit eigenen ästhetischen Füllmengen aufzuladen. Das Ungesagte, das Uneindeutige ist oft kunstvoller als der deutliche Verweis. Auch dies ist eine schöne Erkenntnis dieser Ausstellung. Mit der Kraft von scheinbar unprätentiösen, aber wohl komponierten Szenerien spielt auch – in überhöhtem Maße durch die für den Künstler typische Präsentation in einem hinterleuchteten Kasten – Jeff Wall. Sein 1987 entstandenes Foto „The Holocaust Memorial in the Jewish Cemetery“ rundet die Schau ab.

Das Objekt „Mann im Matsch“ von Thomas Schütte (1982/2014) zeigt eine tief in Matsch eingetauchte Figur auf einem sonderbar anmutenden Plateau. Eigentlich ein missglückter Versuch ein Wachmännchen zu formen, das schließlich zu diesem Sinnbild des Scheiterns wurde.

Die Ausstellung indes als Ganzes scheitert nicht. Sie lässt uns auf vielfältige Weise über Geschichte und unsere Bilder über sie reflektieren. Um dies noch ein bisschen attraktiver zu gestalten, hat man sich übrigens etwas überlegt – ähnliches gab es schon mehrfach beispielsweise bei den Künstlerräumen in der Kunstsammlung NRW.

Laura Kaczmarek (Hochschule Niederrhein) hat für die Kunstmuseen Krefeld speziell zu dieser Ausstellung eine Art Karten-Quartett designt, die die Ausstellung in acht Themenfelder aufteilt. Bei jedem Exponat liegen die hübsch designten Karten bereit und liefern Infos zum Werk und Co. Diese können eingesammelt werden und schließlich mit einem Karton (der extra erworben werden muss) mitgenommen werden. Aus kunstpädagogischer Sicht allerdings ist das Spiel weniger für Kinder geeignet – auch wenn darauf 6 bis 99 Jahre gedruckt ist –, sondern allein von der Sprache und Gestaltung her eher etwas für den interessierten Erwachsenen.

Alle Informationen zu der Ausstellung „Das Gedächtnis der Bilder“ und dem Begleitprogramm in Haus Lange (Wilhelmshofallee 91–97), geöffnet Dienstag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr, telefonisch unter 02151 975580 oder online.

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