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Tschick in Krefeld: Zwei Jungs auf der Reise zu sich selbst

Theater : Zwei Jungs auf der Reise zu sich selbst

Der Jugendroman „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf wird im Theater zu einer quietschvergnügten Nummernrevue.

Als Buch ein Erfolg, ebenso als Theaterstück, und den Film gibt’s auch schon. Der 2010 erschienene Roman „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf gelang schnell der Sprung aus der Nische Jugendliteratur auf die Bestsellerliste für Erwachsene, und in seiner dramatisierten Form führte er mehr als einmal die „Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins“ an. Jetzt feierte die Fassung von Robert Koall unter der Regie von Maja Delinic als Studioproduktion des Theaters Krefeld Mönchengladbach in der Fabrik Heeder Premiere.

In Mönchengladbach war das Stück ein Publikumsrenner, und man kann prophezeien, dass das in Krefeld so bleibt. Die Inszenierung der ehemaligen Regieassistentin Delinic, ihre zweite eigenständige Arbeit fürs Haus, will viel, kann das auch fast alles und reißt die Zuschauer bis kurz vor Schluss auf höchst unterhaltsame Weise mit.

Für die Herrndorfsche
Ironie bleibt kaum Zeit

Der Abend befindet sich also fast dauernd auf der Überholspur – und lässt dabei so manches liegen, das man im Buch finden kann. Traurigkeit, Nachdenklichkeit, die Herrndorfsche Ironie mit melancholischem Unterton, dafür bleibt kaum Zeit, aber von vorn.

Maik (Philipp Sommer) ist der versnobte Außenseiter aus betuchtem Haus mit kaputter Elternbeziehung. Die alkoholabhängige Mutter ist zum Beginn der Sommerferien in der Entzugsklinik, der Vater bricht mit einer deutlich zu jungen Assistentin zu einer Reise auf. Maik bleibt allein.

Da kommt der Schulkumpel Tschick (Henning Kallweit) mit einem geklauten Lada vorbei. Tschick ist ein Junge mit russischen Wurzeln, wie Maik ein Außenseiter, aber das hat bei ihm eher mit der mangelnden Integrationsbereitschaft der Mehrheitsgesellschaft zu tun. Kurz entschlossen brechen die beiden 14-Jährigen mit dem Lada zu einer Reise in die „Walachei“ auf.

Für Maik ist das ein Unort wie „Dingenskirchen“, Tschick behauptet, sein Großvater käme von dort. Dass die beiden von keinem Erziehungsberechtigten an ihrem Aufbruch nach Nirgendwo und vielleicht zu sich selbst gehindert werden, ist ein Teil ihres Problems, das man gemeinhin Vernachlässigung nennt.

Das Buch ist eine Mischung aus Entwicklungsroman und Roadtrip, letzterer beginnt im Buch erst ungefähr in der Mitte. Das Bild der Reise hat Regisseurin Delinic in die Innenwelt verlagert, ihre sichtbar erwachsenen Protagonisten machen also einen Erinnerungstrip in ihre Jugend. Ausstatterin Ria Papadopoulou hat die Bühne dementsprechend ausgestattet. Mit Spiegelfolie verklebte Podeste dienen als Projektionsflächen für alles Mögliche, vor allem Farbstimmungen (Video: Peter Issig).

Sommers Maik und Kallweits Tschick bedienen dann aber doch zu sehr das Klischee des jugendlichen Figurengegensatzpaars, das einander in seinen unterdrückten Anteilen spiegelt. Während Sommer deutlich zu oft mit großen Augen so fragend wie erstaunt in die Welt schaut, geht die eigenwillige Figur des Tschick in cool gemeinten Posen unter. War da nicht noch jemand?

Da sind noch ganz viele – und alle diese spielt Carolin Schupa. Also die Streunerin Isa, bei der Maik eine Chance hätte, und die unerreichbare Klassenkameradin Tatjana. Des Weiteren die Mutter, eine Sprachtherapeutin und außerdem fast alle Kinder der alternativ-gestrickten Familie Friedemann, bei der die Jungs kurzfristig unterkommen. Die Männerrollen, etwa die des Preppers Fricke, gelingen ihr weniger, aber was Schupa etwa in der Friedemann-Szene mit ihrer Wandlungsfähigkeit hinzaubert, ist wirklich zum Niederknien komisch. Kurzum: Schupa ist der Star des Abends.

Roadtrip und Entwicklungsroman verschmelzen in dieser Inszenierung zu einem surrealen Flashback-Gewitter mit einem ziemlich überzeugenden Soundtrack (Musik: Clemens Gutjahr). Mit anderen Worten: Delinic gelingt eine amüsante Nummernrevue mit Songs, Kampfszenen im Comic-Stil und so weiter, und auch die Mischung aus erzählten Passagen und Fetzenszenen hat einen guten Flow.

Als die Handlung dann kurz vor Schluss mit dem durch den Roman vorgegebenen Unfall zwangsweise auf die Bremse tritt, wird es endlich etwas ruhiger. Warum der Ausbruchsversuch der Jungs aber durch den Crash nicht einfach an die Wand gefahren wird, sondern vor allem für Maik einen beachtlichen Entwicklungsschub bedeutet, bleibt in der Folge dann nur noch bloße Behauptung. Dafür geht es vorher – zum höchsten Vergnügen des Publikums – einfach die meiste Zeit zu hoch her.