Niederrheinische Sinfoniker : Musik von Jünglingen

Das Sinfoniekonzert im Krefelder Seidenweberhaus bietet diesmal jugendlichen Strauss und Chopin.

Die unbrüchige Ernsthaftigkeit, mit der wohl nur junge Männer, die kaum oder gerade so eben der Pubertät entflohen sind, das erste Mal erlebt haben, was es heißt, das Herz gebrochen zu bekommen und vielleicht auch eines zu brechen, ihren Weltschmerz ausdrücken können, ist unnachahmlich. Dies gilt vor allem auch bei jungen Komponisten – und ohne hier groß verallgemeinern zu wollen –, die noch mit einer bisweilen naiven Reinheit so große und leidenschaftliche, tiefgründige und eindeutige Motive niederschreiben, die sie später so nicht mehr ohne Zaudern, ohne sich doch irgendwie infrage zu stellen, nicht mehr komponiert hätten. Kurz: Es gibt Musik, der hört man an, dass ein noch junger Mensch versucht die großen Gefühle, die in ihm stecken, mit großer Geste niederzuschreiben. Es gibt Musik, der man anhört, dass ein junger Komponist danach strebt ernst genommen zu werden – bitte todernst.

Zwei solche Werke – indes auf jeweils ureigene Weise – gibt es bei dem nächsten Sinfoniekonzert der Niederrheinischen Sinfoniker zu erleben. Der eine Komponist war gerade einmal 17 Jahre, der andere 20, als sie die in diesem Konzert gespielten Stücke schrieben. Der Twen Chopin – der ohnehin zu früh mit 39 starb – schrieb sein erstes Klavierkonzert in e-Moll Op. 11 durchaus unter dem Einfluss einer großen Liebe und im Vorfeld seines Umzugs nach Paris. Musik, die sich ganz und gar um den Pianisten – hier in unserem Fall eine Pianistin – dreht.

Unter dem Dirigat von GMD Mihkel Kütson begleiten die Sinfoniker im Seidenweberhaus die Pianistin Ragna Schirmer, die zuletzt 2019 anlässlich Clara Schumanns 200. Geburtstag emphatisch von sich hören machte. Doch die Diskografie der in Halle lebenden Künstlerin umfasst, begonnen bei Bach vor 20 Jahren, eine breite aber bewusst auch fein ausgesuchte Palette bis hinzu Schnittke, Haydn (Echo Klassik 2003) und Händel (Echo Klassik 2009). In Krefeld war sie 2008 mit Ravel zu erleben.

Doch nun zu dem zweiten – noch jüngeren – Jüngling, dessen Musik am 13. und 16. Oktober im Seidenweberhaus auf dem Programm steht. Übrigens, das Programm wurde bewusst so ausgesucht, dass es sich selbst unter strengen Corona-Regeln realisieren lässt – und die Sinfoniker spielen in einer den Möglichkeiten entsprechend reduzierten Besetzung. Eine, die sich aber dennoch gut sehen lässt und in vergangenen Konzerten gar nicht so auffällig reduziert wirkte. Richard Strauss’ Serenade Es-Dur indes ist ohnehin schon für ein kompaktes Ensemble gestrickt. Für 13 Blasinstrumente, geschrieben von einem Teenager, und kann durchaus als Meilenstein in der Karriere des jungen Münchners gelten, dessen Serenade zum ersten Mal außerhalb der Stadt aufgeführt worden sei. Auch hier gilt das eben Erläuterte. Auch diese Musik ist durchdrungen von einer inneren Haltung, einer besonderen „jugendlichen Ernsthaftigkeit“, die aber, so wie sie klingt, gar nicht so klingt, wie die Musik eines Teenagers. Und vielleicht so gerade eben nur von einem Teenager geschrieben werden konnte – indes Strauss beweist schon hier seine absolute Kunstfertigkeit im Umgang mit Blasinstrumenten; ganz ähnlich wie Chopin im Umgang mit dem Klavier.