1. NRW
  2. Düsseldorf

Vier Wochen vor der OB-Wahl in Düsseldorf: Was schon klar ist und was niemand weiß

Kommunalwahl : Vier Wochen vor der OB-Wahl: Was schon klar ist und was niemand weiß

Am 13. September werden OB und Rat gewählt: Eine Bestandsaufnahme vor Beginn der heißen Wahlkampfphase.

Wenn man sich viele Jahre professionell mit der Kommunalpolitik in Düsseldorf befasst hat, wird man jetzt oft gefragt: Wer gewinnt denn nun die OB-Wahl? Die Antwort ist unbefriedigend: Man weiß es nicht. Auf der Stadtebene gibt es nun mal keine statistisch sauberen Umfragen. Fast alles bleibt Spekulation: Wie ist die Stimmung in der Stadt, wie viele Menschen interessieren sich überhaupt für die Wahl? Regelmäßig ist die Beteiligung bei Kommunalwahlen am geringsten. Wie aussagekräftig sind die zum Teil irre hohen Klick- und Like-Zahlen im Netz? Wie oft stecken da aber nur die Teams der Parteien und Kandidaten hinter?

Was man klar sagen kann, ist zweierlei: Vor allem die OB-Wahl wird richtig spannend, das ist im Rathaus von Tag zu Tag mehr zu spüren. Zweitens, auch wenn es weichgespült klingen mag: Die vier Top-Kandidaten sind alle richtig gut, bei keinem müsste man Bedenken haben, dass er oder sie die Stadt schlecht regieren würde.

Thomas Geisel hoffte noch vor einem halben Jahr, schon im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit zu holen. Was unrealistisch war und ist. Als Vorbild dient ihm sein SPD-Amtskollege Dieter Reiter in München. Der wurde im März glatt wiedergewählt, während seine SPD bei der Ratswahl weit hinter Grünen und CSU lag. Geisel aber ist umstrittener, hat sich viele Gegner mit den Umweltspuren oder zuletzt dem Rapper-Video gemacht. Wobei: Ob es wirklich so viele sind, wie man in der Social-Media- und Medien-Blase glauben könnte, ist längst nicht gesagt.

Thomas Geisel (SPD) zieht sein Ding durch, auch wenn er aneckt: Er möchte unbedingt diese zweite Amtszeit als OB. Foto: Zanin, Melanie (MZ)

Unstrittig hingegen ist: Er hat den Amtsbonus, was in Krisenzeiten normalerweise besonders zählt. Gerade deshalb hadert in seinem Umfeld so mancher damit, dass Geisel überhaupt keine Lust hat, eine 1:0-Führung einfach mal routiniert nach Hause zu bringen. Hinten dicht machen, schöne Schul-Neubau-Termine absolvieren und ansonsten den Gegner auskontern. Genau so ungern korrigiert er sich oder gibt nach – wenn er sich im Recht sieht. Da kann der Gegenwind noch so stark sein. Damit kein Missverständnis aufkommt: Geisel selbst sieht sich durchaus als cleveren Strategen. Warnt ihn jemand, das Farid-Bang-Video könne ihn viele Stimmen, zumal bei Frauen kosten, verweist er ungerührt auf die 40 Prozent Düsseldorfer mit Migrationshintergrund und auf die Jungwähler, die das anders sähen. Oder sein Verzicht aufs SPD-Logo: Dafür gibt es taktische und inhaltliche Gründe, es ist ja wirklich eine Persönlichkeitswahl. Doch jetzt, Ironie der Geschichte, könnte die SPD Geisel auf den letzten Metern sogar helfen, weil sie in Berlin mit dem Kanzlerkandidaten Scholz nach langer Zeit mal wieder eine richtige Personalentscheidung getroffen hat. Was auf jeden Fall für Geisel spricht und ihm allseits attestiert wird: Er ist ein guter Wahlkämpfer.

Stephan Keller (CDU) war schon Verkehrs- und Ordnungsdezernent in Düsseldorf – jetzt will er auf den Chefsessel. Foto: Zanin, Melanie (MZ)

Bei Stephan Keller von der CDU hatte man da anfangs so seine Zweifel. Sicher, Keller galt als kompetenter Macher, als Profi, ein Kenner der gesamten Materie, der zudem sympathisch rüber kommt. Im sprichwörtlichen Bad in der Menge konnte man ihn sich weniger vorstellen. Tatsächlich hat er dieses Vorurteil widerlegt. Er hat den Wahlkampf gut angenommen, ist sehr viel unterwegs, geht auf die Leute zu und versucht sich mit knappen, klaren Botschaften überall bekannt zu machen – und dann zu punkten. Digital agiert er im Vergleich zurückhaltender und seine Wahlplakate sind nicht durchweg jedermanns Sache. Dennoch: Die CDU hat mit ihm den lange gesuchten starken Herausforderer. Keller passt jedenfalls bei weitem besser auf den Chefsessel im Rathaus als die anfangs favorisierte Hildegard Müller. Die hat sich als hochbezahlte Auto-Cheflobbyistin spätestens mit der dreisten Forderung nach Kaufprämien auch für Diesel disqualifiziert.

Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) tritt als Außenseiterin mit viel Drive und noch mehr Selbstbewusstsein auf. Foto: Zanin, Melanie (MZ)

Den frechsten, pfiffigsten Wahlkampf führt Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP). Mit Guerilla-Aktionen von der Umweltspur in Wersten bis nach Sylt. In welcher anderen Stadt würde eine FDP-Kandidatin überhaupt so stark beachtet? Ihre Chuzpe ist sagenhaft, am Donnerstag stellte sie der Presse ernsthaft vor, was sie in den ersten sechs Wochen als Oberbürgermeisterin alles zu tun gedenkt, nämlich zum Beispiel zwei neue U-Bahnlinien auf die Schiene setzen oder 100 Millionen Euro für Baugenossenschaften geben, damit die 5000 preiswerte Wohnungen anbieten können. „MASZ“ will wirklich den Sieg und tut alles dafür. Tatsächlich aber wäre für sie alles andere als Platz 4 eine Riesensensation.

Stefan Engstfeld „traut sich was“: Aber traut sich der Grüne auch wirklich den Sieg zu? Foto: Zanin, Melanie (MZ)

Stefan Engstfeld von den Grünen kehrt den Siegeswillen nicht so nach außen, obwohl er viel bessere Chancen hat als die Liberale. Wer ihm begegnet, kann ihn gut leiden, was nicht heißt, dass er beliebig agierte. Engstfeld hat mit den Eckpfeilern Klimaschutz und Verkehrswende ein klares, modernes Programm für die Großstadt Düsseldorf. Und das bringt er gut rüber. Auffällig ist, dass seine Strategie passgenau, damit aber auch eng auf die 15 bis 25 Prozent Grünen-Wähler zielt. Für die absolute Mehrheit im zweiten Wahlgang dürfte das nicht reichen.

Am Ende wollen wir uns zumindest vor einem Tipp nicht drücken, also: Geisel und Keller gehen in die Stichwahl. Und in der darf der SPD-Mann wohl auch mit der Mehrheit der „grünen“ Stimmen rechnen, selbst wenn sich im neuen Rat ein schwarz-grünes Bündnis abzeichnen sollte.