Düsseldorfer Architekt Paul Schneider-Esleben baute Bungalow in Gruiten

Serie: Amerikanischer Architekturgeist in Düsseldorf

Bungalows symbolisierten im Nachkriegsdeutschland Aufbruch und Weltoffenheit. Auch der Bungalow, den Paul Schneider-Esleben unweit der Rhein-Metropole errichten ließ.

Als Ludwig Erhard im Jahr 1963 Bundeskanzler wurde und Konrad Adenauer im Amt ablöste, beauftragte er den Münchner Architekten Sep Ruf damit, für das große Parkgrundstück hinter dem Palais Schaumburg in Bonn einen Bungalow zu entwerfen. Auf der Rückseite des klassizistischen Schlösschens, in dem sich seit 1949 das Bundeskanzleramt befand, entstand ein elegantes, flaches, transparent schimmerndes Haus, eingebettet in die Auenlandschaft direkt am Rhein.

Flachdach-Bungalows waren zu dieser Zeit längst populär in Deutschland, dennoch waren einige Rückwärtsgewandte der Meinung, dass der Kanzlerbungalow zu schlicht und nicht majestätisch genug sei, um das Land zu repräsentieren. Wie aufsehenerregend muss es da mehr als zehn Jahre zuvor gewesen sein, einen Flachdach-Bungalow in Gruiten, einem Dorf zwischen Düsseldorf und Wuppertal zu errichten? Und wie konnte dort, in einem ländlichen Wohngebiet an der Grenze zum Bergischen Land, so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein Haus gebaut werden, das genau so auch in Kalifornien hätte stehen können?

Das junge Ehepaar Riedel hatte im Jahr 1951 den Düsseldorfer Architekten Paul Schneider-Esleben beauftragt, ein Wohnhaus für sie zu bauen und es war wohl ein großer Glücksfall für die Architekturgeschichte, dass sowohl die Auftraggeber als auch der Architekt ganz ähnliche Vorstellungen von einem modernen, naturverbundenen Leben  hatten. Für Schneider-Esleben war es der erste Flachdach-Bungalow, den er jemals entwerfen sollte. Mehr noch: Es handelte sich dabei um eines der allerersten Wohnhäuser mit einem flachen Dach, das überhaupt nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland gebaut wurde. Trotz der Nähe zum gerade erst von den Briten zur Landeshauptstadt erhobenen Düsseldorf, das sich damals schon zum Einfallstor moderner Kunstströmungen aus Amerika entwickelte, wirkte Riedels‘ Haus auf die Nachbarn mehr als ungewöhnlich. Und Riedels selbst, die beruflich immer wieder in die USA reisten, galten in Gruiten als Exoten.

Anfang der 1960er Jahre, als sich Ludwig Erhard seinen Kanzlerbungalow bauen ließ, waren Wohnhäuser mit flachen Dächern dagegen längst im Bewusstsein der Bevölkerung angekommen. Zahllose Bau- und Wohnzeitschriften hatten darüber berichtet und aufgrund seiner Skalierbarkeit und seiner praktischen Funktionalität war der Bungalow in Deutschland zu einer der beliebtesten Wohnhausformen avanciert. Für Ludwig Erhard plante Sep Ruf zwei versetzt zueinander stehende, vollverglaste Baukörper mit jeweils einem Atrium in der Mitte. Der vordere Teil des Hauses diente als  Arbeitsbereich und der Repräsentation bei Staatsempfängen, daran angeschlossen lag hinten der private Wohntrakt des Bundeskanzlers.

Der Düsseldorfer Star-Architekt Paul Schneider-Esleben (1915-2005) entwarf einen Bungalow in der Provinz. Foto: picture-alliance/ dpa/2001 SNOWBOUND, ALL RIGHTS RESER

Diejenigen, die damals immer noch einer vermeintlich besseren, prunkvolleren Vergangenheit nachhingen, bezweifelten, dass man mit einem Bungalow ein ganzes Land repräsentieren konnte. Als Wohnhaus mochte ein Bungalow durchaus funktionieren, für ein staatliches Gebäude schien ihnen diese Bauform dann aber doch zu schlicht zu sein. Das allerdings war genau die Idee hinter dem Entwurf des Kanzlerbungalows und der Bezug zu Amerika spielte in diesem Fall eine besondere Rolle.

Ludwig Erhards beabsichtigte, mit seinem transparenten, eleganten Flachdach-Bungalow auch architektonisch seinen Glauben an die Demokratie und seine gute Beziehungen zu Amerika zu demonstrieren. Denn kaum eine Gebäudeform stand mehr für den Begriff der Freiheit und der Individualität des Einzelnen als der Bungalow in all seiner Klarheit und Einfachheit und mit seinen Ursprüngen, die tief in der nordamerikanischen Kultur verwurzelt sind. Der Kanzlerbungalow sollte ein demokratisches, modernes Deutschland repräsentieren, in die Zukunft weisen und gleichzeitig an die Ideale der Weimarer Republik anknüpfen, architektonisch wie symbolisch. Architekten wie Mies van der Rohe und Walter Gropius waren nach der Schließung des Bauhauses in Dessau (1932) und in Berlin (1933) nach Amerika ausgewandert und hatten dort in den folgenden Jahren ihre Ideen verfeinert. Die beinahe vollkommene Transparenz des Kanzlerbungalows kann man sicherlich als Symbol deuten, ganz offensichtlich ist jedoch Sep Rufs Bezug auf Mies van der Rohes Pavillon, mit dem sich Deutschland 1929 auf der Weltausstellung in Barcelona präsentierte, auf das Glass House (1949) des US-amerikanischen Architeken Philip Johnson und auf die Bungalows des sogenannten „Case Study House Programs“, das Ende der 1940er Jahre in Kalifornien lanciert wurde.

Die Haushälterin von Bundeskanzler Ludwig Erhard prüft am 27. April 1971 die Wassertemperatur des Schwimmbeckens im Kanzlerbungalow. Foto: picture-alliance/ dpa/Kurt Rohwedder

Im Bonner Kanzlerbungalow begegneten sich Politiker aus der ganzen Welt wortwörtlich auf einer Ebene. Dennoch traf Ludwig Erhards Bungalow auf deutliche Kritik in der Bevölkerung und auch auf die nachfolgender Bundeskanzler, die teilweise nicht einmal in dem modernen Gebäude wohnen wollten. Einige gestalteten den Innenraum so um, dass er ihrem persönlichen Empfinden nach ein wenig behaglicher wirkte. Helmut Kohl ließ sich beispielsweise über dem Esszimmertisch einen LED-Himmel installieren, zu dem vermutlich auch ein Acrylglas-Flügel gepasst hätte.

Mit dem Kanzlerbungalow betonte die Bundesrepublik ihre Bindung an den Westen, das heißt an die USA und setzte sich auch architektonisch vom Ostblock ab. Die Idee, Architektur als Symbol für einen Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg und die Weltoffenheit der Bundesrepublik einzusetzen, stand auch hinter der Planung des Hansaviertels im Berliner Tiergarten, das 1958 eingeweiht wurde. Architekten aus der ganzen Welt – darunter Le Corbusier, Oscar Niemeyer und auch Paul Schneider-Esleben – waren dazu eingeladen worden, jeweils ein Wohnhaus zu entwerfen, vom Bungalow über Mehrfamilienhäuser bis hin zur Wohnmaschine. Letztere, Le Corbusiers Unité d‘Habitation, wurde schließlich am Berliner Olympiastadion gebaut. Mit dem Hansaviertel grenzte sich West-Berlin ganz deutlich vom Osten der Stadt ab, vom prunkvoll-monumentalen Zuckerbäckerstil der Karl-Marx-Allee, und zelebrierte stattdessen Modernität, Internationalität und den Anschluss Berlins an die USA und die ganze Welt.

Hätte auch in Kalifornien stehen können: Der Flachdach-Bungalow von Paul Schneider-Esleben für die Familie Riedel in Haan-Gruiten. Er hat ihn Anfang der 1950er Jahre entworfen. Foto: Thomas Frank

Fünf Architekturzeitschriften fand Dagmar Riedel im Bungalow ihrer Eltern, in denen das Haus beschrieben wird, zum Beispiel ein Exemplar von „Bauen und Wohnen“ aus dem Jahr 1954. Stolz auf seinen Entwurf hatte Paul Schneider-Esleben Berichte und Fotos des Hauses nach dessen Fertigstellung breit in Magazinen gestreut. Zwei Bungalows werden in einer Ausgabe von „Haus und Bau“ vom Anfang der 1950er Jahre beschrieben und einander gleichwertig gegenübergestellt: ein Wohnhaus des österreischisch-amerikanischen Architekten Richard Neutra in Los Angeles und Schneider-Eslebens Bungalow für Familie Riedel in Gruiten. Im Anhang des Heftes befinden sich sogar einige Extraseiten mit Konstruktionszeichnungen der beiden Häuser, die man an einer perforierten Linie heraustrennen kann.

Der Architekt Richard Neutra war maßgeblich an der Entwicklung des typischen kalifornischen Bungalows beteiligt und gilt heute als einer der Hauptvertreter dieser Bauform, auch weil er seine Ideen nach Deutschland und in die Schweiz gebracht hat. Sein Leben und Werk machen die enge architektonische Verbindung zwischen Europa und den Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert deutlich nachvollziehbar.

In den 1920er Jahren waren einige mutige Architekturpioniere von Europa aus nach Kalifornien ausgewandert, als Los Angeles noch eine flirrende Fata Morgana am entfernten Pazifik war, sich die Filmbranche dort gerade erst etablierte und das Hollywoodzeichen schlicht für Bauland warb. Nachdem Neutra seinem Freund und Kollegen Rudolph Schindler 1926 von Wien aus über Chicago nach Los Angeles gefolgt war und ein eigenes Architekturbüro in Silverlake gegründet hatte, besuchte er von dort aus in den folgenden Jahrzehnten immer wieder Europa und baute nach dem Zweiten Weltkrieg Wohnhäuser in Wuppertal, Quickborn, Königstein und in der Schweiz. Beinahe wäre auch das Düsseldorfer Schauspielhaus nach Plänen Neutras gebaut worden, den Wettbewerb gewann im Jahr 1961 allerdings Bernhard Pfau mit seinem geschwungenen, organischen Entwurf. Auch einen groß angelegten Bungalow plante Neutra für Düsseldorf, für Familie Henkel, die ihren Auftrag dann aber nach langem Überlegen zurückzog. Zu sehr befürchtete man, dass die großen Fenster ungewollte Einblicke in das Privatleben der Familie gewährten. Somit hätte Düsseldorf beinahe ein wenig Los-Angeles-Flair und kalifornische Lässigkeit abbekommen.

In Los Angeles, auf der anderen Seite des Planeten, hatte der Verleger John Entenza 1948 die Zeitschrift „Arts and Architecture“ übernommen und das „Case Study House Program“ initiiert. Über mehrere Jahrzehnte hinweg entwarfen für dieses Projekt junge Architekten Häuser, die im Idealfall kostengünstig und aus industriell hergestellten Materialien zu bauen waren. Die so entstandenen Häuser publizierte Entenza in seiner Zeitschrift, perfekt inszeniert in den eleganten Fotos von Julius Shulman. Auf diese Weise trug „Arts and Architecture“ zur Verbreitung der Bungalow-Idee bei, sowohl in Amerika als auch in Europa. Das Haus, das Ray und Charles Eames für ihr Grundstück in Pacific Palisades entwarfen, ist eines der bekanntesten Beiträge zum Case Study House Program, sowie das Stahl Haus von Pierre Koenig, das hoch oben im Himmel über Los Angeles zu schweben scheint. Es besteht beinahe nur aus Glas, einem türkisfarbenen Pool und einer Betonplatte. Richard Neutra, der seine Erfahrungen noch aus erster Hand von den Wiener Architekten Otto Wagner und Adolf Loos hatte, war von Anfang an bei Entenzas Case Study House Program dabei.

Während des Zweiten Weltkriegs wanderten dann Bauhaus-Architekten wie Walter Gropius und Mies van der Rohe in die Vereinigten Staaten aus, setzten ihre Arbeit und ihre Lehrtätigkeit in Chicago oder Havard/Cambridge fort und verfeinerten ihre Ideen. Diese Konzentration des architektonischen Fortschritts in den Vereinigten Staaten veranlasste nach dem Krieg zahlreiche deutsche Architekten, nach Amerika zu reisen, um etwas über modernes Bauen zu lernen. In ihrem Heimatland mussten sie hunderte zerstörte Städte wieder aufbauen. Paul Schneider-Esleben flog immer wieder nach Amerika und mit der Zeit sagte man ihm nach, dass er jedes Mal einen neuen Stil mit nach Deutschland brachte. Nicht umsonst nannte man ihn schließlich „Schneider-Jetleben“. Der Münchner Erich Schneider-Wessling ging sogar so weit, in Los Angeles Architektur zu studieren. Bevor er sein eigenes Architekturbüro in Köln gründete, arbeite er eine ganze Weile bei Richard Neutra. Und Erich Riedel, der damals als technischer Direktor einer Stahlbaufirma tätig war, flog zusammen mit seiner Frau wiederholt beruflich nach New York und tauchte mit ihr dort in die aufregende Kunstwelt der 1950er und 1960er Jahre ein.

Auch wenn Richard Neutra letztendlich nie ein Gebäude für Düsseldorf entworfen hat, sieht man dennoch den Einfluss der amerikanischen Architektur auf das Stadtbild. In der Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit wurde die gesamte Stadt modernisiert, es entstanden Durchfahrtsstraßen, neue Wohn- und Büroviertel wurden angelegt und auf einmal überspannte das Stadtzentrum der Tausendfüßler, eine Hochstraße, die den Verkehr an der stählernen und gläsernen Fläche des neuen Thyssen-Hochhauses und den Schwüngen des Schauspielhauses vorbeiführte. Kam man von Norden aus in die Stadt, vom Flughafen, so hatte man das luxuriöse Erlebnis, über die Hochstraße zu fahren und die Stadt und den großen Park, in dessen See sich das Thyssen-Hochhaus spiegelte, von oben zu sehen, bevor das Auto gemächlich wieder hinabrollte.

Düsseldorf übernahm gleich mehrere absolut innovative Ideen aus dem Kontinent jenseits des Atlantiks. So entstand 1960 mit der Hortenzentrale von Helmut Rhode das erste Gebäude des frisch angelegten Büroviertels „Am Seestern“ und damit das erste Großraumbüro Deutschlands. Das Kö-Center auf der namensgebenden Prachtallee ist wiederum ein ganz frühes Beispiel für ein Einkaufszentrum nach amerikanischem Vorbild und wurde 1967 eröffnet. In seinen klaren, rechtwinkligen Formen und mit seiner matt schimmernden Aluminiumfassade besteht das Kö-Center aus einem Ensemble verschiedener Geschäfte, einer legendären Disco und einem Hochhaus, das mit der Inschrift „Aluminium-Zentrale“ gekrönt ist.

Insgesamt gesehen ist Familie Riedels Bungalow in Gruiten also nicht nur ein besonders schönes, elegant komponiertes Gebäude aus den frühen Fünfzigerjahren, es ist eingebettet in einen großen kunst- und kulturgeschichtlichen Kontext, der von der Gründung des Bauhauses im Jahr 1919 über die Nachkriegszeit bis zum heutigen, wiedererwachten Interesse an der Architektur der Nachkriegsmoderne reicht, sowie vom kleinen Ort Gruiten an der Grenze zum Bergischen Land bis zu dem von Eukalyptusbäumen beschatteten Hang am Rand des Pazifiks, wo sich das Eames-House befindet.

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