Theater: Was stellen wir uns vor, wenn wir Nigeria hören?

Theater: Was stellen wir uns vor, wenn wir Nigeria hören?

„Imagination TV – Wie fern kannst du sehen?“ ist eine Kooperation zwischen dem Jungen Schauspielhaus und dem Theater Kininso Koncepts aus Lagos in Nigeria. Es behandelt unsere stereotypen Vorstellungen von fremden Ländern. Am Sonntag wird das Stück unter der Regie von Joshua Alabi uraufgeführt.

Auf der Probebühne des Jungen Schauspiels treffen Imaginationen aufeinander. Zwei Schauspielerinnen, begleitet von live gespielten Trommel-Rhythmen, stellen sich vor, wie es wohl in dem jeweils anderen Land ist. Die nigerianische Schauspielerin Jennifer Ijeoma Agabata und Selin Dörtkardes vom Ensemble des Jungen Schauspielhauses Düsseldorf haben aber in gewisser Weise die Rollen getauscht. Dörtkardes spricht über Nigeria in phantasievollen Tönen, wie vielleicht Nigerianer eigentlich über Deutschland denken, und vice versa beschreibt Agabata Klischees über Afrika, die aber in diesem Fall Europa zugeschrieben werden. Eine Szene aus „Imagination TV – Wie fern kannst du sehen?“. Sie soll durch die Vertauschung die Absurdität unserer Vorstellungen von „fremden“, unbekannten Ländern verdeutlichen.

Das Stück, das geprobt wird, ist eine Koproduktion des Jungen Schauspiels mit dem Theater Kininso Koncepts aus Lagos in Nigeria. Nach der intensiv gespielten Szene, die einen zwar kleinen, aber eindrucksvollen Vorgeschmack auf die Premiere am 13. Januar gibt, haben wir Gelegenheit, mit dem nigerianischen Regisseur Joshua Alabi, den Schauspielerinnen und der Dramaturgin Kirstin Hess zu sprechen.

Die Dramaturgin erklärt zu Beginn: „Der Ausgangspunkt war, darüber nachzudenken, welche Stereotype wir von einem anderen Land oder einem anderen Kontinent haben.“ Jennifer Ijeoma Agabata beispielsweise ist zum ersten Mal in Deutschland, wenngleich es nicht ihr erster Besuch in Europa ist. Sie vertraut uns an, dass sie bestimmte Vorstellungen von Deutschland hatte, etwa, dass der Arbeitsalltag bei weitem entspannter sei als in Nigeria. Doch als sie hier ankam, stellte sie fest, dass „man hier nahezu so arbeitet als wäre man eine Maschine.“ Es gibt oft auch kleine Details, die unser Bild von einem anderen Land prägen würden, so hat sie zum Beispiel gehört, dass es in Deutschland keine überirdischen Leitungen gäbe, alles wäre unterirdisch verbunden. Aber unabhängig von solchen kleinen Beobachtungen gibt es bei jedem von uns Bilder, die wir von anderen Ländern in uns tragen, sei es aus Filmen, aus Erzählungen oder schlicht der Fantasie. Wie im Gespräch deutlich wird, geht es den Machern des Stücks um das Hinterfragen genau solcher Vorstellungen, die unser Bild anderer Länder prägen – auf beiden Seiten.

Regisseur Joshua Alabi war, als er das erste Mal nach Deutschland kam, davon fasziniert, dass es hier so viele Theater gibt, auch in kleinen Städten, sagt er uns. In Nigeria herrschten diesbezüglich gänzlich andere Verhältnisse. Das Besondere, dass es hier Theater für Kinder gäbe, dies sei in Nigeria und in vielen Teilen Afrikas nicht der Fall, erklärt er. Dort würden viele Kompanien behaupten, Theater für Kinder mache keinen Sinn. Auf Nachfrage, wieso die Menschen denken würden, dass es keinen Sinn mache, erklärt Alabi: „Alle möchten etwas Großes. Theaterlandschaft ist kapitalistischer in seiner Ausrichtung. Es fehlt an Geld. Festivals oder Workshops für Kinder erscheinen da weniger profitabel und man findet keine potentiellen Förderer, die investieren möchten.“

In Nigeria haben Regisseure
mehr Macht

Alabi möchte sozialpolitisches Theater machen, sagt er. Also reagiert er auf sein Umfeld. So auch in Düsseldorf. Die Kooperation zwischen nigerianischen und deutschen Theatermenschen führt zwangsläufig zu der Frage, wie sich die Traditionen unterscheiden, wie sich die beiden Welten miteinander vereinen, reiben, dialektisch zu etwas Neuem werden können. Jennifer Ijeoma Agabata betont, dass im nigerianischen Theater in erster Linie vornehmlich afrikanische Geschichten erzählt werden, Musik spiele immer eine tragende Rolle. Regisseure hätten dort viel mehr Macht. Sie bestimmten genau, was ein jeder zu tun habe. Dies erlebe sie hier in Deutschland ganz anders.

Selin Dörtkardes erklärte uns wiederum, dass es eine gewisse Herausforderung sei, auch theatralisch eine gemeinsame Sprache zu finden. Man erarbeite das Konzept des Stückes im Prozess, wie Dramaturgin Kirstin Hess erläuterte. So entstehe Szene um Szene, Idee um Idee das Stück.

Ausgangspunkt ist übrigens eine anrührende Szene aus dem Film „Beasts of no nation“ von Cary Joji Fukunaga, in der Kinder eine leere Hülle von einem alten Fernsehgerät als „Imagination TV“ – übersetzt Fantasie TV – verkaufen wollen. Sie stellen sich hinter das Gerät, nutzen es als Rahmen, um selbst Fernsehsendungen nachzustellen, etwa eine Seifenoper, um das Gerät potentiellen Käufern, unter ihnen Soldaten, schmackhaft zu machen.

Man darf gespannt sein, wie das „Imagination-TV“ hier in Düsseldorf aussehen wird.

Die Premiere und Uraufführung ist am 13. Januar um 16 Uhr (ausverkauft, eventuell Restkarten) am Jungen Schauspielhaus (Münsterstraße 446). Informationen zu weiteren Vorstellungen, beispielsweise am 14. Januar, gibt es im Internet unter:

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